
Vier ehemalige Zeugen Jehovas stehen Rede und Antwort. In Interviews mit dem Fotografen Andreas Reiner berichten die zwei Frauen und zwei Männer, einer davon anonym, von ihren Erfahrungen in der Glaubensgemeinschaft und den Schwierigkeiten beim und nach dem Ausstieg. Obwohl sie unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Herkunft sind, ähneln die Berichte einander. Hat es mit den Strukturen innerhalb der Glaubensgemeinschaft zu tun?
Bewegende Zeugenschaft
In der öffentlichen Wahrnehmung spielen die Zeugen Jehovas beziehungsweise Jehovas Zeugen, wie sich die in den 1870er-Jahren in den USA gegründete Glaubensgemeinschaft selbst bezeichnet, eine vernachlässigenswerte Rolle. Das mag zum einen an ihrer Geschichte liegen, die gemessen an anderen Religionen noch sehr jung ist, was sich wiederum in verhältnismäßig niedrigen Mitgliederzahlen ausdrückt. Im Jahr 2024 zählte die Organisation weltweit 8,8 Millionen Gläubige, wovon nicht ganz 200.000 in Deutschland lebten. Wobei hinzugefügt werden muss, dass es sich dabei lediglich um aktiv missionierende Mitglieder handelt. Kleinkinder und inaktiv getaufte Mitglieder sind in dieser Erhebung nicht mit eingeschlossen. Zum anderen dürfte es daran liegen, dass die Zeugen Jehovas kein großes Aufsehen in der Öffentlichkeit erregen.
Wer kein Mitglied der Zeugen Jehovas persönlich kennt, der wird dieser Glaubensgemeinschaft höchstwahrscheinlich nur an zwei Orten bei ihren leisen Missionierungsversuchen begegnet sein: in der Fußgängerzone mit den Zeitschriften Der Wachtturm oder Erwachet! in der Hand oder an der eigenen Haustür, eine Bibel unter dem Arm, um sich über Gott zu unterhalten. Wie es innerhalb der Glaubensgemeinschaft selbst aussieht und zugeht, wissen hingegen die wenigsten.
Auch der Fotograf Andreas Reiner hatte davon keine Ahnung, bis er im Auftrag einer Tageszeitung eine Aussteigerin porträtieren sollte. Obwohl er eigentlich nur gekommen war, um ein paar Fotos von ihr zu schießen, unterhielt er sich mehrere Stunden mit der Frau über ihre Situation. Und Reiner beschloss, ein eigenes Fotoprojekt zu dem Thema zu beginnen. Im Austausch mit den Filmschaffenden Günter Moritz und Monika Agler ergab sich daraus schließlich die Idee zum vorliegenden Film, den Moritz und Agler produziert, bei dem Moritz die Regie geführt und den Agler geschnitten hat.
Erschütternde Einblicke
Das Trio hat sich dafür entscheiden, den Dokumentarfilm komplett aus der Innensicht der ehemaligen Mitglieder zu erzählen. Dafür hat sich Andreas Reiner mit ihnen zu Gesprächen getroffen, die mal in privaten Räumen, mal in einem Café, mal während einer Autofahrt und mal vor beachtlicher Kulisse draußen in der Natur geführt werden. Dazu trägt die klassisch komponierte Musik aus Streichern und Klavier ab und an allzu dick auf. Denn angesichts der bewegenden Berichte der Interviewten wäre der Musikeinsatz gar nicht nötig gewesen.
Die eingeschränkte Perspektive ist die große Stärke des Films, bleibt allerdings nicht ohne Schwächen. Monika Aglers gute Montage, die die vier unabhängig voneinander befragten Aussteiger immer dann klug miteinander verbindet, wenn sich in ihren Erfahrungsberichten Berührungspunkte ergeben, zeigt auf diese Weise indirekt problematische Strukturen innerhalb der Glaubensgemeinschaft auf. Gewalt, sowohl körperliche als auch sexuelle, Ausgrenzung und soziale Ächtung scheinen, wenn schon nicht aktiv gefördert, so zumindest auch nicht verhindert oder im Nachhinein aufgeklärt zu werden. Wie gravierend diese Probleme tatsächlich sind, das klärt der Film allerdings nicht auf. Denn das Verharren in einer subjektiven Perspektive verhindert eine objektive Einordnung der im Film geäußerten Vorwürfe.
Die Gespräche, die von Andreas Reiner nicht in jeder Situation mit Fingerspitzengefühl, aber stets mit dem gebührenden Respekt und der nötigen Neugier geführt werden, fördern Erschütterndes zutage. Und auch wenn die im Film vorgestellten Schicksale zu wenige sind, um als exemplarisch gelten zu können, so stellt sich dennoch die Frage, ob hier – wie bei anderen Religionsgemeinschaften ebenso – nicht Strukturen vorliegen, die (Macht-)Missbrauch begünstigen und dringend einer kritischeren Überprüfung bedürften.
OT: „Ich war ein Zeuge“
Land: Deutschland
Jahr: 2025
Regie: Günter Moritz
Idee: Andreas Reiner
Musik: Omnitah Schwark
Kamera: Christopher Krehahn, Dirk Schwarz
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