
Im Sommer 1990 trat die deutsche Fußballnationalmannschaft der Herren unter ihrem Teamchef Franz Beckenbauer die Reise ins Gastgeberland Italien mit einem festen Ziel vor Augen an: Weltmeister werden! Nach zwei verlorenen Finalspielen bei den Weltmeisterschaften 1982 in Spanien (gegen Italien) und 1986 in Mexiko (gegen Argentinien) fühlte sich die Truppe dieses Mal reif für den Titel, nicht zuletzt deshalb, weil viele Spieler in der Form ihres Lebens und einige bereits auf dem Zenit ihres Könnens angelangt waren. Die Stimmung im Teamhotel in Erba am Comer See war ausgelassen, auch weil Beckenbauer seinen Spielern viele Freiheiten ließ. Deren unerlaubte Ausflüge sind ebenso legendär wie der „Heimvorteil“, den das deutsche Team aufgrund seiner Italien-Legionäre – Lothar Matthäus, Andreas Brehme und Jürgen Klinsmann standen bei Inter Mailand unter Vertrag, Rudi Völler und Thomas Berthold bei der AS Rom – jenseits der Alpen genoss.
Weltmeister der Herzen
Fußball, der Deutschen liebstes Hobby. Angesichts dessen verwundert es nicht, dass diese schönste Nebensache der Welt in schöner Regelmäßigkeit auch im Kino gewürdigt wird. Nimmt man nur die „deutschen“ Themen und lässt internationale Weltstars wie Diego Maradona, Lionel Messi und Cristiano Ronaldo außer Acht, dann waren allein in den letzten 15 Jahren Dokumentarfilme über das Trainer- und Schiedsrichterwesen, über Spieler wie Thomas Broich, Toni Kroos und Mario Götze sowie über den Sieg der deutschen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft (WM) in Brasilien im Kino zu sehen. Und zählt man die unzähligen Fernseh-Dokus mit hinzu, scheint jedes noch so abwegige Thema mindestens einmal abgedeckt worden zu sein.
Braucht es also überhaupt noch einen Film über die WM 1990 in Italien? Frank Rijkaards Spuck-Attacke auf Rudi Völler im Achtelfinale gegen die Niederlande, Lothar Matthäus‘ Schuhwechsel im Finale gegen Argentinien, der dazu führte, dass der Kapitän den für Deutschland gegebenen Elfmeter nicht selbst an-, sondern an seinen Buddy Andreas Brehme abtrat, Franz Beckenbauers gedankenverlorenes Wandeln über den Rasen des Olympiastadions in Rom nach dem Schlusspfiff – das alles ist bekannt und schon tausendmal gesehen. Ist über dieses Turnier somit nicht schon alles gesagt? Mitnichten!
Bodo öffnet das Privatarchiv
Neu hinzugekommen ist unter anderem Filmmaterial, das der Nationaltorwart Bodo Illgner mit seiner eigenen, kurz vor der Weltmeisterschaft erworbenen Kamera während des Turniers aufgenommen hat – und innerhalb der Doku verschmitzt kommentiert. Es sorgt dafür, dass das Kinopublikum bislang ungesehene Einblicke ins Mannschaftshotel erhält und noch ein wenig näher an die Spieler von einst heranrückt. Diese intimen Momente, zum Teil mit Frauen und Kindern am Pool oder bei einer Bootsfahrt auf dem Comer See, werden von aktuellen Interviews ergänzt, in denen die interviewten Spieler bisweilen zu Tränen gerührt sind.
Eine schöne Idee von den zwei Regisseurinnen Vanessa Goll und Nadja Kölling ist es, nicht alle Spieler einfach irgendwo zum Gespräch zu bitten, sondern einige an ihre alten „Wirkungsstätten“ zurückzuführen. Lothar Matthäus betritt den Rasen des Stadions in Rom, Guido Buchwald sitzt auf der Tribüne des Giuseppe-Meazza-Stadions in Mailand, wo sein Team fünf der sieben Spiele bestritt, Andreas Möller und Karl-Heinz „Kalle“ Riedle statten dem alten Teamhotel noch einmal einen Besuch ab und Pierre „Litti“ Littbarski und Thomas „Icke“ Häßler schippern noch einmal gemeinsam über den Comer See. Ebenso gelungen ist es, dass mit Raimond Aumann, Andreas Köpke und Paul Steiner auch drei der fünf Spieler zu Wort kommen, die das komplette Turnier über ohne Einsatz geblieben sind. Vor allem Steiner ist ein selten gesehener Interviewpartner, der die Doku durch seine Perspektive bereichert.
Mehr als nur coole Sprüche
Einen kritischen Dokumentarfilm sollte man allerdings nicht erwarten. Ein Sommer in Italien ist komplett aus der Innensicht des damaligen Teams und Trainerstabs erzählt und soll explizit „keine Sport-Doku sein“, wie Goll und ihr Koproduzent Benjamin Seikel in einer Anmerkung zum Film verlauten lassen. Dort heißt es weiter: „Der Film erzählt von Werten wie Freundschaft, Zusammenhalt und Loyalität, von einem positiven Lebensgefühl und von Hoffnung – etwas, das wir heute dringend brauchen.“ Das mag etwas zu hoch gegriffen sein, nicht zuletzt angesichts der Tatsache, dass viele der Spieler die damalige Zeit in der Rückschau allzu offensichtlich verklären und kritische Köpfe wie Jürgen Kohler oder Thomas Berthold überhaupt nicht zu Wort kommen. Doch wie jedem erfolgreich bestrittenen Turnier wohnt freilich auch diesem ein gewisser Zauber inne, den diese Doku erfolgreich in Filmbilder bannt.
Der Ersatzspieler Frank Mill (1958–2025), Siegtorschütze Andreas Brehme (1960–2024) und Teamchef Franz Beckenbauer (1945–2024) konnten für den Film nicht mehr interviewt werden. Die Produzenten möchten ihn auch als „emotionale[n] Nachruf auf seine bereits verstorbenen Protagonisten“ verstanden wissen. Das ist dieser Doku geglückt, ebenso, ein etwas differenzierteres Bild von Franz Beckenbauer zu zeichnen. Denn der Teamchef gab sich nur vor den Fernsehkameras nonchalant. Hinter lockeren Sprüchen wie „So, und jetzt geht’s raus und spielt’s Fußball!“ steckte in Wahrheit sehr viel harte, akribische Arbeit.
OT: „Ein Sommer in Italien – WM 1990“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Vanessa Goll, Nadja Kölling
Buch: Vanessa Goll, Nadja Kölling, Nils Suling
Musik: Jens Langbein, Robert Schulte Hemming
Kamera: Nicolai Mehring
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