
Schon als kleiner Junge war der niederländische Taucher und Naturfilmer Peter van Rodijnen vom Meer fasziniert. Im Fernsehen verfolgte er gebannt die Expeditionen des Meeresforschers Jacques-Yves Cousteau – ein früher Impuls, der seinen späteren Berufsweg prägen sollte. Nach vielen Jahren, in denen er vor allem in tropischen Gewässern filmte, kehrte van Rodijnen zu einem Meer zurück, das direkt vor seiner Haustür liegt: der Nordsee. In der Dokumentation Die wilde Nordsee – Natur, die sich nicht zähmen lässt nimmt er das Publikum mit auf eine Reise durch nahezu den gesamten Nordsee-Anrainerraum. Die Kamera führt zu den schottischen Inseln, entlang der dänischen und deutschen Küsten, in das niederländische Delta und bis in norwegische Fjorde. Unter Wasser begegnet man Haien, Fischen und winzigem Plankton, über Wasser Vögeln und Robben – ein Panorama eines Meeresraums, der trotz seiner Nähe für viele Menschen weitgehend unbekannt geblieben ist.
Faszinierende Bilder, emotionale Musik
Regie führt Mark Verkerk, ein erfahrener Naturfilmer, der mit seiner Trilogie Die neue Wildnis – Große Natur in einem kleinen Land, Wildes Holland – Das lebendige Delta und Amsterdam: Streifzug auf Katzenpfoten bereits gezeigt hat, wie überraschend wild vertraute Landschaften sein können. Für die beiden letztgenannten Filme arbeitete er erstmals mit Peter van Rodijnen zusammen. In Die wilde Nordsee tritt dieser jedoch nicht nur als Kameramann in Erscheinung, sondern auch vor der Kamera und als Erzähler aus dem Off – sowohl im niederländischen Original als auch in der deutschen Fassung. Er berichtet von Begegnungen mit Riesenhaien, Orcas und Lachsen ebenso wie von tierischem Plankton oder Küstenvögeln wie dem Papageitaucher. Seine Betonung mag nicht immer perfekt sein, doch seine Stimme trägt eine spürbare Begeisterung, die dem Film eine persönliche Note verleiht. Da verzeiht man ihm auch den einen oder anderen schlechten Witz.
Das eigentliche Pfund dieser Dokumentation sind jedoch die Bilder. Die Unterwasserwelt der Nordsee zu filmen ist ungleich schwieriger als in tropischen Gewässern: starke Strömungen, kurze Wetterfenster, kaltes und oft trübes Wasser erschweren jede Aufnahme. Selbst große Dokumentarfilm-Produzenten wie die BBC haben dieses Randmeer lange gemieden. Dass die Dreharbeiten zu Die wilde Nordsee sich über sechs Jahre und rund tausend Tauchgänge erstreckten, überrascht daher kaum. Die Mühe hat sich gelohnt: Die Aufnahmen offenbaren eine Vielfalt und Schönheit, die man in diesem Meer kaum vermuten würde. Die Musik von Sven Figee verstärkt diesen Eindruck noch und verleiht vielen Sequenzen eine emotionale Wucht, die besonders auf der großen Leinwand zur Geltung kommt.
Größe nicht immer entscheidend
Dabei entfaltet der Film seine Wirkung nicht allein durch spektakuläre Großtiere. Zwar gehören Orcas, Riesenhaie und Thunfische zu den eindrucksvollsten Erscheinungen der Nordsee, doch ebenso faszinierend sind die kleineren Bewohner. Seeskorpione, Einsiedlerkrebse oder andere unscheinbare Meeresbewohner werden mit derselben Sorgfalt ins Bild gesetzt. Dass der Film zudem nicht an der Wasserlinie haltmacht, erweist sich als kluge Entscheidung: Papageientaucher und Kegelrobben, die an den Küsten leben, gehören ebenso selbstverständlich zum Ökosystem Nordsee. Und selbst die kleinsten Organismen liefern in makroskopischen Nahaufnahmen Bilder von überraschender Schönheit – Laich und planktonische Kleinstlebewesen wirken mitunter genauso spektakulär wie die großen Räuber des Meeres.
Schützenswerte Natur
Gleichzeitig formuliert der Film eine klare Botschaft. Die wilde Nordsee zeigt die Ambivalenz einer Meeresregion, die zu den wildesten, aber auch zu den am intensivsten genutzten in Europa zählt. Eine der verkehrsreichsten Schifffahrtsrouten der Welt, industrielle Fischerei, Offshore-Windparks sowie Energie- und Rohstoffgewinnung prägen das Bild ebenso wie weiträumige Naturschutzgebiete. Die Nordsee erscheint so als ein Raum permanenter Spannung zwischen Nutzung und Bewahrung. Verkerk und van Rodijnen lassen keinen Zweifel daran, dass die Zukunft dieses Ökosystems davon abhängt, wie dieses Gleichgewicht gestaltet wird, hätten dies aber gerne auch fokussierter tun können.
Am Ende steht ein Gedanke, der an Jacques-Yves Cousteau erinnert. „Die Menschen schützen nur das, was sie lieben“, wird er gegen Ende des Films zitiert. Die wilde Nordsee versucht genau dieses Gefühl zu wecken – Staunen, Bewunderung und vielleicht auch eine neue Nähe zu einem Naturraum, den viele lediglich vom Urlaub kennen. Gerade darin liegt die Stärke dieser Dokumentation: Sie öffnet den Blick für ein Meer, das direkt vor unserer Haustür liegt und doch erstaunlich fremd ist.
OT: „De wilde Noordzee“
Land: Niederlande
Jahr: 2024
Regie: Mark Verkerk
Buch: Geert-Jan Roebers
Musik: Sven Figee
Kamera: Peter van Rodijnen, Dick Harrewijn
Mitwirkende: Peter van Rodijnen
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