
Postkarten aus der Slowakei – doch statt brutalistischer Architekturschätze in Bratislava oder schöner Naturaufnahmen vom Tatragebirge flimmern eine riesige Jesusstatue aus Eis, ein Schlachthaus voller Schweine, Menschen mit FFP2-Masken, die im Covid-üblichen Abstand zueinander stehen, und Wohnblöcke, die abgerissen werden, auf der Leinwand vor sich hin. Fast komplett wortlos präsentiert sich die experimentelle Dokumentation Letopis (zu deutsch: „Chronicle“) von Martin Kollár und zeichnet so ein sperriges, im Uncanny Valley angesiedeltes Bild des slowakischen Lebens in all seinen merkwürdigen Facetten.
Absurder Alltag
Ohne stringentes Thema, ohne deklariertes Ziel, stellt Regisseur Martin Kollár durch eine kalt wirkende Distanz zum Gezeigten ganz komische Verbindungen zur Wirklichkeit her, bei denen man sich flott die Frage stellt: Warum tun die Menschen das? Größtenteils nicht mal aus einer schockierten Perspektive (bis auf die unaufhörlich bestialische Behandlung von Farmtieren zur Fleischbeschaffung), sondern aus wirklichem Interesse heraus. Das Schauspiel der irdischen Sinnsuche wirkt durchaus skurril, sobald dieses außerhalb jeglichen Kontextes gestellt wird und schlicht innerhalb ihrer bloßen Abläufe existiert. Körper stehen unbeholfen herum, Vehikel kommen aufgrund persistenten Schneefalls nicht weiter, nach 40 Minuten wird zum ersten Mal in diesem Film auch etwas Banales zumindest mal besprochen, Gebäudetrümmer fallen plump auf die Straße.
Lange Zeit seines Lebens war Martin Kollár vornehmlich Fotograf, und in Letopis erweckt er eigentlich statische Bilder zum (zweckentleerten) Leben. Die Kameraeinstellungen sind klar strukturiert und auf maximale Ästhetik bedacht, die gewählten Momente dem Alltag entnommen, dem ein*e normale*r Passant*in wohl kaum Beachtung schenken würde. In Kollárs wortwörtlichem Framing, sprich, in seiner Einrahmung des Geschehens, findet allerdings auch eine Hinterfragung statt, ohne diese jemals auszusprechen oder zu definieren. Irgendetwas an dem Treiben scheint nicht ganz von dieser Welt zu sein, obwohl es so tief in dieser aktuellen Welt verwurzelt ist. Weiterhin bleibt die Zeit der Corona-Pandemie eine schwer zu greifende Periode, in der alles sehr „off“ vom Leben, wie man es eigentlich kennt, wirkte, und bei der es weiterhin leichter wäre, sie einfach totzuschweigen; doch in Letopis stammen die meisten Aufnahmen aus eben jener Zeit, in der soziale Interaktion so fremd wurde, in der eine große Furcht vor dem Unbekannten herrschte, in der ganze Gesellschaftsschichten anfingen, förmlich freizudrehen.
Surreale Szenen
Diese Absurdität, diese Fragilität der gesellschaftlichen Ordnung, die davor fast schon gottgegeben, unantastbar, gefestigt daherkam, wird seit einigen Jahren immer evidenter, was zur Entfremdung einer immer größeren Anzahl an Menschen von der eigentlich messbaren Realität führt. Das, was mal als richtig galt, wurde und wird bloßgestellt, subvertiert, aufgelöst. Letopis fängt diese Gefühle ein und lässt sie zur Betrachtung stehen, lässt sich dabei alle Zeit der Welt. Mit 70 Minuten wahrlich nicht lang, passiert hier gleichzeitig so viel und so wenig, dass man bei diesem Werk die Zeit auch locker vergessen könnte. Nicht die Zeit, sondern der Zeitstrahl spielt die größte Rolle: Wofür möchten wir, die Menschheit der Gegenwart, in Erinnerung behalten werden? Was möchten wir nachfolgenden Generationen überlassen? Was ist das große Erbe dieser sowohl von sich selbst distanzierten als auch von sich selbst eingenommenen Kultur, die immer destruktiver zu werden scheint?
Kollár hat darauf keine Antworten, möchte sie auch nicht liefern. Auch stellt er keine dieser Fragen, sondern lässt sie vom Publikum stellen bzw. erdenken, wobei deren Aufkommen höchst individuell sein müsste. Schließlich verweigert die Machart des Films jeglichen Kommentar – doch bekommen all diese Tätigkeiten und Untätigkeiten, die Letopis abbildet, erst einen Sinn, wenn sie kommentiert, wenn sie analysiert, wenn sie kontextualisiert werden? Andernfalls würde man Fleischklumpen, Materiehaufen, NPCs beim Quatschmachen zusehen. Das kann schlussendlich nicht der Fall sein: Egal bei welcher Aktivität Martin Kollár die Linse hinhält, kommt man nicht umher, sich selbst nach eben jenem Sinn zu fragen, denn hinter allem stecken diverse Existenzen, Träume und Wünsche. Letopis lässt dennoch die Möglichkeit, sich einfach von den spannend aufbereiteten Bildern berieseln zu lassen.
OT: „Letopis“
Land: Slowakei, Tschechische Republik
Jahr: 2025
Regie: Martin Kollár
Drehbuch: Mária Rumanová, Martin Kollar
Musik: Václav Flegl, Jakub Trš
Kamera: Martin Kollár
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