Calle Málaga – Ein Zuhause in Tanger
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Calle Málaga – Ein Zuhause in Tanger

Calle Málaga – Ein Zuhause in Tanger
„Calle Málaga – Ein Zuhause in Tanger“ // Deutschland-Start: 26. März 2026 (Kino)

Inhalt / Kritik

María Ángeles (Carmen Maura) ist um die achtzig Jahre alt und hat ihr gesamtes Leben im spanischen Viertel der marokkanischen Hafenstadt Tanger verbracht. Die Wohnung, in der sie seit Jahrzehnten lebt, ist für sie mehr als nur ein Ort zum Wohnen – sie ist ihr Lebensmittelpunkt, ihr Gedächtnis, ihre Heimat. Doch ihre Tochter Clara (Marta Etura), die längst in Spanien lebt und in finanziellen Schwierigkeiten steckt, trifft eine Entscheidung, die dieses Gefüge auflöst: Sie verkauft die Wohnung der Mutter. María zieht widerwillig in ein Seniorenheim, während ihre Möbel an den Antiquitätenhändler Abslam (Ahmed Bouhane) verkauft werden. Lange hält es die alte Dame dort jedoch nicht aus. Heimlich kehrt sie in ihre frühere Wohnung zurück und beginnt, sich dort wieder einzurichten. Gleichzeitig versucht sie nach und nach, ihre Möbel zurückzukaufen – ausgerechnet von Abslam, den sie zunächst für einen „Mistkerl“ hält. Aus den geschäftlichen Begegnungen entwickelt sich langsam eine Nähe zwischen den beiden.

Glanzrolle für eine große Schauspielerin

Carmen Maura ist so etwas wie die Grand Dame des spanischen Kinos. Viermal wurde sie mit dem spanischen Filmpreis Goya ausgezeichnet, dazu kommen ein César sowie drei Europäische Filmpreise, der dritte davon für ihr Lebenswerk. Berühmt wurde sie vor allem durch ihre Rollen in den Filmen Pedro Almodóvars. Nun hat ihr die marokkanische Regisseurin Maryam Touzani in ihrem ersten spanischsprachigen Film Calle Málaga – Ein Zuhause in Tanger eine Rolle geschrieben, die einer Schauspielerin ihres Alters nur selten angeboten wird. Maura wurde im vergangenen September 80 – und sie zeigt hier noch einmal eindrucksvoll, warum sie zu den großen Schauspielerinnen des europäischen Kinos gehört.

Tatsächlich lebt der Film in erster Linie von ihrer Präsenz. Maura spielt diese störrische, verletzliche, stolze und zugleich erstaunlich lebenshungrige María mit vollem körperlichem Einsatz. Ihr Spiel ist nie gefällig, nie sentimental. Wenn María wütet, schmollt, trickst oder trotzig ihre Wohnung zurückerobert, dann wirkt das gleichermaßen komisch wie berührend.

Kontinuität im Werk

Doch auch jenseits dieser zentralen Darstellerleistung gelingt Touzani ein bemerkenswert sicherer Film. Bereits in ihren ersten beiden Arbeiten Adam und Das Blau des Kaftans hat sie sich mit marginalisierten Figuren in der marokkanischen Gesellschaft beschäftigt – einer unverheirateten Schwangeren, einem homosexuellen Mann – und zugleich mit dem Verschwinden traditioneller Handwerkskulturen. In Calle Málaga richtet sie den Blick nun auf eine andere Minderheit in ihrer Heimatstadt Tanger: die spanische Community, die seit Generationen Teil der Stadt ist.

Im Zentrum steht erneut eine Figur, die am Rand steht – diesmal eine alte Frau, die von ihrer eigenen Tochter aus ihrer Wohnung gedrängt wird. Clara hat dafür durchaus nachvollziehbare Gründe. Doch weil der Film konsequent aus Marías Perspektive erzählt wird, erscheint diese Entscheidung zunächst brutal. Es geht hier um Autonomie im Alter, um Würde und um die Frage, wer über das Leben alter Menschen bestimmt.

Die Geschichte ist deutlich dreigeteilt. Zunächst steht der Konflikt zwischen Mutter und Tochter im Mittelpunkt. Die Wiedersehensfreude schlägt schnell in eine harte Auseinandersetzung um, auch wenn María sich schließlich fügt. Im zweiten Teil entwickelt sich der Film beinahe zur Komödie. Marías Alltag im Seniorenheim, ihr trotziges Ausbrechen aus den institutionellen Routinen und ihre heimliche Rückkehr in die alte Wohnung werden mit viel Sinn für Situationskomik erzählt. Überhaupt besitzt der Film einen erstaunlich leichten Grundton, der seine ernsteren Themen nie erdrückt.

Sex im Alter

Im letzten Drittel schlägt Calle Málaga schließlich eine unerwartete Richtung ein: Aus der zunächst widerwilligen Geschäftsbeziehung zwischen María und Abslam wird eine Liebesgeschichte. Touzani erzählt sie ohne falsche Scham. María und Abslam werden ein Paar – und der Film zeigt das auch. Die beiden alten Körper bleiben nicht diskret außerhalb des Bildes. Carmen Maura und Ahmed Boulane ziehen sich aus, küssen sich, schlafen miteinander. Das ist weder ironisch gebrochen noch vorsichtig angedeutet, sondern erstaunlich selbstverständlich. Gerade darin liegt eine kleine Provokation: Kino zeigt unzählige Liebesszenen, aber kaum welche zwischen Menschen jenseits der siebzig.

Dabei bleibt Touzani ihren Figuren gegenüber stets respektvoll. Der Film ergreift zwar eindeutig Partei für María, doch er dämonisiert Clara nicht. Ihre Entscheidung mag hart sein, aber sie ist verständlich. Calle Málaga vermeidet einfache Schuldzuweisungen und interessiert sich stattdessen für die Beweggründe aller Beteiligten.

Man könnte den Film schnell als Feel-Good-Movie abtun. Doch das wäre zu kurz gegriffen. Touzani gelingt hier etwas Schwieriges: Sie erzählt von Alter, Einsamkeit, Selbstbestimmung und familiären Konflikten – also von durchaus schweren Themen – und tut das mit Leichtigkeit, Humor und großer Wärme. Der Film ist lustig, traurig und klug zugleich. Und selbst wenn all das nicht überzeugen sollte: Carmen Maura zuzusehen, wie sie diese störrische, lebenshungrige María spielt, ist allein schon das Eintrittsgeld wert.

Credits

OT: „Calle Málaga“
Land: Marokko, Frankreich, Spanien, Deutschland, Belgien
Jahr: 2025
Regie: Maryam Touzani
Buch: Maryam Touzani, Nabil Ayouch
Musik: Freya Arde
Kamera: Virginie Surdej
Besetzung: Carmen Maura, Marta Etura, Ahmed Boulane, María Alfonsa Rosso, La Imèn

Bilder

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Calle Málaga – Ein Zuhause in Tanger
fazit
„Calle Málaga – Ein Zuhause in Tanger“ ist ein warmherziger Film über Alter, Würde und Selbstbestimmung. Maryam Touzani verbindet Humor und Melancholie, während Carmen Maura mit großer Präsenz eine störrische, lebenshungrige Frau verkörpert. Besonders bemerkenswert ist die respektvolle, ungewöhnlich offene Darstellung von Liebe und Sexualität im hohen Alter.
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