
In einer nicht allzu fernen Zukunft ist die Welt aus den Fugen geraten. Pandemien, Kriege und eine verheerende Hungersnot haben staatliche Strukturen weitgehend kollabieren lassen; eine Seuche hat zudem den Großteil der Tierbestände ausgelöscht. In dieser neuen Realität ist fruchtbarer Boden zur wertvollsten Ressource geworden. Auf einer abgelegenen Farm in Kanada versucht die Familie Freeman zu überleben. Elektrozäune sichern das Gelände, Verteidigungsroutinen gehören zum Alltag. Die Mutter Hailey (Danielle Deadwyler) organisiert das Leben der Familie mit militärischer Disziplin. Ihre Kinder lernen schießen, üben Nahkampf und müssen zugleich Bücher lesen und Essays darüber. Doch die Bedrohung rückt näher. In der Umgebung werden Farmen von marodierenden Banden überfallen, die vor Kannibalismus nicht zurückschrecken. Während Hailey darauf besteht, Fremden grundsätzlich zu misstrauen, wächst bei ihrem Sohn Manny (Kataem O’Connor) der Wunsch nach einem Leben jenseits der isolierten Familienfestung. Seine Begegnung mit der gleichaltrigen Dawn (Milcania Diaz-Rojas) bringt schließlich das fragile Gleichgewicht innerhalb der Familie ins Wanken.
Stimmiger Genre-Mix
Mit 40 Acres legt Regisseur R.T. Thorne nach zahlreichen Musikvideos und Serienarbeiten sein Spielfilmdebüt vor – und entscheidet sich gleich für ein ambitioniertes Projekt: eine dystopische Weltuntergangsvision, die Elemente von Action, Thriller und Horror mit einem Familiendrama verbindet. Und was auf dem Papier nach einem etwas überladenen Genre-Mix klingt, fügt sich im Film erstaunlich stimmig zusammen.
Ein wesentlicher Grund dafür ist das Ensemble. Vor allem Danielle Deadwyler, in ihrer ersten Hauptrolle noch vor The Woman in the Yard, als Hailey Freeman verleiht ihrer Figur eine bemerkenswerte Präsenz. Ihre Matriarchin ist zugleich traumatisiert, unerbittlich und fürsorglich – eine Frau, die gelernt hat, dass moralische Kompromisse in einer zerstörten Welt über Leben und Tod entscheiden können. Deadwyler trägt den Film mit einer Mischung aus kontrollierter Härte und unterschwelliger Verletzlichkeit. Michael Greyeyes als ihr indigener Ehemann bleibt etwas blasser, doch die jungen Darsteller überzeugen durchweg. Besonders Kataem O’Connor gelingt es, Mannys innere Zerrissenheit zwischen Loyalität zur Familie und dem Drang nach einem anderen Leben glaubhaft zu verkörpern.
Politische Dimension
Der Titel des Films verweist auf ein historisches Versprechen, das nie eingelöst wurde: Nach dem amerikanischen Bürgerkrieg sollten ehemalige Sklaven „40 acres and a mule“ erhalten – Land als Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben. In Thornes Film wird diese Geschichte zur Folie für eine Gegenwart, in der Besitz von Land erneut über Freiheit und Abhängigkeit entscheidet. Die Farm der Freemans, gegründet von einem Vorfahren, der nach dem Bürgerkrieg nach Kanada floh, ist nicht nur Lebensgrundlage, sondern auch Symbol eines hart erkämpften Erbes.
Die politische Dimension bleibt dabei stets präsent, ohne sich in plakativen Botschaften zu erschöpfen. Dass Hailey ihre Kinder ausdrücklich mit linker Literatur konfrontiert, wirkt weniger wie ein didaktischer Kommentar als vielmehr wie ein Versuch, Werte zu bewahren, während die Welt um sie herum verroht. Auch die auffällige Abwesenheit von Tieren – Fleisch existiert fast nur noch in Form von Menschenfleisch – unterstreicht die moralische Verwüstung dieser Zukunft. Kannibalismus erscheint hier weniger als Schockeffekt denn als logische Konsequenz einer Gesellschaft im Zusammenbruch.
Altbekanntes aus neuer Perspektive
In erzählerischer Hinsicht folgt 40 Acres allerdings streckenweise zu sehr bekannten Mustern des dystopischen Kinos. Der Konflikt zwischen Abschottung und Öffnung, zwischen elterlicher Kontrolle und jugendlicher Rebellion, entfaltet sich erwartbar. Doch Thorne gelingt es, diesen vertrauten Stoff aus einer Perspektive zu erzählen, die im Genre noch immer selten ist: aus der Sicht einer schwarzen und indigenen Familie, deren Kampf um Land und Selbstbestimmung unübersehbar historische Resonanzen trägt. So ist 40 Acres zwar keine radikale Neuerfindung der Dystopie, aber ein bemerkenswert souveränes Debüt. Der Film verbindet Spannung und politische Untertöne mit einer konzentrierten Figurenzeichnung – und beweist, dass selbst in einem scheinbar ausgereizten Genre noch neue Akzente möglich sind.
OT: „40 Acres“
Land: Kanada
Jahr: 2024
Regie: R.T. Thorne
Buch: R.T. Thorne, Glenn Taylor
Musik: Todor Kobakov
Kamera: Jeremy Benning
Besetzung: Danielle Deadwyler, Kataem O’Connor, Michael Greyeyes, Milcania Diaz-Rojas, Leenah Robinson, Jaeda Leblanc, Heile Amare, Elizabeth Saunders, Tyrone Benskin
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