Wolfram
© Bunya Productions

Wolfram

Wolfram
„Wolfram“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Inhalt / Kritik

In der kargen Weite und der gleißenden Sonne des australischen Outbacks der 1930er Jahre entspannen und verwirren sich etliche Schicksalsfäden. Ursprünglich aufgrund des Vorkommens von Gold und des damals begehrten Minerals Wolfram ihr Glück im trockenen „Niemandsland“ suchend, strömen weiße Kolonisatoren in das eigentlich seit Jahrtausenden von indigenen Australier*innen bewohnte Land und tun das, was Weiße eben tun, wenn sie auf ihnen Fremdes treffen: Sie geben ihr Bestes, die Bevölkerung zu unterdrücken und sämtliche Rohstoffe so schnell wie möglich abzutragen. Inmitten dieser Entwicklungen findet sich Pansy (Deborah Mailman) wieder, eine indigene Frau, die nach wiederholter Gewalt seitens ihres Lebensgefährten Billy vor diesem flüchtet, damit aber auch ihre Kinder Max und Kid bei dem Möchtegern-Kolonialherren lässt.

Trocken, karg, gelb

Regisseur und Kameramann Warwick Thornton, selbst von australisch-indigener Abstammung, platziert gleich mehrere Geschichten in die weitläufige Rohstoff-Minengegend, die er bereits in seinem 2017er Werk Sweet Country etablierte: Da sind die schlitzohrigen Vier-Käse-Hochs Kid und Max, der von seinem Hausherren Mick Kennedy (Thomas M Wright) ausgebeutete halb-indigene Philomac (Pedrea Jackson), die weißen Outlaws Casey (Errol Shand) und Frank (Joe Bird), sowie schließlich die zwei chinastämmigen Minenarbeiter Jimmi und Shi (Ferdinand Hoang). In den vier Teilen, in die der Film (zugegebenermaßen sinnloserweise) gegliedert ist, sollen sie sich mehrmals in verschiedenen Konstellationen über den Weg laufen.

Genauso vielfältig wie die Wege, die die Charaktere durch das unfassbar gelbe, staubige Outback noch nehmen sollen, sind die dahinterliegenden Themen, die mal mehr, mal weniger ersichtlich angeschnitten werden. Fast ausschließlich sind weiße Männer mit indigenen Frauen zu sehen, die ihren Napoleonkomplex bzw. Dominanz-Kink an ihnen ausleben. Kinder dürfen nicht einfach Kinder sein, vor allem eben jene aus Mixed-Ehen, sondern werden von Ort zu Ort geschubst oder als bequeme Arbeitskräfte frei nach dem Treiben der Industriellen Revolution eingesetzt. Davor schrecken weder die weißen Einwanderer zurück noch die chinesischen – obwohl letztere zumindest etwas Herzblut und Empathie beweisen, was sogar zu einer zum sonstigen Verlauf des Films atypischen Kung-Fu-Einlage führt.

Wenn Fliegen hinter Fliegen fliegen…

Optisch unterscheidet sich Thorntons Western (bzw. eher Down Under-stern) wenig von seinen US-amerikanischen Pendants. In rudimentär aufgebauten, hölzernen Siedlungen streichen besoffene Halunken umher, in Saloons wird feinster Rum ausgeschenkt, Hygiene ist mangelhaft und die Cowboyhüte sitzen wie eine Eins. Das herkömmlichste Western-Klischee verkörpert das Duo bestehend aus Casey und Frank, die vor Rassismus, Sexismus und Arschlochismus nur so strotzen, wobei besonders Casey einfach nur ein astreiner Psychopath ist. Man sieht allerdings, dass Thornton sich bemüht, kein poliertes, aufgehübschtes Bild solch einer kolonialen Frontier-Gemeinschaft zu zeichnen; Dreck befindet sich auf der Kleidung und unter den Nägeln, Fliegen schwirren durchs Bild, landen durchwegs auf Gesichtern, summen im Hintergrund. Und das über die gesamte Laufzeit hinweg.

Die ruhige (manchmal zu ruhige) und auf die (halb-)indigenen Charaktere besonnene Erzählweise beweist jedoch, dass diese Art von Western mit den teilweise bis heute bestehenden Konventionen des Genres brechen möchte. Prinzipiell bietet das Setting unendlich viele Möglichkeiten, um es zu subvertieren und aufzufrischen; in Wolfram wird das Potenzial nicht gänzlich ausgeschöpft, doch der Fokus auf nicht-weiße Perspektiven ist klar gegeben. Am Ende ist es das Wichtigste, dass durch alle Irrungen und Wirrungen Kinder und Mutter wieder zusammenfinden sollen. Trotz ihres Exils, der häuslichen Gewalt geschuldet, hinterlässt Pansy an jedem Ort Haarsträhnen und Perlen, mit der Hoffnung, dass Kid und Max diese finden. Und wer weiß, vielleicht finden ja noch andere entrissene Familienmitglieder ihren Weg zurück.

Credits

OT: „Wolfram“
Land: Australien
Jahr: 2025
Regie: Warwick Thornton
Drehbuch: Steven McGregor, David Tranter
Musik: Liam Egan
Kamera: Warwick Thornton
Besetzung: Deborah Mailman, Erroll Shand, Joe Bird, Thomas M Wright, Ferdinand Hoang

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Wolfram
fazit
Der australisch-indigene Regisseur Warwick Thornton zeigt mit „Wolfram“ einen extrem staubigen, fliegenreichen und in sämtliche existierenden Gelbtöne getauchten Outback-Western, der kein weißes Machogehabe um die Vorherrschaft in einer kolonialen Ortschaft hervorhebt, sondern ein temporär zerbrochenes Familienschicksal wieder zusammenknüpft. Die Darstellung der Charaktere ist überzeugend bis stark sympathisch, die Themenwahl mehr angeschnitten denn ausführlich erzählt, die erzählerische Vierteilung des Films ob der fehlenden Abwechslung unnötig. Humoristische Szenen und plötzlich einsetzende Brutalität geben diesem eigentlich sehr langsamen Werk dringend benötigtes Tempo.
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