
Geschichte erklärt uns das Narrativ einer Nation, eines Volkes und eines Landes anhand von Daten und Fakten. Augenscheinlich erscheint dieses Konzept neutral, weil es sich an Beweisen und Tatsachen orientiert; jedoch kommt es zugleich auf die Perspektive an, aus der man diese Geschichte erzählt und an die folgenden Generationen überliefert. Sofern die Geschichte eines Landes geprägt ist von Kolonialismus, Kriegen und einer Ideologie, die ihr eigenes Narrativ präferiert, ist es schwierig, bis zur Wahrheit vorzudringen. Daher braucht es Annäherung und Erfahrung, besonders wenn diese Narrative als Machtinstrumente eingesetzt werden. In ihrem TED-Talk The danger of a single story greift die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie dieses Konzept auf und beschreibt, wie Aspekte wie Kolonialismus, Exotik und Verklärung das Afrikabild vieler Menschen bis heute prägen. Die unterschiedlichen Kulturen eines Kontinents werden auf ein Bild, ein Narrativ reduziert, was nicht nur sehr bedauerlich, sondern auch sehr gefährlich ist. Kompliziert hingegen wird es, wenn die „Wahrheit“ eines kulturellen Narrativs schon an der Oberfläche brüchig ist.
In der äthiopischen Kultur begreift man unter dem Konzept „Wachs und Gold“ eine traditionelle Methode des mehrdeutigen Denkens und Sprechens. Die Idee geht zurück auf das Goldschmiedehandwerk: Zunächst wird eine äußere Hülle aus Wachs geformt, diese geschmolzen und schließlich durch Gold ersetzt. In der Sprache und der Literatur verweist eine äußere Hülle auf eine verborgene Bedeutung, die es nach und nach freizulegen gilt – was gerade bei sehr alten Erzählungen eine große Herausforderung darstellt.
Ein Ort in Äthiopien, der sinnbildlich für dieses Konzept stehen kann, ist das Hilton Hotel in Addis Abeba. Erbaut in den 1960er-Jahren durch eine Initiative von Kaiser Haile Selassie, ist das Gebäude auf der einen Seite ein Symbol für Selassies Politik und den Kult um seine Person und auf der anderen Seite für die heutigen sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheiten innerhalb der äthiopischen Gesellschaft. Filmemacherin Ruth Beckermann beleuchtet diese vielen „single stories“ des Gebäudes, seiner Geschichte und seiner Gegenwart, sodass sie es zum Zentrum ihrer Dokumentation Wax & Gold macht, die derzeit auf der Berlinale 2026 zu sehen ist. Mittels Interviews mit Menschen, die im Hotel arbeiten, aber auch mit Studenten, Reportern, Autoren sowie den letzten noch lebenden Angehörigen Selassies macht Beckermann die unterschiedlichen Narrative rund um das Hilton sichtbar, verweist auf mögliche Deutungen hinter ihnen und fragt zugleich, welche Bedeutung diese für das Land und seine Menschen haben können.
„Welche Zeit ist Hilton-Zeit?“
Ein Narrativ, das viele Jahre lang Beckermanns Bild von Äthiopien prägte, war Ryszard Kapuścińskis Der Kaiser. Der polnische Journalist und Autor entwarf auf der Basis von Interviews mit Bediensteten Selassies das Bild eines machtbesessenen, autokratischen und dekadenten Staates. Während das Buch im Westen viel Beachtung fand, gibt es in Äthiopien viele kritische Stimmen, wie auch Wax & Gold zeigt. Für Beckermann sind die Szenen des Buches Anlass für eine Diskussion, beispielsweise mit Studenten, die zunächst unter Musikbegleitung einige Stellen aus Der Kaiser vorlesen. Die „single story“ wird zwar kritisch gesehen, doch sie verweist ebenso auf viele existenzielle Fragen, beispielsweise darauf, ob man im Land bleibt und es unterstützt oder ob man sein Glück in Europa oder gar Amerika suchen wird. Beckermann spricht aus dem Off vom Gegensatz von „nah und fern“ sowie „fremd und vertraut“, die sich in diesen wie auch in anderen Momenten ihres sehr nachdenklichen Film-Essays ergeben.
Neben dem Diskurs über Narrative ist die Zeit ein wichtiger Faktor in Wax & Gold. In der Lobby, der Rezeption, dem Restaurant und der Bar des Hilton scheint eine andere Zeitrechnung zu existieren – wobei Beckermann nicht die Zeitverschiebung zu Europa meint. Das Hotel wirkt aus der Zeit gefallen, wie sie bemerkt, was auch ihre Gesprächspartner anmerken. Die Unterhaltung mit einem Architekten und später einem italienischen Bauunternehmer verbindet die Biografie eines Ortes mit der Gegenwart, in der chinesische Investoren einen der Säle des Hotels gemietet haben, um eine Modenschau abzuhalten. Beckermanns Dokumentation verwebt diverse Narrative, Zeiten, Personen und Orte zu einer großen Erzählung, die nicht deuten will. Es gibt weder die eine Geschichte, wie Adichie erklärt, noch die eine Wahrheit; doch es gibt ein „wächsernes“ Erleben, das auf eine tiefere Ebene (oder mehr als eine) verweist.
OT: „Wax & Gold“
Land: Österreich
Jahr: 2026
Regie: Ruth Beckermann
Drehbuch: Ruth Beckermann
Kamera: Johannes Hammel
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