Ungeduld des Herzens
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Ungeduld des Herzens

Ungeduld des Herzens
„Ungeduld des Herzens“ // Deutschland-Start: 5. Februar 2026 (Kino)

Inhalt / Kritik

Isaac Nasic (Giulio Brizzi) versucht in einem Bowling-Center, Edith Schwartz (Ladina von Frisching), die dort mit ihrer Schwester Ilona (Livia Matthes) ist, dazu zu überreden, sich zu ihm und seinen Kameraden vom Wachbataillon der Bundeswehr zu gesellen. Als er sie dabei unbedacht mit sich ziehen will, stürzt sie – Isaac hat übersehen, dass Edith im Rollstuhl sitzt. Von Schuldgefühlen geplagt sucht er Tage später das Haus der Familie Schwartz auf, um sich zu entschuldigen. Allmählich entsteht eine Freundschaft zwischen ihm und Edith, und auch bei Ilona sowie ihrem Vater (Thomas Loibl) wird er zu einem gern gesehenen Gast. Doch je enger seine Beziehung zu Edith wird und sich vorsichtig in Richtung einer Romanze entwickelt, desto angespannter wird das Verhältnis zu seinen Kameraden. Zusätzlich verkompliziert wird die Situation durch eine intime Begegnung mit Ilona, die noch stattfindet, bevor Edith und Isaac ein Paar werden könnten.

Stefan-Zweig-Adaption

Mit Ungeduld des Herzens legt Regisseur Lauro Cress eine Adaption von Stefan Zweigs gleichnamigem Roman vor, der 1939 erschien und als einzig vollendeter Roman des Autors gilt, der sich 1942 im brasilianischen Exil das Leben nahm. Gemeinsam mit Co-Autor Florian Fumeyer verlegt Cress die Handlung konsequent in die Gegenwart – ein Schritt, den keine der früheren Verfilmungen gewagt hat. Bereits 1946 brachte Maurice Elvey den Stoff unter dem Titel Beware of Pity mit Lilli Palmer in der Rolle der Edith ins britische Kino, 1979 folgte die französische Version La pitié dangereuse mit Mathieu Carrière, und zuletzt nahm sich 2022 der dänische Regisseur Bille August mit Kysset des Romans an. Allen gemeinsam war die historische Verortung in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg; Cress hingegen modernisiert Zweigs Stoff radikal.

Aus der ungarischen Garnisonsstadt wird ein nicht näher benannter Ort in der brandenburgischen Provinz, in dem ein Bundeswehr-Wachbataillon stationiert ist. Isaac ist kein Leutnant, sondern ein einfacher Soldat; Edith keine Baroness, sondern die Tochter eines wohlhabenden Unternehmers. Auch die Ursache ihrer Querschnittslähmung wird aktualisiert: Statt eines Reitunfalls ist es ein MotoCross-Unfall. Dennoch bleibt das erzählerische Grundgerüst unangetastet. Auffällig ist jedoch, dass Edith – trotz der spürbaren Verbitterung über ihre Lage – deutlich selbstbewusster auftritt als ihre literarische Vorlage. Sie weiß, was sie will, und lässt ihre Umgebung das spüren, selbst wenn diese es offenkundig gut mit ihr meint.

Interesse oder Mitleid?

Gerade diese Modernisierung macht den Film interessant, aber auch herausfordernd. Die Ambivalenz der Figuren erschwert eine eindeutige Verteilung von Sympathien. Besonders Isaac bleibt lange schwer zu deuten. Warum drängt es ihn so sehr, seinen Fehltritt wiedergutzumachen? Handelt er aus Mitleid, aus echtem Interesse oder aus einem Bedürfnis nach moralischer Selbstvergewisserung? Der Film verweigert darauf zunächst klare Antworten – auch, weil Isaac selbst nicht zu wissen scheint, was er will. Er schläft mit Ilona, erklärt seinem Kameraden Michael (Jan Fassbender), Edith sei nicht sein Typ, und sucht dennoch bei nächster Gelegenheit ihre Nähe. Wahrheit und Selbsttäuschung liegen bei ihm nah beieinander, zumal er im Verlauf der Handlung mehrfach der Lüge überführt wird. Will er helfen, weil er helfen möchte – oder gefällt er sich in der Rolle des edlen Retters?

Zugleich ist er der Einzige, der Edith in ihrem Wunsch bestärkt, eine riskante Stammzellentherapie in Betracht zu ziehen, während ihr Vater aus Sorge vor den möglichen Folgen zögert. Die Konfliktlinien sind damit klar gezogen, wirken jedoch nicht immer vollständig plausibel. Sowohl Isaac als auch Edith wechseln mitunter abrupt zwischen Nähe und Distanz, was bisweilen sprunghaft erscheint – wenngleich Ediths Verhalten angesichts ihrer Lebenssituation nachvollziehbarer wirkt. Vielleicht liegt gerade darin eine gewisse Lebensnähe: Gefühle folgen selten einer geraden Dramaturgie.

Starkes Darstellerduo

Verlassen kann sich der Film vor allem auf ein starkes Darstellerduo. Giulio Brizzi gestaltet Isaac als schillernde Figur, deren wahre Intention sich jeder eindeutigen Festlegung entzieht. In nahezu jedem Gespräch scheint er ein anderer zu sein – und womöglich kennt er sein eigenes Zentrum selbst nicht. Brizzi macht diese innere Unschärfe glaubhaft, ohne sie in bloße Unentschlossenheit kippen zu lassen. Ladina von Frisching wiederum balanciert Edith überzeugend zwischen großer Verletzlichkeit und einem gelegentlich manipulativen Einsatz ihrer Situation. Dass beide beim Filmfestival Max Ophüls Preis als bester Schauspielnachwuchs ausgezeichnet wurden, überrascht daher kaum. Dort feierte Ungeduld des Herzens nicht nur Premiere, sondern wurde auch mit dem Hauptpreis als bester Spielfilm geehrt – eine Entscheidung, die trotz kleinerer dramaturgischer Unebenheiten gut nachvollziehbar ist.

So bleibt Cress’ Debüt eine bemerkenswerte Vergegenwärtigung eines über 80 Jahre alten Stoffes. Nicht jede Entscheidung der Figuren überzeugt, doch die kompromisslose Übertragung ins Heute eröffnet neue Perspektiven auf Zweigs zeitlose Fragen nach Mitleid, Verantwortung und moralischer Selbsttäuschung. Vor allem aber zeigt der Film einen Regiedebütanten, der den Mut besitzt, einen literarischen Klassiker nicht ehrfürchtig zu konservieren, sondern ihn produktiv zu befragen. Man darf gespannt sein, welche Wege Lauro Cress künftig einschlagen wird.

Credits

OT: „Ungeduld des Herzens“
Land: Deutschland
Jahr: 2025
Regie: Lauro Cress
Buch: Lauro Cress, Florian Flumeyer
Vorlage: Stefan Zweig
Musik: Davide Luciani
Kamera: Jan David Gunther
Besetzung: Giulio Brizzi, Ladina von Frisching, Livia Matthes, Thomas Loibl, Jan Fassbender, Giamo Röwekamp, Greta Sophie Schmidt, Tim Lanzinger

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Ungeduld des Herzens
fazit
Lauro Cress gelingt mit „Ungeduld des Herzens“ eine sehenswerte Neuinterpretation des Zweig-Romans, die den Klassiker entschlossen ins Heute holt. Nicht alles wirkt erzählerisch ausgereift, doch die intensive Figurenzeichnung und zwei herausragende Nachwuchsdarsteller tragen den Film.
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