
Es ist einer dieser Aufträge, die man als Maler wohl nur einmal im Leben bekommt: Michael Triegel soll in der UNESCO-Weltkulturerbestätte Naumburger Dom ein Altarbild ergänzen, dessen Mittelteil im Zuge des Bildersturms während der Reformation von Protestanten zerstört wurde. Fast fünfhundert Jahre lang klaffte dort eine Lücke zwischen den beiden Flügelteilen von Lucas Cranach dem Älteren – nun soll ein zeitgenössischer Maler sie schließen. Der Film Triegel trifft Cranach – Malen im Widerstreit der Zeiten begleitet diesen Prozess und macht schon im Titel klar, warum er so reizvoll ist: Hier geht es nicht nur um die Herstellung eines Kunstwerks, sondern um den Dialog der Gegenwart mit einem der großen Namen der deutschen Renaissance, um Kontinuität und Bruch, um Anmaßung und Demut zugleich.
Michael Triegel scheint für diese Herausforderung wie geschaffen. Er hat sich einen Namen gemacht mit einer Malerei, die sich offen zu den alten Meistern bekennt, figurativ arbeitet und handwerkliche Präzision über zeitgeistige Ironie stellt. Über den Auftrag sagt er im Filmt: „Das ist das großartigste Projekt, das ich mir je vorstellen konnte. Ich beziehe mich mein ganzes Leben auf die Renaissance und versuche, da etwas zu verlebendigen – und auf einmal ist es möglich, das eins zu eins umzusetzen.“
Making-of eines Gemäldes
Der Film ist dann zwar auch ein Künstlerporträt geworden, aber kein umfassendes Lebensbild Triegels. Vielmehr ist er ein Making-of, aber nicht, wie man es gewohnt ist, das eines Films, sondern das eines Gemäldes. Er konzentriert sich auf die Entstehung des Altarbilds, angefangen von den ersten Entwürfen bis zur feierlichen Enthüllung im Rahmen eines Gottesdienstes.
Für Paul Smaczny, den Regisseur des Films, ist dieses Terrain neu und zugleich vertraut. Man kennt ihn von Musikerporträts – über den Dirigenten Claudio Abbado oder den Thomanerchor im Film Die Thomaner. Filme, die von Nähe und Vertrauen des Regisseurs zu seinen Protagonisten leben. Genau diese Erfahrung trägt nun Früchte, auch wenn er dieses Mal statt eines Musikers einen bildenden Künstler porträtiert. Triegel muss Smaczny jedenfalls viel Vertrauen entgegengebracht haben. Denn er lässt die Kamera in seinem Atelier erstaunlich nah heran – an Leinwand und Pinsel, aber auch an seine Gedanken.
Angenehm unspektakulär
Dabei bleibt Triegel trifft Cranach formal angenehm unspektakulär. Die aufgenommenen Bilder bleiben für sich stehen – keine erklärende Off-Stimme, keine aufdringlichen Effekte. Eine erläuternde Stimme gibt es dennoch. Triegel selbst ist über die gesamte Laufzeit immer wieder zu hören: Er erklärt seinen Malprozess, seine ikonografischen Entscheidungen, seine Kunstauffassung, gelegentlich auch seinen Werdegang. Neben diesen Monologen sind Dialoge rar gesät – zu Beginn ein Gespräch im Dom über den Auftrag, gegen Ende eine Diskussion im Atelier mit einem Kunsthistoriker, der die UNESCO-Kritik am neuen Altarbild einordnet.
Im Zentrum ist und bleibt jedoch der Prozess des Malens selbst. Ausführlich zeigt der Film, wie das Bild entsteht. Triegel porträtiert seine Tochter Elisabeth als Maria, seine Frau steht Modell für die Heilige Anna und – auf Grundlage einer der ersten Zeichnungen, die Triegel als junger Mann von ihr angefertigt hat – die Heilige Elisabeth. Andere Figuren speisen sich aus Begegnungen: ein Rabbiner, den er an der Klagemauer in Jerusalem sah und ein Obdachloser aus Rom, die zu Petrus und Paulus werden. Auf Wunsch des Stiftungsrats findet auch ein Protestant Platz – Dietrich Bonhoeffer, mit Brille und Hemd. So wird nachvollziehbar, wie sehr dieses Bild aus Beobachtung, Auswahl und konzeptionellem Nachdenken erwächst, nicht aus spontaner Eingebung. Nach einem Programm, das Triegel so formuliert: „Das Bild soll im ersten Moment so aussehen, als sei es von den Alten Meistern gemalt worden, um im zweiten Moment zu zeigen: Da ist doch noch etwas ganz Anderes.“
Der Film begleitet Triegel aber auch auf Reisen, vor allem nach Italien, jenem Land, das für ihn künstlerische Heimat ist. Bei einer Karfreitagsprozession auf der Insel Procida, in Neapel und schließlich allein vor Leonardos Letztem Abendmahl sucht er Inspiration. Dass Leonardo selbst Zeitgenossen als Vorbilder für ein historisches Geschehen nutzte, wird zum stillen Argument für Triegels eigenes Vorgehen.
Sympathisch und eloquent
All das zeichnet ein sympathisches Bild des Malers. Triegel erscheint eloquent, reflektiert und überzeugend in der Darstellung seiner Arbeit. Er ist das Pfund, mit dem der Film wuchert, auch wenn dem Zuschauer immer bewusst bleiben sollte, dass er sich natürlich vor der Kamera inszeniert. Mit einem eigenbrötlerischen, weltfernen Künstler wäre ein Porträt dieser Art nicht möglich gewesen, und noch viel weniger die sehr informationsreiche Beschreibung des Entstehungsprozesses eines Kunstwerks.
Was allerdings fehlt, sind stärkere Momente des Zweifelns. Triegel wird als souveräner, beinahe unerschütterlicher Künstler gezeigt. Nur einmal bricht diese Ruhe auf, als seine Frau Christine Salzmann, während sie ihm Modell sitzt, davon erzählt, wie kräftezehrend die Arbeit an so einem in doppeltem Sinne großen Kunstwerk für ihren Mann sei. Triegel gibt daraufhin zu, dass ihn das Projekt schwanken lässt. An einem Tag kommt er euphorisch aus dem Atelier heim, am nächsten Tag glaubt er dann, dass er nichts könne. Solche Augenblicke bleiben rar, man wünschte sich mehr davon.
Dennoch entsteht insgesamt ein sehr gelungenes Porträt eines zeitgenössischen Malers, der sich bewusst gegen viele Strömungen der Gegenwart stellt und die Mittel der alten Meister nutzt. Als Making-of funktioniert der Film hervorragend: Er macht den Entstehungsprozess transparent und Triegels Arbeitsweise anschaulich. Man bekommt Lust, umgehend nach dem Film nach Naumburg zu fahren, um sich den Altar anzusehen. Doch da würde man enttäuscht werden, denn momentan befindet sich das Altarbild im Vatikan. Bei der UNESCO findet man, das Altarbild störe die Sicht auf die Architektur des Doms und droht mit dem Entzug des Weltkulturerbestatus. Ob sie auch auf die Entfernung des Cranach-Bildes drängen würden, wenn es nicht zerstört worden wäre? Auf dieses Thema geht der Film zwar auch ein, aber nur kurz, denn das Hauptaugenmerk liegt zum Glück auf Kunst und Künstler.
OT: „Triegel trifft Cranach – Malen im Widerstreit der Zeiten“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Paul Smaczny
Buch: Paul Smaczny
Musik: Kilian Ruben Smaczny
Kamera: Michael Boomers, Ulf Wogenstein
Mitwirkende: Michael Triegel, Elisabeth Triegel, Christine Salzmann, Ferris
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