
Osteuropa im 18. Jahrhundert: Als der Marquis Jacques Antoine Saturnin d’Urfe (Kacey Mottet Klein) unterwegs überfallen wird und man ihm auch noch sein Pferd nimmt, ist er völlig aufgeschmissen und braucht dringend Hilfe. Diese soll er bei einem Mann namens Gorcha erhalten, so rät man ihm, der in der Nähe wohnt. Dort angekommen, trifft er aber nur auf dessen Familie, die auf die Rückkehr des Patriarchen wartet. Gorcha ist zuvor ausgerückt, um gegen die Türken zu kämpfen und noch nicht zurück. Er warnte auch davor, dass er eventuell als Vourdalak zurückkommt und man ihm dann auf keinen Fall die Türe öffnen solle. Seine Tochter Sdenka (Ariane Labed) und sein Sohn Jegor (Grégoire Colin) nehmen den Fremden in der Zwischenzeit aber auf und stellen ihm auch ein Pferd in Aussicht. Doch der Marquis macht bei der Familie eine Reihe seltsamer Erfahrungen …
Adaption eines Fast-Klassikers
Wer an klassische Vampirromane denkt, dem dürfte als erstes Dracula von Bram Stoker in den Sinn kommen, quasi das Hauptwerk in dem Segment. Doch es gab natürlich viele weitere Beispiele, auch bevor dieser Klassiker herauskam. Eines davon ist Die Familie des Wurdalak. Verfasst wurde diese bereits 1840 von dem russischen Autor Alexei Konstantinowitsch Tolstoi – auf Französisch. Tatsächlich veröffentlicht wurde die Novelle aber erst 1884 in einer russischen Übersetzung. Das französischsprachige Original kam sogar erst 1950 heraus. Trotz dieser Anlaufschwierigkeiten ist das Buch aber durchaus einflussreich, wurde auch mehrere Male adaptiert. Mit The Vourdalak – Taste of Blood kommt nun tatsächlich eine solche auch mal bei uns heraus, einige Jahre nachdem der Film auf einer Reihe von Festivals gezeigt wurde.
Hat sich die Wartezeit gelohnt? Das schon. Wobei man aber ganz klar sagen muss, dass es sich um einen Film handelt, der das Publikum spaltet. Zwar sind die Kritiken hervorragend, kaum ein Horrorfilm hat in den letzten Jahren besser abgeschnitten. Und doch wird er vielen Fans des Genres nicht gefallen. Ein Grund ist, dass The Vourdalak – Taste of Blood im Hinblick auf die Handlung ziemlich zurückhaltend ist. So richtig viel geschieht da nicht, Regisseur und Co-Autor Adrien Beau zeigt sich in seinem Filmdebüt von einer ziemlich zurückhaltenden Seite. Er setzt mehr auf eine Atmosphäre, die gleichermaßen unheilvoll wie befremdlich ist. Tatsächlich gelingt es ihm, hier das Gefühl zu wecken, dass man nicht mehr in der realen Welt ist, auch wenn eindeutige Fantasyelemente zunächst fehlen. Hier stimmt etwas nicht, man weiß nur nicht was.
Stimmungsvoll und seltsam
Eindeutiger wird es, wenn der Patriarch doch zurückkommt. An der Stelle kommt auch der Wurdalak ins Spiel, eine Sonderform des Vampirs. Und The Vourdalak – Taste of Blood hat dabei einiges zu bieten. Zu viel sollte man im Vorfeld vermutlich besser nicht wissen, auf welche Weise Beau diesen in Szene setzt. Naheliegend wäre einfach ein Mann, der entsprechend gekleidet bzw. geschminkt ist – siehe etwa Bram Stoker’s Dracula oder Nosferatu – Der Untote. Alternativ wäre sicherlich auch eine am Computer generierte Figur gewesen. Stattdessen kommt eine dritte Variante zum Einsatz, die ebenso simpel wie außergewöhnlich ist. Eine solche Entscheidung muss man sich erst einmal trauen.
Aber auch da werden sich die Geister scheiden. Der Anblick ist schon irgendwie unheimlich, jedoch eher in einem verstörenden Sinn, weniger einem tatsächlich furchteinflößenden. Wer einen Horrorfilm sucht, der für konstante Spannung sorgt, ist hier falsch, könnte von dem Film gelangweilt sein, sich vielleicht sogar ärgern. Über weite Strecken ist The Vourdalak – Taste of Blood dann doch eher ein Drama, bei dem es um familiäre Bande und Sehnsüchte geht, um Loyalität sowie gesellschaftliche Aspekte. Das ist stimmungsvoll, teils tragisch – und oft einfach nur seltsam. Insofern ist es schön, dass der Film rund zweieinhalb Jahre nach der Weltpremiere bei der Woche der Kritik in Venedig doch noch den Weg zu uns findet. Vergleichbares sieht man dann doch nicht so oft.
OT: „Le Vourdalak“
Land: Frankreich
Jahr: 2023
Regie: Adrien Beau
Drehbuch: Adrien Beau, Hadrien Bouvier
Vorlage: Alexei Konstantinowitsch Tolstoi
Musik: Maïa Xifaras, Martin Le Nouvel
Kamera: David Chizallet
Besetzung: Kacey Mottet Klein, Ariane Labed, Grégoire Colin, Vassili Schneider
Venedig 2023
Sitges 2023
Amazon (DVD „The Vourdalak – Taste of Blood“)
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