
Mesut (Caner Cindoruk), den Bruder des Dorfanführers Scheich Ferit (Feyyaz Duman), plagen seit geraumer Zeit Schreckensvisionen. Er kann nicht schlafen, sperrt seine schwangere Frau Gülsüm (Özlem Taş) ein, beobachtet alles und jeden auf Schritt und Tritt, bis er sich gar in eine Höhle zurückzieht. Und dennoch: Sein psychisches Abgleiten mobilisiert die Bewohnenden eines sufistischen Bergdorfes, angesiedelt irgendwo in den kurdischen Gebieten der West-Türkei, um eine alte Feindschaft wieder aufleben zu lassen. Vor langer Zeit haben die Hazeran die Bezari, die wohl einst über sie geherrscht haben sollen, vertrieben. Nun siedeln sich letztere wieder im Unterdorf an, und laut Mesuts Überzeugung werden sie bald die Hazeran abermals unterjochen. Seine Lösung und Losung: „Tötet sie, bevor sie uns töten.“
Spiritueller Clankrieg
In dieser kleinen, ruralen Gemeinde bleibt kein Stein auf dem anderen, sobald verschiedene Gruppen zur gleichen Zeit mitmischen wollen. Die türkische Gendarmerie möchte für Recht und Ordnung sorgen, die unbestimmte Terroristen wieder durcheinanderwirbeln; die Feindschaft der Hazeran und der Bezari wurde hauptsächlich durch Hörensagen weitervermittelt, durch alte Geschichten, die in Mesuts Kopf gigantische, destruktive Dimensionen annehmen. Sein Bruder Ferit ist ihm zu friedliebend, zu sanftmütig. Vielleicht steckt er sogar im Plan mit drin, dass die Bezari die Hazeran ausrotten? Vielleicht steckt Mesuts Frau Gülsüm mit Halil, dem Anführer der Bezari, wortwörtlich unter einer Decke, so dass die Zwillinge, die sie erwartet, gar nicht von Mesut selbst seien? In den Vorstellungen des immer mehr in die von Eifersucht und Fanatismus geprägten Psychose gleitenden bärtigen Mannes ergibt das alles Sinn. Schlimm wird es vor allem, wenn für immer mehr Dorfbewohner Sinn ergibt, allen voran der einfältige Yılmaz (Berkay Ateş), der in Mesut die Führerfigur sieht, die er so dringend braucht.
Allgegenwärtig ist die Angst, die sich Vorurteilen und schließlich in tödlichen Anschlägen manifestiert. Immer wieder stirbt jemand, ohne zu wissen, wer exakt dies bewerkstelligt hat. Die Gendarmerie, auf die sich Mesut so halb verlässt, ist immer wieder vor Ort und nährt teilweise Mesuts Vorbehalte gegenüber den Bezari, während sein Ego und sein immer stärker werdender Messiaskomplex von der Gemeinde genährt werden, die lieber diffusen Visionen und alten Erzählungen glauben als den mit ihnen lebenden Frauen oder den bestehenden Verhältnissen zwischen Ober- und Unterdorf. Und worin die Paranoia vor dem diffusen „Fremden“ führt, die nur auf Hörensagen beruht, sieht man aktuell im Weltgeschehen: selektiv aufgebauschte Ereignisse, Verschwörungstheorien, Faschisierung, Massenhysterie, „Stadtbild“-Debatte, erhöhte Gewalt gegen Minderheiten, Ignoranz von Fakten, fehlende Konsequenzen für Täter … all das verpackt Regisseur und Drehbuchautor Emin Alper (Burning Days) in diesem Film, der den Jurypreis der Berlinale gewann.
Hass säen, Tod ernten
Mesuts Augen sind leer und hasserfüllt, sein Umherstapfen orientierungslos, außer wenn er sich vor einem Feuer in seiner Höhle befindet und zu seinen Anhängern spricht. Da glüht er, geht mit starker Hand voraus, schmiedet Pläne zur Auslöschung der Bezari, die für ihn so ein großer Dorn im Auge sind, dass er bald gar nichts mehr sieht. Die Frauen in diesem Film versuchen, Stimmen der Vernunft zu sein, bleiben allerdings wirkungslos im Angesicht der immer weiter anschwellenden Gewaltbereitschaft der Gemeinschaft. Realität und Wahn verschwimmt, Todesfälle nehmen zu, Kinder werden in Mitleidenschaft gezogen, Schafe werden ertränkt, Häuser und Felder werden angezündet. Allein die Furcht vor einer „feindlichen“ Übernahme erzeugt Aktion und Reaktion, der friedliche, ekstatische Tanz der Derwische wird bald zum bewaffneten Marsch.
Emin Alper zeichnet klarerweise eine Allegorie, die nicht ausschließlich innerkulturell und ortsspezifisch zu sehen ist. Probleme zeigen sich in der makellosen Saubermann-Darstellung der türkischen Staatsgewalt, der Primitivisierung der vornehmlich kurdischen Bevölkerung, die einem leider immer stärker werdenden antikurdischen Zeitgeist entspricht, und in den Längen und Wiederholungen, die Salvation länger erscheinen lassen, als er eigentlich ist. Nichtsdestotrotz ist die Schauspielleistung, sind die Visionen, die Mesut immer wieder ereilen, ist die losgetretene Welle an Hass und Machtspielereien, bei der man gar nicht mehr weiß, wo und warum diese überhaupt angefangen hat, großes Kino.
OT: „Kurtuluş“
Land: Türkei, Frankreich, Niederlande, Griechenland, Schweden, Saudi-Arabien
Jahr: 2026
Regie: Emin Alper
Drehbuch: Emin Alper
Musik: Christiaan Verbeek
Kamera: Ahmet Sesigürgil, Barış Aygen
Besetzung: Caner Cindoruk, Berkay Ateş, Feyyaz Duman, Naz Göktan, Özlem Taş
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