Running Via Alpina
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Running Via Alpina

„Running Via Alpina“ // Deutschland-Start: 28. Februar 2026 (Kino)

Inhalt / Kritik

Wer sich der Via Alpina stellt, misst sich nicht nur mit rund 2.000 Kilometern Wegstrecke, sondern auch mit 110.000 Höhenmetern, acht Ländern, Launen der Hochgebirge – und am Ende vor allem mit sich selbst. Der Dokumentarfilm Running Via Alpina begleitet zwei Frauen, die aus dieser alpinen Prüfung keinen Weitwander-, sondern einen Wettlauf machen: Magdalena Kalus und Susann Lehmann wollen den 2024 aufgestellten Rekord des Briten Jake Catterall unterbieten, der die Strecke von Triest nach Monaco in 35 Tagen, 21 Stunden und vier Minuten absolvierte.

Pragmatismus statt Pathos

Schon der Auftakt macht klar, dass hier weniger Pathos als Pragmatismus herrscht. Keine ausufernde Heldeninszenierung, keine biografischen Tiefenbohrungen – stattdessen Campingbus, letzte Vorbereitungen, ein rascher Sprung nach Triest, wo das Abenteuer beginnt. Freundin Nati sitzt am Steuer, organisiert, unterstützt, beruhigt. Lehmann betont gleich zu Beginn, wie ungewöhnlich ein solches Projekt im Duo ist. Extremsport gilt als Reich der Einzelkämpfer; doch „Susi und Maggy“ verstehen sich als Team – und als Freundinnen. Dass sie unterschiedlicher kaum sein könnten, ist kein Hindernis, sondern Motor. Reibung erzeugt hier Energie.

Die Alpen selbst spielen dabei die verlässlichste Nebenrolle. Regisseurin Dorit Jeßner, die mit ihrer Produktionsfirma ravir film bislang vor allem Imagefilme realisierte, beweist erneut ein sicheres Gespür für Landschaft als dramaturgisches Element. Schon in Trail der Träume, wo sie den Ultraläufer Savas Coban bei 87 aufeinanderfolgenden Ultra-Marathons durch Peru begleitete, verband sie sportliche Grenzerfahrung mit visueller Wucht. Auch hier sind es die Bilder, die tragen: schroffe Grate im Morgenlicht, wolkenverhangene Pässe, die Silhouetten zweier Läuferinnen vor monumentaler Kulisse. Man sieht: Hier sind Profis am Werk, die wissen, wie man Natur nicht nur abbildet, sondern inszeniert.

Doch so majestätisch die Alpen wirken, so gnadenlos reagieren sie auf Ehrgeiz. Gewitter zwingen zu Pausen – aus Erfahrung wissen die Athletinnen, dass ein alpiner Grat bei Blitz und Donner kein Ort für Rekordjagden ist. Der Zeitplan gerät ins Wanken, das Ziel in die Ferne. Als Maggy zudem mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hat, steht das gesamte Unternehmen auf der Kippe. Der Film zeigt diese Momente, aber er verweilt nicht lange bei ihnen. Vielleicht aus Respekt, vielleicht aus erzählerischer Zurückhaltung.

Vorwärtsbewegung statt Innenschau

Gerade darin liegt allerdings auch seine Schwäche. Zwar fällt der programmatische Satz, es gehe „auch um Sichtbarkeit von Frauen im Extremsport“, doch dieser Gedanke bleibt eher Randnotiz als Leitmotiv. Dabei böte die Konstellation – zwei Frauen, die sich in einer männlich konnotierten Disziplin an einer Bestmarke abarbeiten – reichlich Stoff für eine vertiefte Auseinandersetzung. Auch die inneren Krisen, die Zweifel, die Erschöpfung jenseits des Körpers hätten mehr Raum verdient. Man ahnt sie, man sieht ihre Spuren in Blicken und kurzen Dialogen – aber der Film entscheidet sich häufig für Vorwärtsbewegung statt Innenschau.

Und doch funktioniert Running Via Alpina. Vielleicht gerade wegen dieser Bewegung. Die Leichtigkeit, mit der Kalus und Lehmann selbst in Momenten der Erschöpfung einen lockeren Spruch finden, bewahrt den Film vor Schwere. Ihre Sympathie füreinander, das ungekünstelte Miteinander, schafft Nähe. Man begleitet sie gern, durch Regen, über Geröll, in Momenten der Euphorie und des Zweifelns.

Am Ende bleibt weniger die Frage nach dem Rekord als die nach dem Weg. Die Via Alpina wird hier nicht nur als sportliche Herausforderung sichtbar, sondern als Bühne für Freundschaft, Durchhaltewillen und die leise Verschiebung von Grenzen – geografischen wie mentalen. Dass der Film dabei nicht jede emotionale Tiefe auslotet, mag man bedauern. Doch er erinnert eindrucksvoll daran, wie klein der Mensch im Angesicht der Berge wirkt – und wie groß sein Wille sein kann.

Credits

OT: „Running Via Alpina“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Dorit Jeßner
Kamera: Lucía Nuñez Venero, Hans Bauer, Javier Sobremazas, Jonas Haubold, Uwe Nadler
Mitwirkende: Magdalena Kalus, Susann Lehmann

Bilder

Trailer



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Running Via Alpina
fazit
“Running Via Alpina” überzeugt als visuell eindrucksvolles, sympathisches Porträt zweier Ausnahmeathletinnen zwischen Ehrgeiz und Freundschaft. Emotional bleibt der Film bisweilen an der Oberfläche – doch seine Energie, seine Bilder und die Dynamik des Duos tragen ihn kraftvoll über alle Höhenmeter hinweg.
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