
Deutschland 1932: Als der jüdische Arzt und Politiker Albert Goldmann (Jan Josef Liefers) von seinem schwerkranken Bruder Edwin (Franz Dinda) Dokumente erhält, geht er noch davon aus, dass es sich um Fluchtpläne handelt. Doch bald hat er richtig Ärger deswegen, als er während seiner Rückkehr von Beamten bedrängt wird, die ihm vorwerfen, propagandistisches Material schmuggeln zu wollen. Glück im Unglück: Die Unterlagen landen nicht bei den Beamten, sondern bei der mitreisenden Sängerin Henny Dallgow (Anna Loos), die er zuvor kennengelernt hat. Als Goldmann sie später besucht, um die Dokumente zurückzuholen, kommt es zu einer Auseinandersetzung. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass sie beiden sich sehen. Nach und nach kommen sie sich näher, während die Situation im Land für den Juden immer schwieriger wird …
Die Zeit vor dem Reichstagsbrand
Filme über den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust gibt es natürlich ohne Ende, auch Jahrzehnte später werden weltweit unentwegt neue Titel zu diesen Themen produziert. Seltener sind Werke, welche die Vorgeschichte dieses dunklen deutschen Kapitels beleuchten und verraten, wie es überhaupt zu all dem kommen konnte. Nacht über Berlin ist eines der selteneren Beispiele. Die ARD-Produktion von 2013 nimmt uns mit in das Jahr 1932 und porträtiert das Land und die Gesellschaft in den Wochen vor dem Reichstagsbrand 1933. Diese Zeit markiert einen Wendepunkt in unserer Geschichte, als die Nationalsozialisten zwar schon anfingen, die Menschen zu vergiften, aber noch nicht ganz in der Position waren, das Land zu terrorisieren.
Um das Ganze besser veranschaulichen zu können, braucht es aber eine Identifikationsfigur. Grundsätzlich hätte man dafür sicher auch reale, historische Menschen finden können, an denen man diesen Wandel in der Gesellschaft aufzeigt. Stattdessen ersann man zwei fiktionale Charaktere, die sich mit der Zeit näherkommen. Die Besetzung war dabei schon ein Coup: So engagierte man für Nacht über Berlin mit Anna Loos und Jan Josef Liefers zwei Leute, die zu dem Zeitpunkt tatsächlich schon seit vielen Jahren ein Paar waren. Über mangelnde Chemie braucht man sich dabei daher nicht zu sorgen, wenig überraschend arbeiten die beiden hier dann auch gut zusammen. Das ist wichtig, da es sich bei all dem sich anbahnenden Schrecken doch auch um einen Liebesfilm handelt.
Mehr als ein Gesellschaftsporträt
Dieser muss natürlich schon tragisch sein, etwas anderes geben die Umstände nicht her. Aber man verzichtet doch darauf, daraus ein allzu manipulatives Melodram zu machen, wie man es bei einer deutschen Fernsehproduktion durchaus hätte erwarten können. Nacht über Berlin hat zwischendurch auch Elemente eines Spionagefilms, wenn es um die geheimen Machenschaften des Bruders geht. Ob es diese gebraucht hätte, darüber lässt sich streiten. Da wird dann doch immer ein bisschen mehr gemacht, als es notwendig gewesen wäre. Anstatt sich auf den Alltag der Menschen zu konzentrieren, die zunehmend aus dem Leben gedrängt werden, wird das Zeitporträt zu einer Art Abenteuer.
Gerade zum Ende hin überschlagen sich dann auch die Ereignisse, was durchaus für Spannung sorgt. Man wollte da richtig groß auftragen. Wobei die Szenen in dem Club, den die Sängerin kaufen möchte, ebenfalls zu der Atmosphäre und den Schauwerten beitragen. Da liegen Unterhaltung und Abgrund nahe beieinander. Ein bisschen mehr Drumherum wäre bei Nacht über Berlin zwar schön gewesen, wenn der gesellschaftliche Aspekt doch eher grob beschrieben wird. Aber es reicht doch für eine kurzweilige Zeitreise, in der eine sich anbahnende Liebe von einem Schatten überdeckt wird, der von Tag zu Tag größer wird. Auch wenn man letztendlich durch das Historiendrama nicht so viel lernt, wie es vielleicht wünschenswert gewesen wäre, zeigt es doch auf, wie selbst Leute mit Einfluss auf Dauer nicht vor dem Regime sicher waren.
OT: „Nacht über Berlin“
Land: Deutschland
Jahr: 2013
Regie: Friedemann Fromm
Drehbuch: Rainer Berg, Friedemann Fromm
Musik: Florian de Gelmini
Kamera: Jo Heim
Besetzung: Anna Loos, Jan Josef Liefers, Sven Lehmann, Claudia Eisinger, Jürgen Tarrach, Franz Dinda
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