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London (2026)

„London“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Inhalt / Kritik

Mehrmals in der Woche fährt Bobby (Bobby Sommer) zwischen Wien und Salzburg hin und zurück. Er besucht einen Freund im Krankenhaus, der seit einem Schlaganfall im Koma liegt. Um auf der etwa dreistündigen Fahrt nicht allein zu sein, bietet er Mitfahrgelegenheiten für Fremde an, die ihn manchmal die gesamte Strecke oder nur ein Teilstück begleiten. Da ist beispielsweise ein junger Mann, der seinen Wehrdienst ableistet und mit Bobby darüber spricht, ob er wirklich auf jemanden schießen oder in einen Krieg ziehen könnte. Die Mutter einer jungen Familie spricht mit Bobby über die Verantwortung, Eltern zu sein. Eine junge Frau, die nur bruchstückhaft Deutsch und Englisch spricht, ist auf ihrer Reise nach Brüssel, wo sie eine Arbeitsstelle erwartet.

Auf seinen Fahrten verwickelt Bobby die Menschen in sehr unterschiedliche Gespräche. Doch es sind nicht nur seine Fahrgäste, die etwas über sich preisgeben. Je länger Bobby ihnen zuhört und auf ihre Gegenfragen antwortet, desto mehr gibt auch er von sich preis – von seiner eigenen Geschichte und von der Beziehung zu dem Mann, den er immer wieder im Krankenhaus besucht.

Rohe Präsenz

London ist der erste Spielfilm des österreichischen Regisseurs Sebastian Brameshuber. Seine vorherigen Arbeiten – Dokumentationen wie beispielsweise Und in der Mitte, das sind wir (2014) oder Bewegungen eines nahen Bergs (2019) – befassen sich mit sehr unterschiedlichen Milieus und Landschaften, wobei vor allem das Beobachtende im Vordergrund steht. Brameshuber zeigt Menschen, die in prekären wirtschaftlichen und teils auch gesellschaftlichen Verhältnissen leben. Dabei sind es weniger explizite Aussagen als vielmehr lange Einstellungen, die dem Zuschauer andeuten, wie diese Menschen fühlen und denken. Gerade dieser Ansatz bildet den Kern von London, der auf der Berlinale 2026 seine Weltpremiere feiert und eine ganze Bandbreite aktueller Themen behandelt, wobei jedoch immer die menschliche Perspektive entscheidend ist.

Die „rohe Präsenz“ von Menschen und Momenten steht in London im Mittelpunkt – laut Aussage des Regisseurs. London ist kein Spielfilm, der im traditionellen Sinne einen klaren Plot verfolgt, sondern wird vor allem von den Menschen getragen, die Bobby in seinem Auto mitnimmt, und von ihren Themen. Die recht unterschiedlichen Gespräche ergeben konsequent eine sich verändernde Dynamik, bei der mal Bobby und mal sein Gegenüber im Fokus stehen – abhängig davon, wie nah der Inhalt des Gesprächs der Hauptfigur geht.

Bobbys Besuche im Krankenhaus erscheinen zunächst wie ein beliebiges Fundament, das lediglich als Aufhänger für die Handlung dient. Im Verlauf des Films stellen wir jedoch fest, dass sich weitaus mehr dahinter verbirgt und viele der Gespräche mit den Fahrgästen auf Konflikte in Bobbys Leben anspielen, die er im Laufe der Zeit verdrängt, verschwiegen oder niemals aufgearbeitet hat. Bereits die erste Episode mit dem jungen Wehrdienstleistenden verweist subtil auf einen inneren Konflikt. Wenn der junge Mann angibt, er wisse nicht, ob er im Kriegsfall tatsächlich an die Front gehen könnte, scheinen Bobbys Schweigen sowie seine letztlich allgemeinen Entgegnungen auf einen Aspekt hinzudeuten, der immer wiederkehren wird. Unbewusst hat sein Fahrgast einen wunden Punkt angesprochen – und es wird nicht das letzte Mal sein, dass Bobby in eine solche Situation gerät.

Brücken und Beziehungen

London ist ein Film, der durch seine subtile Dramaturgie überzeugt. Diese ergibt sich zum einen aus den Dialogen und zum anderen aus der Inszenierung der Landschaft. Das Ewig-Gleiche der Autobahn bildet einen Kontrast zu der prächtigen Landschaft im Hintergrund, wie einer der Fahrgäste begeistert erklärt. In einer der besten Sequenzen von London verwickelt ein Architekturstudent Bobby in einen Dialog über die Entstehung der Autobahn und seine Passion für zwei Brücken, die er unbedingt fotografieren wolle. Bobby gibt nach und begleitet seinen Fahrgast zu den beiden Bauwerken, wartet dann jedoch lieber im Auto. Das allgegenwärtige, aber von vielen ignorierte Erbe der Vergangenheit weist auf einen intimen Konflikt hin – auf Emotionen, die ebenfalls nicht verarbeitet wurden oder denen man sich nie gestellt hat. Man kann sich durch eine immer gleiche Routine „abschalten“, doch damit hat man noch lange nicht die Wunde behandelt. Es sind Beispiele wie dieses, die deutlich machen, wie wirkungsvoll die erzählerische und ästhetische Herangehensweise Brameshubers ist, der andeutet, anstatt auszubuchstabieren.

Ein essenzieller Bestandteil dieser Dramaturgie ist natürlich Bobby Sommer. Der eher als Musiker bekannte Sommer betont durch sein zurückhaltendes Spiel die vielen ungeklärten Konflikte und Gefühle der Hauptfigur. Er zeigt Bobby als einen ruhigen, geduldigen und zugleich interessierten Menschen, der – wie sollte es anders sein – eine Vorliebe für die stillen Töne im Leben hat.

Credits

OT: „London“
Land: Österreich
Jahr: 2026
Regie: Sebastian Brameshuber
Drehbuch: Sebastian Brameshuber, Anna Lehner
Kamera: Klemens Hufnagl, Patrick Wally
Besetzung: Bobby Sommer

Filmfeste

Berlinale 2026

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London (2026)
fazit
„London“ ist eine ruhige Mischung aus Drama und Roadmovie. Regisseur Sebastian Brameshubers Film überzeugt durch seine subtile Dramaturgie, die weniger auf große Momente setzt, sondern auf Bilder und Gespräche, die lange nachhallen und deren Dimension sich erst im Laufe der Handlung vollends erschließt. Er erzählt von einem Menschen, dessen Schweigen eine Form der Verdrängung ist, der jedoch durch die unterschiedlichen Begegnungen mit anderen und ihren Themen dazu gebracht wird, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen.
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