Josephine
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Josephine

„Josephine“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Inhalt / Kritik

Während eines morgendlichen Ausflugs in den Golden Gate Park verläuft sich die achtjährige Josephine (Mason Reeves). Während sie auf ihren Vater (Channing Tatum) wartet, wird sie Zeugin einer Vergewaltigung. Als sie nach diesem konfrontativen Ereignis versucht, zu verstehen und das Gesehene zu verarbeiten, entwickelt sie zunehmend Angstzustände. Ihr emotionales Trauma führt zu Konflikten in der Schule und mit ihren Eltern, die nicht wissen, wie sie ihrer Tochter helfen und sie gleichzeitig schützen können. 

Ein Blick hinter die Statistik 

Eine von drei Frauen in Europa berichtet, im Laufe ihres Lebens Opfer sexualisierter Gewalt geworden zu sein, viele von ihnen bereits als Teenagerinnen oder sogar im Kindesalter. Als sie acht Jahre alt war, wurde Beth de Araújo (Soft & Quiet) Zeugin, wie ein Mann in einem Park nahe ihrem Zuhause eine Frau vergewaltigte. Basierend auf ihrer eigenen Erfahrung inszeniert Araújo die psychologische Belastung sowie die Konsequenzen, die ein derart traumatisches Erlebnis für das Leben eines Kindes hat.

Ein Augenblick für immer 

Der Film eröffnet mit einer kurzen Montage von Josephine und ihrem Vater beim Sport. Nachdem sie gemeinsam in einen nahegelegenen Park aufbrechen, bricht Araújo mit der Fassade einer heilen Welt. Aus der Perspektive Josephines, durch die Augen eines Kindes, werden sie und der  Zuschauer gleichermaßen Zeuge einer schonungslosen Darstellung körperlicher Gewalt gegen eine Frau und ihrer anschließenden Vergewaltigung. In der Hoffnung, ihre Tochter sei zu jung, um das Gesehene wirklich zu verstehen, verzichten ihre Eltern vorerst auf eine explizite Erklärung. Josephine wirkt gefasst, ist innerlich jedoch aufgewühlt genug, um eigene Nachforschungen anzustellen und Begriffe wie Sex und Vergewaltigung nachzuschlagen. Die nachfolgende Ermittlung der Polizei und die Tatsache, dass Josephine die einzige Zeugin ist, konfrontieren sowohl sie als auch ihre Eltern erneut mit der Situation. Was folgt, ist eine schmerzhaft intensive Darstellung der psychischen Folgen von Unverständnis, Verwirrung und Trauma. Josephine visualisiert die Angst eines Kindes und das altersbedingte Unvermögen, einen Schrecken zu verarbeiten, der neu und abstrakt ist. Kindliche Unschuld, zerstört durch einen einzelnen Moment.

Josephine spiegelt die inhärente Komplexität dieses Themas exakt wider. Josephines gedankliche Gleichstellung des Täters mit Männern generell, gepaart mit dem Wissen, sie müsse stark sein, um sich wehren zu können, führt zu gewaltsamen Ausbrüchen und Problemen in der Schule. Die Bürde, vor der Polizei und einem Gericht aussagen zu sollen, resultiert in Stresszuständen und weiterem Rückzug. Gleichzeitig ist es für die Eltern fast unmöglich zu verstehen, inwiefern ihre Tochter das Gesehene einordnen kann, für welche Art der Hilfe sie überhaupt zugänglich ist und inwiefern man ihre kindliche Unschuld durch Aufklärung weiter kompromittiert. Nicht alle Entscheidungen der Eltern in ihrer Kommunikation untereinander und mit Josephine erscheinen von außen betrachtet nachvollziehbar, doch gerade darin spiegelt sich glaubhaft die Unbeholfenheit und Schwierigkeit des vermeintlich adäquaten Verhaltens in einer solchen Situation.

Parallel zu ihrer inneren Unruhe nimmt ihr Trauma Josephines ganzes Leben ein. Zu Hause, in der Schule und vor Gericht als Zeugin kann sie ihren eigenen Gedanken und ihrer Angst nicht entfliehen. Lediglich der Sport bietet ihr kurzzeitige Zerstreuung. In jeder Szenerie bleibt der Film in seiner realitätsnahen Darstellung schonungslos und konsequent. Beth de Araújo hat kein Interesse an einer entlastenden Inszenierung und bietet bis zum Ende keinerlei Fluchtpunkte. Die im Film zitierte Feststellung, es gebe weder eine faire Welt noch jemanden, der Schmerz für dich tragen kann, ist keine zynisch überhöhte Behauptung, sondern eine Wahrheit, die keiner Abschwächung durch narrative Weichzeichnung bedarf.

Erdrückende Präsenz 

Durch die Augen der titelgebenden Figur, eines Kindes, hält Josephine der Welt einen Spiegel vor. Filmisch umgesetzt wird dies durch eine subjektive Kamera, die weitestgehend aus der Ichperspektive Josephines filmt. In ihrer Debütrolle liefert Mason Reeves als Josephine eine ebenso erdrückend einnehmende wie herausragende Schauspielleistung ab. Unterstützt von Gemma Chan und einem ungewohnt ausdrucksstarken Channing Tatum bilden sie als familiäres Abbild unverschuldeter Tragik den emotionalen Kern des Films.

Credits

OT: „Josephine“
Land: USA
Jahr: 2025
Regie: Beth de Araújo
Drehbuch: Beth de Araújo
Musik: Miles Ross
Kamera: Greta Zozula
Besetzung: Mason Reeves, Channing Tatum, Gemma Chan, Philip Ettinger, Syra McCarthy

Trailer

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Sundance 2026
Berlinale 2026

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Josephine
fazit
Durch die Augen eines Kindes blickt "Josephine" auf eine Realität, die zu häufig relativiert oder ignoriert wird. Schonungs- und kompromisslos inszeniert Beth de Araújo ihre eigene Erfahrung als intime Studie über Trauma, Überforderung und das Zerbrechen kindlicher Unschuld. Der Film verweigert Trost ebenso wie narrative Abkürzungen und besteht darauf, die psychischen Nachwirkungen nicht zu glätten. "Josephine" ist keine übertriebene, zynische Sicht auf die Welt, sondern die präzise Beobachtung einer Wahrheit, die unbequem bleibt, gerade weil sie so real ist.
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