Hätten wir doch die Aida genommen
© DIN O4-Format

Hätten wir doch die AIDA genommen

Hätten wir doch die Aida genommen
„Hätten wir doch die AIDA genommen“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Inhalt / Kritik

Für die Reality-TV-Show “Aufgeklärt – On Tour” macht sich ein Filmteam gemeinsam mit Franziska H. (Sarah Maria Grünig) auf den Weg nach Mallorca, weil die bisherigen Recherchen ergeben haben, dass Franzis seit 1937 verschollener Großvater Josef dort ein neues Leben aufgebaut hat. Mit Moderator Julian Leischik (Henri Mertens) sollen sie zunächst das Grab des Opas besuchen, der vor 15 Jahren gestorben ist. Anschließend segeln sie weiter nach Griechenland, denn dort soll Franzis bislang unbekannte Verwandtschaft inzwischen leben. Auf dem engem Raum eines Segelschiffs verdichten sich Spannungen im achtköpfigen Drehteam – nicht nur wegen der physischen Nähe, sondern auch, weil immer deutlicher wird, dass das Gedrehte mit der versprochenen „Realität“ wenig zu tun hat. Und weil niemand von ihnen seine Karriere in der Medienbranche für eine Nachmittagssendung begonnen hat.

Alles Meta

Hätten wir doch die AIDA genommen ist das erste Spielfilmprojekt des Kollektivs DIN O4-Format. Maurizia Bachnik, Musa Kohlschmidt, Finn Michelis und Felix Schwaiger haben gemeinsam das Drehbuch geschrieben und stehen alle selbst vor der Kamera. Kohlschmidt und Schwaiger führen Regie, Michelis und Bachnik teilen sich die Kamera, Bachnik entwarf zudem die Kostüme. Ein Kollektiv dreht einen Film über ein Kollektiv, das kollektiv eine Folge einer Reality-TV-Show produziert, die wiederum im Film gezeigt wird – Meta-Ebenen sind hier kein Beiwerk, sondern erklärtes Programm.

Das Reality-Format innerhalb des Films ist als überspitzte Variante real existierender Sendungen gedacht. Schon der Name des Moderators ist eine unverhohlene Anspielung auf SAT.1-Ikone Julia Leischik. Der Versuch, die Mechanismen und Verlogenheiten solcher Formate offenzulegen, gelingt jedoch nur bedingt. Wenn Franzi an einem vorgetäuschten Grab ihres Großvaters zu Tränen animiert werden soll, scheitert das nicht nur an ihrem fehlenden schauspielerischen Talent, sondern vor allem an der Lieblosigkeit der Inszenierung dieser Inszenierung. Hier wird nicht entlarvt, hier wird bloß behauptet. Die Darstellung des Filmteams wirkt aufgesetzt, Dialoge klingen, als würden sie eher abgelesen als gelebt. Was in den Reality-TV-Passagen noch als ironische Brechung durchgehen könnte, zieht sich leider durch den gesamten Film.

Konflikte? Fehlanzeige

Auch die zweite Ebene – das Filmteam auf dem Segelschiff – trägt nicht. Echte Konflikte, die aus der Enge und der Dauerpräsenz entstehen könnten, gibt es erst gegen Ende und die wirken dann allenfalls künstlich herbeigeschrieben. Die Mechanismen hinter der Produktion bleiben abstrakt, fast dekorativ. Die mangelnde Privatsphäre soll durch eine feste Kamera im Spiegel des winzigen Badezimmers visualisiert werden, doch auch dieses Motiv bleibt beliebig. Warum die Figuren in ihren kurzen Momenten des Alleinseins genau so agieren, wie sie agieren, bleibt unklar. Man kommt ihnen nicht näher, ihre Intentionen bleiben schwammig. Auch die Dialoge, abseits konkreter Produktionsgespräche, geben ihnen keinen Background, obwohl sie genau das zu wollen scheinen. Hinzu kommt eine Idee, die auf dem Papier vermutlich als augenzwinkernder Gag gedacht war: Jedes Teammitglied trägt grellbunte Outfits in einer eigenen, fest zugeordneten Farbe. Das mag visuell auffallen, aber was es bedeuten soll, bleibt rätselhaft. Teambildend ist es sicher nicht, symbolisch aufgeladen auch nicht – es wirkt wie ein weiteres Element, das Bedeutung behauptet, ohne sie einzulösen.

So fragt man sich als Zuschauer dieses Films, der im Wettbewerb des Filmfestival Max Ophüls Preis 2026 seine Weltpremiere feierte, was die Macher eigentlich im Sinn hatten. Unterhaltsam ist er nur in jenen seltenen Momenten, in denen er als überdrehte Satire auf eine schlecht gemachte Reality-TV-Sendung kurz funktioniert. Als Film über einen Filmdreh auf engstem Raum bleibt er für Außenstehende erstaunlich uninteressant. „Wir haben Angst davor, Kunst mit der Bubble für die Bubble zu machen“, sagt Finn Michelis als Tankred im Film. Genau das ist aber passiert. „Und dann erreicht man nicht einmal mehr die“, fügt er hinzu und endet mit der Frage: „Wen soll man denn dann noch erreichen?“ Gute Frage. Eine Antwort darauf findet man in diesem Film leider nicht, denn auf wen Hätten wir doch die AIDA genommen zielt, bleibt unklar.

Credits

OT: „Hätten wir doch die AIDA genommen“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Musa Kohlschmidt, Felix Schwaiger
Drehbuch: DIN O4-Format
Kamera: Maurizia Bachnik, Finn Michelis, Toni Lind, Sarah Maria Grünig
Besetzung: Sarah Maria Grünig, Henri Mertens, Christoph Umhau, Felix Schwaiger, Josefin Fischer, Musa Kohlschmidt, Finn Michelis, Undine Seidenschnur, Maurizia Bachnik

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Hätten wir doch die AIDA genommen
fazit
„Hätten wir doch die AIDA genommen“ verheddert sich in seinen Meta-Ebenen, bleibt in Figurenzeichnung und Konflikten unerquicklich blass und entlarvt Reality-TV eher behauptend als präzise. Eine Satire ohne Schärfe, ein Kammerspiel ohne Spannung – und ein Film ohne klare Adressaten.
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