
Der elfjährige Gugu (Yuri Gomes) lebt mit seiner Großmutter Dilma (Teca Pereira) im brasilianischen Bundesstaat Ceará an einem langsam austrocknenden Stausee. Seine Mutter ist schon seit längerem verstorben, sein Vater Batista (Lázaro Ramos) hat eine neue Partnerin gefunden. Obwohl Gugu wie die meisten Jungs im Dorf gerne Fußball spielt, unterscheidet er sich aufgrund der Vorliebe, sich zu schminken, zu tanzen und Kleider zu tragen, doch sehr von seinen Altersgenossen. Batista, der diese Seite an seinem Sohn nicht akzeptieren kann, tadelt ihn immer wieder dafür, dass er sich mit seinem extravarganten Verhalten „zum Clown“ mache. Als Dilma auch noch erste Anzeichen von Demenz zeigt, beginnt für Gugu eine schwierige Zeit, die ihm viel Widerstandskraft abverlangen wird…
Queeres Kino ohne Labels
Mit Fokus auf Sozialkritik, verpackt in einer traumartigen Welt schaffte es Gabriel Mascaros Das Tiefste Blau (2025) auf der 75. Berlinale, den begehrten Silbernen Bären abzuräumen. Nur ein Jahr später, bei der 76. Ausgabe, ist mit Gugus Welt in der Kinderfilmkategorie Generation Kplus wieder ein brasilianisches Werk nominiert, der mit ähnlich relevanten gesellschaftlichen Themen und liebenswürdigen Figuren eine ebenso besonnene, anstatt aufgewühlte Stimmung erschafft.
Ging es bei Das Tiefste Blau noch vor allem um Altersdiskriminierung, ist Allan Debertons dritter Spielfilm Teil des Queer Cinema – ohne dass die Geschlechtsidentität des Protagonisten wirklich groß thematisiert wird. Zunächst handelt es sich nämlich um ein Kind, das nur nach der Entfaltung seines authentischsten Selbsts sehnt, dafür aber keine Akzeptanz vom Vater erfährt. Was zählt ist der Kampf gegen normative Geschlechterrollen, egal ob Gugu am Ende trans oder non-binär ist oder sich einfach nur äußerlich androgyn gibt. Kategorisierungen sind letztlich nebensächlich, es geht um den Wunsch nach Selbstbestimmung (womit wir wiederum bei Mascaro wären).
Menschen, die berühren
Was Gugus Welt so ergreifend macht, sind seine Figuren, der Humor und auch der Schmerz in ihren Interaktionen. Zwischen den Darsteller:innen, aber vor allem zwischen Gomes und Pereira herrscht eine so lebendige Chemie, die einerseits mit den ausdrucksstarken Gesichtern, andererseits mit einer, der portugiesischen Sprache wesenseigenen, Intensität der Dialoge zu tun hat. Dabei verarbeitet der Film die Themen Ausgrenzung und neurodegenerative Krankheiten in der Familie so, dass sie emotionalisieren, aber nicht absichtlich verstörend sind – obwohl es einige wirklich schwer erträgliche Momente, vor allem zwischen Gugu und Batista – gibt.
Am bedrückendsten ist aber wohl die Tatsache, dass mit Dilma ausgerechnet die eine erwachsene Bezugsperson beginnt, Gugu nicht mehr zu erkennen, die ihn nach seiner Mutter so immer so akzeptiert hat, wie er ist. Glücklicherweise endet Gugus Welt hoffnungsvoll genug, das es für das jüngere Publikum versöhnlich sein dürfte. Generell hält er eine Balance zwischen Ernsthaftigkeit und Leichtigkeit, die ihn zur perfekten Nominierung in Generation Kplus macht.
Etwas, das normalerweise selten kritikwürdig wäre, aber hier doch auffällt, ist der schwache Bezug des Originaltitels (Feito Pipa = Wie ein Drache) zum Inhalt selbst. Dass Gugu selbst als Drache durch sein Leben gleiten will, frei von äußerlichen Zwängen, ist eine Metaphorik, die sich nur in einer, maximal zwei Szenen wirklich findet, ansonsten rückt dieses Motiv ein wenig in den Hintergrund, ähnlich wie die Aspekte des Klimawandels beziehungsweise der Umweltzerstörung (erneut: wie bei Mascaro). Das ändert aber wenig daran, wieviel Herz sonst in der Charakterzeichnung und den Beziehungsdynamiken steckt.
OT: „Feito Pipa“
AT: „Gugus Welt“
Land: Brasilien
Jahr: 2026
Regie: Allan Deberton
Drehbuch: André Araújo
Musik: João Victor Barroso
Kamera: Luciana Baseggio, Daniel Donato
Besetzung: Yuri Gomes, Teca Pereira, Lázaro Ramos, Carlos Francisco, Georgina Castro
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