
Mit 171.069 erfassten Opfern von Partnerschaftsgewalt allein im vergangenen Jahr zeichnen die Zahlen des Bundeskriminalamts ein erschütterndes Bild – und sie bilden vermutlich nur die Spitze des Eisbergs. Hinter jeder Zahl steht ein individuelles Schicksal, doch diese bleiben meist unsichtbar. Erst wenn Gewalt im häuslichen Umfeld tödlich endet, schafft es das Thema in die Schlagzeilen – dann allerdings oft nur in den Regionalteil. Mit ihrem Dokumentarfilm Fassaden richtet Filmemacherin Alina Cyranek den Blick auf die Strukturen hinter diesen Taten und gibt den Betroffenen eine eindringliche Stimme.
Körperliche Ausdrucksform
Auf das Thema stieß Cyranek bereits 2018, als das BKA seinen Jahresbericht zur häuslichen Gewalt veröffentlichte. Intensive Recherchen und zahlreiche Gespräche mit Betroffenen führten schließlich zur Entscheidung, einen Film daraus zu machen. Von Beginn an stand für die Regisseurin fest, die Frauen nicht selbst vor die Kamera zu holen. Stattdessen bedient sie sich einer der körperlichsten Ausdrucksformen überhaupt: des Tanzes. Gemeinsam mit Choreograf Sebastian Weber sowie den Tänzern Gesa Volland und Damian Gmür entwickelte sie eine visuelle Sprache, die Beziehungsdynamiken und innere Gefühlszustände erfahrbar macht, ohne den gesprochenen Text bloß zu illustrieren.
Dieser Text wiederum basiert auf vier authentischen Erfahrungsberichten, die Cyranek zu einer zusammenhängenden Erzählung verwoben hat. Gesprochen wird sie von Sandra Hüller – bereits für einen Oscar nominiert und derzeit wohl eine der prägendsten Schauspielerinnen Deutschlands. Ihre Beteiligung erweist sich als Glücksgriff. Mit beeindruckender Intensität haucht Hüller den Worten Leben ein und macht das Geschehen allein durch ihre Stimme sichtbar, ja beinahe körperlich spürbar. Zugleich vermittelt sie die Selbstverwunderung der Betroffenen darüber, wie lange sie in einer zerstörerischen Beziehung verharrt haben. In Verbindung mit den Tanzsequenzen entfaltet der Film so eine emotionale Wucht, der man sich kaum entziehen kann. Immer wieder durchbrechen Bilder titelgebender Hausfassaden die Choreografien – stille Zeugen von Verbrechen, die meist verborgen im privaten Raum stattfinden, dort, wo eigentlich Schutz herrschen sollte.
Wirkungsvoller Kontrast
Doch Fassaden erschöpft sich nicht in emotionaler Verdichtung. Cyranek lässt auch Expertinnen und Experten zu Wort kommen: einen Polizisten, eine Ärztin, Sozialarbeiter, eine Psychologin und eine Anwältin. Sie unterbrechen die chronologisch erzählte Beziehungsgeschichte – vom Kennenlernen über erste Zweifel bis hin zu Gewaltausbrüchen, Trennung und Gerichtsverfahren – und liefern sachliche Einordnungen. Dieser nüchterne Ton bildet einen wirkungsvollen Kontrast zu den expressiven Tanzbildern.
Gerade aus diesem Spannungsverhältnis bezieht der Film seine besondere Kraft. Das Publikum wird mit unbequemen Wahrheiten konfrontiert und beginnt unweigerlich zu fragen: Kenne ich vielleicht selbst jemanden, dem Ähnliches widerfährt? Würde ich es überhaupt bemerken? Und wie würde ich reagieren? Fassaden ist ein Film, der dazu auffordert, genauer hinzusehen, wachsam zu bleiben und sich einzumischen. Ein starker Film. Ein wichtiger Film.
OT: „Fassaden“
Land: Deutschland
Jahr: 2025
Regie: Alina Cyranek
Buch: Alina Cyranek
Musik: Freya Arde
Kamera: Tim Pfautsch
Mitwirkende: Sandra Hüller, Gesa Volland, Damian Gmür, Christopher Neumann, Ulrike Böhm, Veronika Fuhrich, Cathrin Schauer-Kelpin, Anke Schmiedeberg, Christina Clemm
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