
Seit seine Frau verstorben ist, verbringt der Witwer Walter Adler (Heiner Lauterbach) seinen Ruhestand allein mit seinem Hund. Um sich die Zeit zu vertreiben, testet er Restaurants und bewertet sie anschließend im Internet. Seine pedantische und sture Natur bringt ihm dabei aber nicht nur Verständnis oder gar Wohlwollen ein. Beim Besuch eines neuen Sushi Restaurants trifft er zufällig auf seine Jugendliebe Alice (Iris Berben). Vor 40 Jahren hatte er ihr mit einer selbst gebauten Rube Goldberg Maschine einen Heiratsantrag gemacht, der spektakulär scheiterte und schließlich zu ihrer Ablehnung führte. Das Wiedersehen weckt den Ehrgeiz des gehörnten Senioren und er beschließt, alles für eine zweite Chance mit Alice zu tun.
Ego statt Einsicht?
Walter wird kategorisiert als Mann der alten Schule. Als pensionierter Ingenieur ist er ordnungsliebend und pedantisch. Seine Bewertung von Restaurants und Tiefkühlprodukten ist lediglich ein Versuch, die Leere in seinem Inneren und seine Ziellosigkeit zu füllen. Nach dem Tod seiner Frau nagt die Einsamkeit an ihm, allerdings weigert er sich stets, seine Gefühle zuzulassen oder sie gar nach außen zu tragen. Als er Alice trifft, fasst er sich erneut ein Herz in der Hoffnung auf eine zweite Chance, allerdings aus den falschen Gründen. Walters Avance resultiert aus dem unüberwundenen Unverständnis über ihre damalige Ablehnung und aus seinem Ehrgeiz, aber keineswegs aus echter Liebe. Walter repräsentiert das Bild des „alten weißen Mannes“, ideologisch stagniert und unversöhnt mit der Jugend, resultierend aus der Weigerung, das eigene Weltbild zu überdenken oder andere Meinungen zu respektieren. Kontrastierend dazu wurde Alice Professorin für Kunstgeschichte, hat sich ihre offene Haltung bewahrt und durch ihren Kontakt zu ihren Studenten einen sehr guten Zugang zu Generation Z beibehalten. Durch diese Asymmetrie schafft Ein fast perfekter Antrag die erzählerische Grundlage für Walters unausweichliche ideologische Heldenreise.
Nachdem Walter auch beim zweiten Mal kein Nein akzeptieren will, schreibt er sich in einen Kurs von Alice an der Universität ein. Im akademischen Umfeld muss er erkennen, dass sich die Welt weiterentwickelt hat und mit ihr die Gesellschaft. Neben Kunstgeschichte stehen auf Walters ganz persönlichem Lehrplan Persönlichkeit, Selbstfindung, Offenheit und Diversität. Anhand der Nebenfiguren inszeniert Ein fast perfekter Antrag mehrmals Probleme wie Sexismus, Homo- und Transphobie und plädiert dabei für Offenheit. Schlagworte wie Safespace und Diversity kontextualisieren den ideologischen Unterschied zwischen Walter und der neuen Generation oft humoristisch, karikieren dabei aber unabsichtlich die Ausgangsposition des Films. Ein fast perfekter Antrag basiert einzig auf dem Unvermögen Walters, ein Nein zu akzeptieren und auf der folgenden Romantisierung seiner Bemühungen. Die daraus resultierende Reise widerwilliger Selbstreflexion ist damit zu oft begleitet von einem konträren Beigeschmack.
Klischee über Komplexität
Zusätzlich verliert Ein fast perfekter Antrag besonders durch die Tonalität immer wieder den Tritt und damit an emotionaler Gravitas. Wie die beiden Protagonisten sind auch die Nebenfiguren der Studenten gezeichnete Klischees, die fast ausschließlich entweder für Exposition oder Comedic Relief genutzt werden. Regisseur Marc Rothemund und Drehbuchautor Richard Kropf hätten genug Raum für eine nuancierte, feine Darstellung von Reflexion, Selbstfindung und Liebe und entscheiden sich stattdessen für die urdeutsche Holzhammermethode. Subtilität wird im Keim erstickt, Manierismen der Jugend werden genauso platt und stigmatisiert dargestellt wie die des Alters. Die eingeflochtene Jugendsprache wirkt so deplatziert, dass sie dem Film Authentizität nimmt und im Kontext der Handlung damit unfreiwillige Selbstironie erzeugt. Während des Finales konkludiert die Handlung ebenso plump und damit konsequent vorhersehbar. Ein fast perfekter Antrag hat zwar durchaus Momente, die emotionalen Bezug zulassen oder durch pointierten Sarkasmus und Humor funktionieren, in den meisten Fällen traut man seinem Publikum aber zu wenig zu, um diese effektive Nuanciertheit beizubehalten.
OT: „Ein fast perfekter Antrag“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regisseur: Marc Rothemund
Drehbuch: Richard Kropf
Musik: Andrej Melita, Jörg Magnus Pfeil
Kamera: Ahmet Tan
Besetzung: Heiner Lauerbach, Iris Berben, Jonathan Perleth, Amira Demirkiran, Julius Forster, Raffaela Kraus, Lucy Gartner, Chiara Di Geronimo
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