
Nach 14 Jahren kehrt Hein (Paul Boche) vom Festland zurück in sein Heimatdorf auf einer Nordseeinsel. Nach seiner langen Abwesenheit wird er jedoch keineswegs mit offenen Armen empfangen. Während seine Rückkehr und Manierismen bei den Dorfbewohnern Skepsis hervorrufen, erkennen ihn weder sein ehemaliger bester Freund Friedmann (Philip Froissant) noch seine Schwester (Emilia Schüle) und Mutter wieder. Schließlich ruft das Dorf ein Gerichtsverfahren ein, um seine Identität festzustellen. Als sich die Ungereimtheiten zwischen seinen und den Erinnerungen der Dorfbewohner häufen, schlägt ihre Skepsis in offene Feindseligkeit um und Heim gerät zunehmend in Bedrängnis seine Vergangenheit zu beweisen.
Fassade der Einigkeit
Kai Stänickes Der Heimatlose beginnt mit der Rückkehr eines freiwilligen Exilanten in seine vermeintlich alte Heimat, ein namenloses Dorf auf einer nicht näher bestimmten Insel in der Nordsee. Die Bewohner leben in völliger Isolation vom Festland und damit vom Rest der Welt, ihr Überleben basiert einzig auf Fischfang, Seetang und gegenseitiger Unterstützung. Niemand verirrt sich auf ihre Insel und abgesehen von Hein hat sie niemand je verlassen. In seiner Inszenierung arbeitet Regisseur Kai Stänicke bei den Häusern des Dorfes lediglich mit Frontkulissen. Eine Illusion als Stilmittel, die auf der Figurenebene ungebrochen bleibt und eine visuelle Darstellung fehlender Privatsphäre impliziert. In der strengen Hierarchie und verschworenen Einheit des Dorfes ist weder Raum noch Möglichkeit für Intimsphäre und Individualismus. Eigene Meinungen werden automatisch dem Kollektiv untergeordnet, eine Erfahrung, die Hein bereits kurz nach seiner Ankunft machen muss.
Suche nach Wahrheit und Identität
Auf der Suche nach Wahrheit steht der Rückkehrer vor Gericht. Zuschauer wie Geschworene versuchen, die wahre Identität des vermeintlichen Heimkehrers unumstößlich festzustellen. Die Wahrheit ist dabei so dehnbar und flüchtig wie die zu erforschenden Erinnerungen. Über drei Prozesstage hinweg muss Hein Momente seiner Vergangenheit auf der Insel darstellen, die seine Behauptung bestätigen sollen. Die Dorfgemeinschaft vergleicht seine Darstellung mit der eigenen, um sich daraus ein Urteil zu bilden. Vorerst bleibt unklar, ob Stänicke während des Verfahrens ein Paradebeispiel für den Mandela-Effekt oder einen unzuverlässigen Erzähler illustriert. Die zu findende Wahrheit wird dem Zuschauer allerdings im Mittelteil des Films bereits über Rückblenden offenbart.
Diese Informationsasymmetrie sorgt dafür, dass Der Heimatlose zu Beginn der zweiten Hälfte auf der Stelle tritt. Statt der Frage nach der Identität des Heimkehrers rückt seine Sexualität und damit existenzielle Fragen in den Mittelpunkt. Heins Rückkehr erlaubt Deutungsspielraum. Tradition, Pflichtbewusstsein und Reue kollidieren mit Freiheitsdrang, Individualismus und Liebe. Der Heimatlose lässt seinem Publikum aber kaum Zeit zur gedanklichen Reflexion, bevor Heins Suche nach sich selbst in einem plausiblen, jedoch gleichzeitig offensichtlichen und absoluten Ende kulminiert. Über eine Laufzeit von zwei Stunden eröffnet Kai Stänicke zahlreiche vierversprechende Konzepte, nur um sie anschließend plakativ auszuerklären. Ein letzter Rest Interpretationsspielraum wird durch gradlinige Exposition und ungelenke Dialoge ausgemerzt.
Inzenatorisch konsequent
Letztere bleiben zumindest dem theateresken Gesamtkonzept des Films treu. Drehbuch, Figurenzeichnung und Inszenierung entsprechen einem Bühnenstück. Kulissen sind lediglich zweidimensionale Fronten, Requisiten spartanisch. Kameraarbeit und Schnitt schnörkellos konservativ. Hauptdarsteller Paul Boche spielt wie der Rest des Ensembles solide, aber gleichzeitig hölzern theatralisch. Stänickes zunächst unkonventioneller inszenatorischer Ansatz verliert schnell an Wirkungspotenzial, bleibt aber funktional.
OT: „Der Heimatlose“
IT: „Trial of Hein“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Kai Stänicke
Drehbuch: Kai Stänicke
Musik: Damian Scholl
Kamera: Florian Mag
Besetzung: Paul Boche, Stephanie Amarell, Philip Froissant, Emilia Schüle, Jeanette Hain, Zhenja Isaak, Aaron Hilmer, Andreas Nickl
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