Crocodile Tears
© Cologne Cine Collective

Crocodile Tears

Crocodile Tears
„Crocodile Tears“ // Deutschland-Start: 26. Februar 2026 (Kino)

Inhalt / Kritik

In der baufälligen Kulisse eines indonesischen Krokodilparks führen Johan (Yusuf Mahardika) und seine Mutter (Marissa Anita) ein isoliertes, fast symbiotisches Dasein. Die Grenze zwischen Realität und Wahn verschwimmt: Die Mutter ist überzeugt, dass Johans Vater ein weißes Krokodil ist, das im Park lebt. Doch als Johan die junge Arumi (Zulfa Maharani) kennenlernt, bricht die hermetisch abgeriegelte Welt der beiden auf. Seine erste Liebe weckt nicht nur das Verlangen nach Freiheit, sondern auch die mörderische Eifersucht einer Mutter, die bereit ist, alles zu tun, um die enge Bindung zu ihrem Sohn zu bewahren. Als Arumi schwanger wird und in den Park einzieht, scheint die Eskalation vorprogrammiert zu sein.

Autor und Regisseur Tumpal Tampubolon hatte die Idee zu seinem Regiedebüt Crocodile Tears, als er 2018 beim TV-Sender National Geographic eine Dokumentation über Krokodile sah. Eine Szene, in der eine Krokodilmutter ihr Junges behutsam in ihrem Maul versteckte – gleichzeitig schützend, aber auch potenziell tödlich –, inspirierte ihn zu einer Geschichte über die Ambivalenz mütterlicher Liebe. Sechs Jahre später feierte der Film schließlich beim Toronto International Film Festival seine Weltpremiere und ist nun in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen, was sicherlich auch damit zusammenhängt, dass die Kölner Firma 2Pilots Filmproduction zu den Co-Produzenten des Films gehört.

Überbordende Mutterliebe

Im Zentrum des Films steht die mütterliche Obsession. Die namenlos bleibende Mutter ist von Beginn an gegenüber ihrem Sohn dominant. Sie lässt sich von ihrem Sohn massieren, kontrolliert seine Unterwäsche auf Spermaspuren und beschützt ihn zugleich vor Spott. Ihre psychische Instabilität wird ebenso früh deutlich, etwa wenn sie vor dem Gehege des weißen Krokodils zusammenbricht – jenem Tier, das sie für Johans Vater hält. Johan erklärt später, dieser sei eigentlich bereits vor seiner Geburt verschwunden.

Mit Arumi tritt eine Rivalin auf den Plan. In den Augen der Mutter wird die junge Frau zur Konkurrentin um die Zuneigung ihres Sohnes. Ihre Dominanz steigert sich zur offenen Feindseligkeit. Zwar verbietet sie Johan zunächst den Umgang mit Arumi, doch die Beziehung vertieft sich dennoch. Selbst als die schwangere Arumi in den Park einzieht, bleibt die Spannung spürbar. Immer wieder schneidet Tampubolon Bilder der Krokodile zwischen Szenen des Alltags. Das erzeugt eine düstere Vorahnung und spielt mit der Möglichkeit, der Film könne in Richtung Tierhorror kippen. Andeutungen, die Mutter habe Johans Vater an die Tiere verfüttert, verstärken diese unterschwellige Bedrohung.

Unterschiede, die man riechen kann

Zugleich ist der Film als Sozialdrama angelegt. Johan und seine Mutter gehören zur Unterschicht, was der Regisseur unter anderem über wiederkehrende Geruchsmetaphern verdeutlicht. Johan wird von jungen Frauen auf seinen Schweißgeruch hingewiesen. Schweißgeruch fungiert hier als soziales Stigma. Aber auch in anderen Situationen benutzt Tampubolon Gerüche: Als die Mutter bemerkt, dass sie dasselbe Parfum benutzt wie Arumi, wirft sie das Geschenk ihres Sohnes demonstrativ weg.

Tampubolon verzichtet auf grelle Effekte. Die Krokodile erscheinen nicht als unmittelbare Bedrohung, sondern als latente Gefahr im Hintergrund. Vieles bleibt unausgesprochen – etwa das tatsächliche Schicksal des Vaters. Auch die Frage, ob die Kommunikation der Mutter mit dem weißen Krokodil real ist oder ihrer Wahrnehmung entspringt, bleibt offen.

Die gemächliche Inszenierung führt dazu, dass nur selten klassische Spannung entsteht und der Film stellenweise nahe an der Langatmigkeit operiert. Gleichzeitig erzeugt die konstante, unterschwellige Bedrohung eine Atmosphäre, die trägt. Maßgeblich dazu bei trägt die Leistung von Mutter-Darstellerin Marissa Anita. Mit präzisen Gesten und Blicken vermittelt sie ihre Abneigung gegenüber Arumi ebenso überzeugend wie sie in den Momenten psychischer Ausbrüche ausrastet, ohne ins Überzeichnete abzurutschen. Dabei zeichnet sie das Bild einer Frau zwischen Kontrollbedürfnis, Verlustangst und Instabilität – allein das macht den Film sehenswert.

Credits

OT: „Air Mata Buaya“
Land: Indonesien, Frankreich, Singapur, Deutschland
Jahr: 2024
Regie: Tumpal Tampubolon
Buch: Tumpal Tampubolon
Musik: Kin Leonn
Kamera: Teck Siang Lim
Besetzung: Yusuf Mahardika, Marissa Anita, Zulfa Maharani

Bilder

Trailer

Kaufen / Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.




(Anzeige)

Crocodile Tears
fazit
„Crocodile Tears“ ist ein still inszeniertes Psychodrama über Besitzanspruch und Abhängigkeit, das weniger auf Schockmomente als auf subtile Bedrohung setzt. Nicht durchgehend spannend, aber atmosphärisch dicht – und vor allem dank Marissa Anitas nuancierter Darstellung ein eindringliches Porträt zerstörerischer Mutterliebe.
Leserwertung0 Bewertungen
0
7
von 10