Regisseur Brian Kirk und Emma Thompson am Set von "Dead of Winter" (© Leonine)

Brian Kirk [Interview]

Dass in Filmen ein einzelner Mensch den Kampf mit den Bösen aufnehmen muss, ist keine Seltenheit. Dass diese Hauptfigur eine Frau in fortgeschrittenen Jahren ist, hingegen schon. Charakterdarstellerin Emma Thompson spielt in dem Thriller Dead of Winter – Eisige Stille (Kinostart: 19. Februar 2026) die in einer abgeschiedenen Gegend Minnesotas lebenden Witwe Barb, die eines Tages mitbekommt, wie eine junge Fremde Frau zwei Leuten gefangen gehalten wird. Auch wenn sie die Frau nicht kennt und sich dadurch selbst in Gefahr bringt, beschließt Barb, ihr zu Hilfe zu eilen. Wir haben uns im Rahmen des Film Festival Cologne 2025 mit Regisseur Brian Birk unterhalten. Im Interview spricht er über die harschen Dreharbeiten, seine Hauptdarstellerinnen und seine eigenen Erkenntnisse.

Was hat dich daran gereizt, Dead of Winter zu drehen?

Als man mir das Projekt vorstellte, verkaufte man es mir als Entführungsthriller über eine Frau Mitte sechzig. Ich konnte zuerst mit dieser Idee nicht viel anfangen. Warum sollte ich das drehen wollen? Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn! Doch als ich das Drehbuch gelesen habe, habe ich mich darin verliebt. Für mich war es ein tolles Beispiel für eine Genregeschichte, mit viel Gefühlen und tollen Schauplätzen. Gleichzeitig verarbeitet es einige große Themen wie Liebe und Verlust, Tod und Überleben sowie die Frage, was du zurücklässt. Das klang für mich alles sehr spannend und auch gehaltvoll genug, um große Schauspieler zu gewinnen und damit das hervorzuholen, was unter der Oberfläche liegt. Mich reizte aber auch, dass der Film in Finnland gedreht werden sollte, weil ich noch nie dort war. Ich war früher sehr viel in Minnesota, wo die Geschichte spielt, und war überrascht, wie ähnlich es in Finnland war, nicht nur im Hinblick auf die Landschaft, sondern auch kulturell. Und dann ist da natürlich noch die Figur, die von Emma Thompson gespielt wird. Nichts gegen Liam Neeson und Keanu Reeves, die all diese großen Helden gespielt haben: Barb ist aber eine gewöhnliche Frau, die einfach nur in dieser Welt überleben will, so wie wir alle.

Wie war es für dich, mitten in Schnee und Eis und bei diesen Temperaturen zu drehen?

Es war sehr intensiv. Teilweise wurde es bis zu minus 29 Grad. Das kannst du dir gar nicht vorstellen, wie das ist, bei solchen Temperaturen unterwegs zu sein, wenn du gar nichts mehr bewegen kannst und dein Bart vereist. Noch schlimmer war es aber, wenn es wärmer wurde und das Eis schmolz und dann wieder gefror. Denn dann konnte alles ganz anders aussehen. Das kann dir auch passieren, wenn es anfängt zu schneien. Für die Kontinuität war das ein Alptraum. Als die amerikanischen Produzenten da waren und es wieder geschneit hatte, mussten sie selbst Schnee schaufeln, damit der See wieder so aussah wie vorher. Das ist eine Erfahrung, die du beim Dreh sonst nicht hast. Aber es waren wunderbare Schauplätze, an denen wir drehen durften. Wir hatten auch ganz tolles Licht: Wir haben die ganzen Außenaufnahmen wirklich mit natürlichem Licht gedreht. Das hat dann auch sehr gut zum Inhalt gepasst, wo es darum geht, mit den Naturkräften klarzukommen. Der Blick auf diese raue, unberührte Gegend war unvorstellbar. Wir hatten auch ein leichtes Westerngefühl mit diesen kleinen Figuren vor den riesigen Landschaften.

War Emma Thompson von Anfang an für die Rolle gedacht? Sie ist nicht unbedingt jemand, der einem einfällt für einen Actionthriller.

Tatsächlich stand sie schon auf der Wunschliste, noch bevor ich zum Projekt dazugekommen bin. Zum Glück hat sie auch sehr schnell ja gesagt. Sie ist eine so meisterhafte Geschichtenerzählerin, sowohl als Autorin wie als Schauspielerin, weshalb sie einen tiefen Einblick in die Geschichte ihrer Figur hatte. Sie hat diese rare Gabe, dir das Gefühl zu geben, dass du Zugang zu ihrer Seele hast. Dafür musste sie sich physisch lange vorbereiten. Nicht nur, um fit und stark genug zu werden, um Barb überzeugend spielen zu können. Auch die Unterwasserszenen mussten lang vorbereitet werden. Gleichzeitig konnte sie durch diese physische Vorbereitung einiges über die Figur lernen.

Und wie sieht es aus mit Judy Greer? Ihre Rolle ist ja auch eher untypisch für sie.

Ich sah sie in Eric Larue, bei dem Michael Shannon Regie geführt hat. Sie spielt darin die Mutter eines Highschool-Amokläufers in einer Kleinstadt. Ihre Figur wurde zur Außenseiterin wegen der Dinge, die ihr Sohn getan hat, und sie muss einen Weg finden, wie sie ihr Leben weiterführen kann. Wir kennen Judy ja eigentlich als jemand, der sehr witzig ist. Mit dem Film hat sie aber bewiesen, dass sie auch ganz anders spielen kann. Da war so viel Leid und Schmerz in ihrer Rolle. Ihre Familie hat mit Leuten zu tun, die mit ihrer Fentanyl-Sucht zu kämpfen haben, darunter eine Frau, deren Gesicht durch die Sucht völlig zerstört wurde, die aber trotz allem noch von einer Zukunft träumte. Und so ist auch Judys Figur, die bereit ist, über Leichen zu gehen, um ihr eigenes Leben zu retten. Damit ist sie das Gegenteil von Barb, die ihr eigenes Leben für eine Fremde riskiert.

Du hast schon angesprochen, dass der Film auch von Trauer handelt. Barb denkt sehr viel über ihre Vergangenheit nach, besonders über ihren toten Mann. Auf der einen Seite ist unsere Vergangenheit wichtig, weil sie uns zu dem macht, der wir sind. Sie kann aber auch ein Gefängnis sein. Wie hält man die Balance?

Unser Film handelt von einer trauernden Frau, die durch äußere Umstände wieder zurück in die Vergangenheit gezerrt wird. Das ist ein klassisches Motiv: Das Hindernis, welches die Hauptfigur überwinden muss, ist gleichzeitig eine Chance. Dass Barb bereit ist, ihr eigenes Leben zu riskieren, ist deshalb, weil ihr eigenes so reich war und sie geliebt wurde. Und auch wenn sie ihn verloren hat, ist er immer noch bei ihr. Sie hat genug Bedeutung in ihrem Leben gefunden, um auch in dem der jungen Frau welche zu sehen. Es ist ihre Vergangenheit, die ihr die Kraft gibt. Sie findet einen Frieden darin, jemand anderem Leben zu schenken und damit den Kreislauf von Leben und Tod aufrechtzuerhalten. Sie lernt loszulassen, damit jemand anderes weitermachen kann.

Nachdem wir von dem Lernprozess der Protagonistin gesprochen haben, wie sieht es bei dir selbst aus? Was hast du von dem Film gelernt, auch für deine eigene Zukunft?

Ich hatte eine tolle Zeit und will auf jeden Fall weitermachen, so viel ist sicher. Der Dreh war eine transformative Erfahrung für mich. Unter solchen Bedingungen zu drehen, die gleichzeitig extrem und schön ist, das war etwas sehr Besonderes. Der Film hat mich aber auch innerlich berührt. Dass jemand, der ganz allein ist und Angst hat, immer noch eine so starke Verbindung fühlt, zu geliebten Menschen, aber auch Fremden, ist für mich ein Hoffnungsschimmer in einer Welt, die sich zunehmend isoliert. Ich habe gelernt, diesem Hoffnungsschimmer zu folgen und weiterzumachen.

Vielen Dank für das Interview!



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