© Marie-France Coailler

Boris Lojkine [Interview]

Boris Lojkine zählt zu den markantesten politischen Filmemachern des zeitgenössischen französischen Kinos. Nach seinem Spielfilmdebüt Hope (2014), das eine Flucht durch die Sahara in radikal reduzierten Bildern erzählt, etablierte er sich mit Camille (2019) als Regisseur, der persönliche Schicksale konsequent mit geopolitischen Realitäten verschränkt. Der Film über eine französische Kriegsfotografin in der Zentralafrikanischen Republik verzichtet bewusst auf Heroisierung und richtet den Blick stattdessen auf moralische Ambivalenzen, Nähe und Verantwortung im Kontext globaler Gewalt.

Auch in Souleymans Geschichte (2024) bleibt Lojkine dieser Haltung treu. Der Film begleitet einen jungen Migranten in Paris durch einen von Zeitdruck, prekärer Arbeit und bürokratischen Zwängen bestimmten Alltag und fragt danach, wie Identität unter institutionellen Bedingungen performativ hergestellt werden muss. Über alle seine Arbeiten hinweg zieht sich ein klares Interesse an Bewegung, Körpern im Raum und der Spannung zwischen individueller Wahrheit und den Erzählformen, die politische Systeme verlangen – ein Kino der Beobachtung, das sich jeder einfachen These verweigert.

Anlässlich des Kinostarts von Souleymans Geschichte am 19. Februar 2026 spricht Boris Lojkine über die Hintergründe des Films, seine Recherche, die Besetzung und die bisherigen Reaktionen auf den Film.

Was war deine Inspiration für Souleymans Geschichte? War es eine Begegnung, ein Bild oder eine Geschichte, die du nicht mehr aus dem Kopf bekamst?

Das war eine Mischung aus verschiedenen Dingen. Das Thema Migration beschäftigt mich schon sehr lange. Mein erster Spielfilm Hope handelt von zwei afrikanischen Einwanderern und ihrem Weg nach Europa. Lange dachte ich darüber nach, eine Art Fortsetzung zu Hope zu drehen, denn das Ende der beiden Figuren ist sehr offen gehalten. Das letzte Bild des Films zeigt sie, als sie gerade die Küste Europas erblicken. Man weiß gar nicht, ob sie in Europa klarkommen und sich ein neues Leben aufbauen können.

Dann kamen jedoch andere Projekte dazwischen, und ich vergaß diese Idee.

Später dachte ich darüber nach, wieder einen Film in Paris zu drehen. Ich wollte etwas über die „neuen“ Migranten erzählen. Als die Pandemie Frankreich erfasste und das Land im Lockdown war, waren die Straßen – wie wahrscheinlich auch in Deutschland – auf einmal wie leergefegt. Die einzige Ausnahme bildeten die vielen Lieferfahrer, von denen die meisten aus Westafrika kamen. Viele von ihnen hatten keine Papiere und damit keine offizielle Erlaubnis zu arbeiten.

Ich begann, mich intensiver mit diesen Menschen und ihren Leben zu beschäftigen. Nicht nur erzählerisch fand ich diese Geschichte interessant, sondern auch visuell. Eine Figur zu begleiten, die sich mit dem Fahrrad durch die französische Hauptstadt bewegt, ständig an anderen Orten ist und immer schnell sein muss, fand ich sehr reizvoll.

Erhöhte sich während des Lockdowns die Zahl der Lieferfahrer mit Migrationshintergrund in Paris, oder hat man sie nur zum ersten Mal richtig wahrgenommen?

Ich denke, es war wirklich so, dass man sie zum ersten Mal richtig wahrgenommen hat. Jetzt, nachdem ich Souleymans Geschichte gedreht habe, achte ich viel mehr auf sie, und sie fallen mir immer wieder auf. Selbst in kleinen Gemeinden bemerke ich afrikanische, indische oder pakistanische Lieferfahrer.

Diese Menschen sind ein fester Teil des Stadtbildes geworden, aber kurioserweise setzen wir uns nie wirklich mit ihnen auseinander. Das hat natürlich viel mit ihrer Arbeit zu tun. Wenn du dir Essen bestellst, musst du mit dem Lieferboten heute kaum noch sprechen. Selbst das Trinkgeld kannst du über eine App regeln. Wir sehen diese Menschen überall – und dann doch wieder nicht wirklich.

Während des Lockdowns waren sie auf einmal nicht mehr unsichtbar. Uns fiel zum ersten Mal auf, wer uns unser Essen bringt und wer unseren Müll entsorgt. Es sind Menschen, die in der gesellschaftlichen Hierarchie ganz unten stehen.

Souleyman ist auf der einen Seite die Hauptfigur, die wir die ganze Zeit begleiten, doch andererseits repräsentiert er eine gesellschaftliche Realität, wie du sie gerade beschrieben hast. Wie hast du in deiner Geschichte die Balance zwischen diesen beiden Aspekten gehalten?

Meine Arbeit würde ich als eine Mischung aus der eines Soziologen und der eines Anthropologen beschreiben. Bei der Recherche zu Souleymans Geschichte unterhielt ich mich mit vielen Migranten, insbesondere mit Lieferboten, von denen ich dir schon erzählt habe.

Danach begann jedoch der wirklich schwierige Teil: Ich musste zum einen die Geschichte für den Film finden und die Hauptfigur entwickeln. Ich musste wissen, was ich überhaupt erzählen wollte und wie.

Nachdem die Geschichte dann fertig war, war ich alles andere als zufrieden. Ich bin ein weißer Regisseur und Drehbuchautor – was weiß ich schon über die Lebensrealität eines guineischen Lieferboten in Paris? Das ist nicht mein Leben, und ich konnte mir kaum vorstellen, wie eine solche Existenz konkret aussieht.

Als wir Abou Sangaré für die Rolle des Souleyman besetzten, arbeitete ich gemeinsam mit ihm weiter an der Hauptfigur. Vieles aus Abous eigener Geschichte floss in die Figur ein, zum Beispiel, wie er nach Europa kam oder was für ein Mensch seine Mutter war. In diesen Momenten wird die Geschichte Abou Sangarés zur Geschichte Souleymans.

Diese Herangehensweise an die Figuren meiner Filme ist mir sehr wichtig. Wenn man Elemente findet, die meine Schauspieler mit ihren Figuren verbinden, ist das äußerst interessant und hilfreich – besonders dann, wenn ihre Lebenswirklichkeit so weit von meiner eigenen entfernt ist.

Abou Sangaré als Souleyman ist eine tolle Besetzung. Meine persönliche Lieblingsszene ist die, in der er mit Barry im Zug sitzt und die beiden Souleymans Geschichte üben, die er am nächsten Morgen der Sachbearbeiterin seines Asylantrags erzählen wird. Wie kam es eigentlich zu seiner Besetzung? Durch ein Casting oder auf anderem Wege?

Abou wurde gecastet. Er ist kein professioneller Schauspieler, aber es gab auch keine professionellen Schauspieler aus Guinea – zumindest hat sich keiner auf den Casting-Aufruf gemeldet.

Das war mir aber nur recht. Ich wollte auf keinen Fall einen französischen Schauspieler mit guineischen Wurzeln in dieser Rolle. Es sollte jemand sein mit afrikanischen Wurzeln, der noch nicht lange in Frankreich lebt.

Wir suchten sehr lange in den Straßen von Paris nach dem geeigneten Darsteller für die Rolle des Souleyman. Dafür nahmen wir Kontakt zur guineischen Gemeinschaft in Paris auf und interviewten viele Lieferboten, die aus Guinea stammten. Wir erhielten zahlreiche Vorschläge, wurden aber letztlich nicht fündig.

Da wir in Paris niemanden gefunden hatten, gingen wir nach Amiens, einer kleinen Stadt in der Nähe von Paris. Eine Organisation, mit der wir eng zusammenarbeiten, stellte uns 25 junge Männer vor – und einer davon war Abou.

Souleyman kommt im Film nie zur Ruhe – er ist ständig in Bewegung, muss immer rennen oder steht unter Zeitstress. Wie setzt man Aspekte wie Bewegung, Stress und Zeit ästhetisch um?

Der erste Schritt ist die Geschichte selbst. Von Beginn an ist klar, dass Souleyman nur zwei Tage bis zu seinem Interview mit der Sachbearbeiterin hat. Du weißt von der ersten Minute an, dass er unter enormem Druck steht und auf diesen Moment überhaupt nicht vorbereitet ist. Wir sehen, wie er seine Geschichte immer wieder durchgeht, doch er vergisst Details oder bringt Zahlen durcheinander. Der Film wirkt dadurch wie ein Thriller, auch wenn er eigentlich keiner ist. Man spürt die Anspannung und den Druck, der auf Souleyman lastet.

Der zweite Schritt ist das Filmen. Wenn wir eine Szene drehten, sagte ich Abou immer, er solle alles noch schneller machen – egal, ob Souleyman eine Bestellung annimmt, mit dem Fahrrad durch die Straßen fährt oder etwas ausliefert. Mein Kameramann Tristan Galand und ich achteten stets darauf, dass dieser Aspekt im Vordergrund blieb, auch wenn das nicht immer einfach war.

Als Letztes kommt der Schnitt. Während der Dreharbeiten filmten wir immer alles: wie Souleyman eine Bestellung annimmt, sich auf den Weg macht und sie dem Kunden übergibt. Im fertigen Film sieht man davon kaum etwas. Wir behielten immer nur kleine Momente dieses Vorgangs. Manchmal sehen wir, wie er eine Bestellung annimmt, und im nächsten Bild steht er bereits vor dem nächsten Lokal oder Imbiss und wartet auf das Essen eines Kunden. Wenn man das Leben und die Arbeit dieser Menschen darstellt, geht es nicht darum, den gesamten Prozess zu zeigen, sondern vielmehr um den Stress, unter dem sie stehen. Genau das wollten wir mit dieser Herangehensweise ausdrücken.

Wenn er immer alles so schnell machen musste, war es für Herrn Sangaré bestimmt einfach, die Erschöpfung Souleymans zu spielen. Er hat sie wahrscheinlich selbst empfunden.

Die Szenen auf dem Fahrrad waren sehr fordernd, aber sie haben Abou nicht annähernd so sehr gefordert wie die mit Oumar Sow, der Barry spielte. Ihm erging es ähnlich wie Souleyman, wenn er dessen Geschichte für das Asylverfahren lernen muss, denn auch er musste sie auswendig lernen und tat sich schwer damit. Da war das nächtliche Fahrradfahren durch Paris eine willkommene Abwechslung. (lacht)

Wie ich schon sagte: Abou und Souleyman verbindet sehr viel. Beide stammen aus Guinea und haben keinen akademischen oder politischen Hintergrund. Im Film muss Souleyman jedoch die Geschichte eines politischen Flüchtlings lernen und als seine eigene verkaufen, was ihn enorm unter Druck setzt. Wenn er die Geschichte mit Barry durchgeht, macht er Fehler, und Sows Figur wird ungeduldig mit ihm.

Jedes Mal, wenn Abou einen Fehler machte, schämte er sich, doch ich sagte ihm, das sei nicht schlimm. Seine Figur ist in einer ähnlichen Situation und hat dieselben Probleme wie er mit dieser Geschichte. Der Unterschied ist: Wenn Abou einen Fehler macht, ist das gut für den Film. Für Souleyman hingegen sind diese Fehler potenziell fatal und entscheiden über seine Zukunft in Europa.

Es geht für Souleyman darum, eine bestimmte Geschichte zu erzählen, damit sein Asylantrag genehmigt wird. Im Weg steht ihm dabei ein sehr bürokratisches System. Wie siehst du das Verhältnis zwischen Wahrheit, dem Erzählen einer Geschichte und dem Überleben in einem bürokratischen System?

Das ist eine sehr komplexe Thematik.

Das Asylsystem ist grundsätzlich eine gute Sache, und ich unterstütze die Idee, dass man in einem Land ein neues Leben beginnen kann, wenn das Leben im Heimatland aus welchen Gründen auch immer nicht mehr möglich ist. Politisch und teilweise auch gesellschaftlich unterscheiden wir jedoch zwischen zwei Arten von Migranten: den „guten“ und den „schlechten“. Zur ersten Kategorie gehören jene Menschen, die in ihrer Heimat politisch verfolgt werden. Wenn sie hingegen aus wirtschaftlichen Gründen auswandern, werden sie der zweiten Kategorie zugeordnet.

In Souleymans Geschichte erzähle ich im Kern von einem Menschen, der gezwungen ist zu lügen. Er gehört nicht zu den „guten Migranten“, hat aber dennoch gute Gründe, warum er in Frankreich bleiben will. Ich versuche die Frage zu stellen, wie wir mit Menschen wie Souleyman umgehen wollen – politisch, aber auch als Gesellschaft.

Eine weitere Sache, die ich während meiner Recherche herausfand, betrifft die Dokumente, die für Souleyman so essenziell sind. Zunächst hatte ich vor, die Geschichte eines Menschen zu erzählen, dem sein Fahrrad gestohlen wird. Das wäre sozusagen meine Version von Vittorio De Sicas Fahrraddiebe gewesen.

Doch 2025 kann man eine solche Geschichte nicht mehr erzählen. Ein Fahrrad lässt sich relativ leicht ersetzen – Dokumente hingegen nicht. Sie sind die Voraussetzung dafür, Asyl beantragen zu können. Asyl bedeutet nicht nur sozialen Aufstieg, sondern ist ein lebensverändernder Moment im Leben dieser Menschen. Die richtigen Dokumente zu besitzen und die richtige Geschichte zu erzählen, ist für sie überlebenswichtig.

Kannst du etwas zu den Reaktionen auf Souleymans Geschichte erzählen? Wie haben beispielsweise Menschen, die ähnliche Erfahrungen wie die Hauptfigur gemacht haben, auf den Film reagiert?

Als das Drehbuch fertig war und der erste Drehtag bevorstand, hatte ich eine gewisse Befürchtung. Wie ich schon sagte, lügt Souleyman, damit seinem Asylantrag stattgegeben wird, und ich dachte, es würde sicherlich Menschen geben, die sich dadurch in ihrer Annahme bestätigt fühlen, alle Migranten würden bei ihren Asylanträgen lügen.

Bis jetzt habe ich jedoch von keiner solchen Reaktion gehört, und das erleichtert mich sehr. Im Gegenteil: Viele Zuschauer haben mir zurückgemeldet, dass ihnen dank des Films die Lieferboten aus Afrika, Pakistan oder Indien stärker auffallen. Das freut mich sehr, und ich hoffe, diese Wahrnehmung bleibt von Dauer.

Vielen Dank für das tolle Gespräch.



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