
Campione d’Italia ist ein Ort der geografischen Paradoxien: eine italienische Exklave auf Schweizer Boden, malerisch gelegen am Ufer des Luganer Sees und doch lange Zeit geprägt von einem einzigen wirtschaftlichen Motor – dem Spielcasino. Keine 2000 Menschen leben hier, und doch strahlte der kleine Ort einst den Glanz internationaler Glücksspielmetropolen aus. Mit der Eröffnung eines monumentalen Neubaus im Jahr 2007, entworfen vom Tessiner Stararchitekten Mario Botta, schien dieser Status zementiert. Doch der Bau erwies sich bald als Symbol maßloser Selbstüberschätzung. Als das Casino 2018 Konkurs anmelden musste und seine Türen schloss, hinterließ es nicht nur ein überdimensioniertes Gebäude, sondern auch eine Gemeinde im wirtschaftlichen und sozialen Schockzustand.
Der Dokumentarfilm Architektur des Glücks von Michele Cirigliano (Football Inside) und Anton von Bredow widmet sich diesem Einschnitt. Statt auf eine klassische Chronologie zu setzen, lassen die Regisseure den Ort durch seine Bewohner selbst erzählen. Ehemalige Croupiers wie Ivan Longato oder Tiziana Bordon – eine der ersten Frauen, die an den Spieltischen arbeitete – erinnern sich an die goldenen Zeiten, als der internationale Jetset sein Geld in Campione ließ und der Gemeinde zu beachtlichem Wohlstand verhalf, schließlich war sie Hauptaktionärin des Casinos. Zugleich kommen jüngere Stimmen zu Wort, etwa Deniz Keles, Tochter einer türkischen Einwandererfamilie, die ein Lokal im Ort betreibt. Ihre Perspektiven verbinden Vergangenheit und Gegenwart und machen spürbar, wie tiefgreifend der Strukturbruch war. Mit dem Aufstieg des Online-Glücksspiels begann der langsame Niedergang – ein Prozess, dessen Wucht viele lange unterschätzten.
Turmbau zu Babel
Wie der Titel bereits andeutet, spielt auch die Architektur eine zentrale Rolle. Ironischerweise wurde das neue Casino zu einer Zeit geplant, als noch nichts auf eine Krise hindeutete. In den 1980er Jahren entworfen, geriet der Bau entsprechend opulent – ein Prestigeprojekt, das im Film aber auch mehrfach als „Schandfleck“ bezeichnet wird. Monsignore Eugenio Mosca zieht gar den Vergleich mit dem biblischen Turmbau zu Babel. Dennoch dauert es rund zwanzig Minuten, bis das Gebäude erstmals im Bild erscheint. Dann allerdings setzen es die Filmemacher ausführlich in Szene: aus allen Perspektiven, von oben gefilmt, als architektonisches Wahrzeichen, dessen Wucht im Kontrast zur kleinteiligen Umgebung beinahe erdrückend wirkt. Dabei schwingt eine gewisse visuelle Skepsis mit – obwohl man ahnt, dass der Bau an einem anderen Ort durchaus ästhetischen Reiz entfalten könnte.
Überhaupt vertrauen Cirigliano und von Bredow stark auf die Kraft der Bilder. Sie zeigen den Verfall, der nach der Schließung des Casinos überall sichtbar wurde: leere Straßen, verlassene Gebäude, eine Atmosphäre schleichender Entleerung. Friederike Bernhardts leicht apokalyptisch anmutende Musik verstärkt diesen Eindruck. Das ergibt eindrucksvolle Tableaus, doch nicht alle tragen die Erzählung voran; manches bleibt mehr Stimmung als Erkenntnis.
Geschichte eines Abstiegs
Tatsächlich braucht der Film eine Weile, um sein eigentliches Thema freizulegen. Zunächst scheint er auf einen historischen Abriss hinauszulaufen, doch allmählich wird deutlich, dass es um mehr geht: um Zerfall – den sichtbaren der Architektur ebenso wie den unsichtbaren eines sozialen Gefüges. Einnahmequellen brechen weg, Arbeitslosigkeit greift um sich, Zukunftsperspektiven schwinden. Gerade hier gewinnt der Film an Stärke, wenn er sich den individuellen Strategien im Umgang mit der Krise zuwendet. Einige verlieren die Hoffnung, andere suchen neue Aufgaben. Da ist etwa der ehemalige Casinomitarbeiter, der nun die verwaisten Blumenkübel der Gemeinde bepflanzt – stets begleitet von seiner Ziege Lisa, die sogar auf Autofahrten nicht fehlen darf. Solche beiläufig wirkenden Geschichten verleihen Architektur des Glücks eine menschliche Wärme, die den bedeutungsschweren Bildern leerer Gebäude bisweilen abgeht.
Am Ende schimmert vorsichtige Zuversicht durch: 2022 wurde das Casino wiedereröffnet, wenn auch in deutlich kleinerem Rahmen. Vielleicht wäre es für die Filmemacher tatsächlich reizvoll, in einigen Jahren nach Campione zurückzukehren, um zu beobachten, ob der Ort einen neuen Weg gefunden hat – oder ob man immer noch nur auf einen einzigen ökonomischen Motor setzt.
OT: „Architektur des Glücks“
Land: Deutschland, Schweiz
Jahr: 2025
Regie: Michele Cirigliano, Anton von Bredow
Buch: Anton von Bredow, Michele Cirigliano
Musik: Friederike Bernhardt
Kamera: Jonas Jäggy, Guido Lombardo
Mitwirkende: Fabrizio Anzalone, Tiziana Bordon, Omar Creti, Deniz Keles, Ivan Longato, Ricardo Mandelli, Annalisa Mena, Eugenio Mosca
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