Fassaden
Szenenbild aus Alina Cyraneks Dokumentarfilm "Fassaden" (© Rotzfrech Cinema)

Alina Cyranek [Interview]

© Felix Adler

Alina Cyranek ist eine Regisseurin und Autorin, die sich in ihrer filmischen Arbeit immer wieder gesellschaftlich relevanten Themen widmet. Für ihre Kurzfilme erhielt sie zahlreiche Preise unter anderem den Goldenen Reiter der Bamberger Kurzfilmtage oder den Audience Award beim Chicago Feminist Film Festival. Neben ihrer eigenen Regietätigkeit ist sie auch als Autorin für die Kurzfilm-Magazine unicato (MDR) und Kurzschluss (arte) tätig und engagiert sich für die Sichtbarkeit des Kurzfilms als Experimentierfeld filmischer Formen.

Mit ihrem am 12. Februar 2026 in den Kinos startenden Dokumentarfilm Fassaden richtet Cyranek den Blick auf häusliche Gewalt gegen Frauen – ein Thema, das oft erst dann öffentliche Aufmerksamkeit erhält, wenn es eskaliert. Statt die Gewalt explizit darzustellen, untersucht der Film die gesellschaftlichen Strukturen und Mechanismen, die sie ermöglichen. Durch die Verbindung von Tanz, Animation, Erfahrungsberichten und Expertinnen- und Expertenstimmen entsteht eine vielschichtige filmische Auseinandersetzung, die Ambivalenzen sichtbar macht und zum Hinschauen auffordert. Zum Start des Films, für den sie Sandra Hüller als Sprecherin gewinnen konnte, führten wir mit Alina Cyranek ein Interview.

Fassaden ist ein Film über häusliche Gewalt an Frauen – ein Thema, das nicht immer zu den medialen Topthemen gehört. Wie sind Sie dazu gekommen?

Das stimmt. Wenn das Thema in den Medien auftaucht, dann meist in den extremen Fällen, etwa bei Tötungsdelikten. Doch die Spirale, die dem vorausgeht, findet kaum Beachtung. Aufmerksam geworden bin ich durch die Veröffentlichung der BKA-Statistiken im November 2019. Diese Zahlen werden überhaupt erst seit 2015 erhoben – zuvor war Partnerschaftsgewalt nahezu unsichtbar. Mit dem Inkrafttreten der Istanbul-Konvention in Deutschland im Jahr 2018 hatte ich allerdings das Gefühl, dass sowohl das Thema als auch die Zahlen häufiger aufgegriffen wurden.

Als ich die Statistiken las, war ich schockiert über ihr Ausmaß und fragte mich, wie es sein kann, dass unsere Gesellschaft das zulässt. Gleichzeitig wunderte ich mich, dass ich scheinbar keine Betroffenen kannte. Natürlich kannte ich sie – ich wusste es nur nicht. Die Opfer sind unsichtbar, und das Thema ist stark schambehaftet.

Wie entwickelte sich daraus die Idee, sich künstlerisch mit dem Thema auseinanderzusetzen?

Zunächst wollte ich einen Kurzfilm machen, merkte aber schnell, dass das Thema dafür zu komplex ist. Es wäre vermutlich eine eindimensionale Erzählung geworden, und genau das wollte ich vermeiden. Mich interessierten die Strukturen, die diese Gewalt ermöglichen – und die es Tätern erlauben weiterzumachen, oft ohne Konsequenzen.

Also begann ich mit intensiver Recherche, sprach mit vielen Betroffenen sowie mit Menschen aus Berufsgruppen, die täglich damit zu tun haben. Sie berichteten von ihrem Arbeitsalltag, ihren Aufgaben und den Grenzen ihrer Handlungsspielräume. Relativ schnell entstand für mich das Bild eines Systems, das nicht gut ineinandergreift. Es gibt Hilfsangebote, doch die Initiative liegt immer bei den Frauen. Wer sich in einer Gewaltbeziehung befindet, ist jedoch häufig traumatisiert, isoliert, manipuliert und verängstigt. Dazu kommen psychische und finanzielle Abhängigkeiten – mit Kindern wird alles noch komplexer. In einer solchen Situation ist es oft kaum möglich, aktiv zu werden und Entscheidungen zu treffen.

So kristallisierte sich die Idee eines langen Films heraus, der diese Strukturen sichtbar macht. Von Anfang an war mir aber klar, dass ich die betroffenen Frauen nicht vor die Kamera setzen wollte. Der Tanz bot sich als Ausdrucksmittel an, mit dem ich schon in früheren Kurzfilmen gearbeitet habe. Für mich ist Tanz eine unglaublich starke, direkte Kunstform: Er schafft Bilder, ohne dass man sie erklären muss – sie sind über den Körper einfach da.

Mir war außerdem wichtig, die klare Tonebene nicht noch einmal illustrativ zu bebildern, also keine Szenen nachzuspielen. Stattdessen wollte ich Raum lassen und Ambivalenzen zeigen: Ist das noch zärtlich oder schon übergriffig? Eine liebevolle Umarmung oder ein Nicht-weggehen-Lassen? Dafür eignet sich Tanz perfekt.

Wie kam die Zusammenarbeit mit dem Choreografen Sebastian Weber zustande?

Sebastian Weber kenne ich seit vielen Jahren; wir haben bereits an anderen Projekten zusammengearbeitet – meist habe ich für seine Projekte gearbeitet, weniger umgekehrt. Er leitet eine Dance Company und arbeitet häufig multimedial, verbindet also verschiedene künstlerische Elemente. Ursprünglich kommt er aus dem Stepptanz, arbeitet aber auch viel mit Body Percussion. Tänzer sind generell sehr physisch, und Sebastian ist äußerst erfahren. Außerdem verstehen wir uns gut.

Er hat das Thema sofort begriffen und auch in seinem eigenen Umfeld erkannt, was dahinterstecken kann – etwa bei Freundinnen, die plötzlich verschwanden, weil sie einen „komischen“ Freund hatten.

Wir wussten, dass der Film aus sieben Kapiteln bestehen würde, die jeweils eine inhaltliche Essenz haben. Jedes Kapitel sollte eine eigene Umsetzung bekommen, die wir gemeinsam entwickelt haben, ebenso wie den Einsatz des Lakens als wiederkehrendes Element. Sebastian arbeitete viel improvisierend und sehr technisch mit den Tänzern: weniger inhaltlich, mehr mit der Frage, wie Körper aufeinander reagieren, wenn bestimmte Bewegungen passieren. Diese handwerkliche Herangehensweise hat verhindert, dass es kitschig oder überzogen wirkt. Die Emotion entsteht letztlich durch Montage, Musik und Sounddesign – nicht durch die Tänzer, die ja keine Schauspieler sind.

Über die Tanzbilder legen sich Animationen. Wie entstand diese Idee?

Die Animationen gehörten bereits zur Ursprungsidee. Wir haben Teile des Films auf Papier ausgedruckt und analog bearbeitet – gekratzt, geknickt, gerissen – und anschließend wieder eingefügt. Wenn man sich mit den Mustern solcher Beziehungen beschäftigt, erkennt man, dass die Realität der Frauen manipuliert und leicht verschoben wird. Sie spüren, dass etwas nicht stimmt, können es aber nicht genau benennen. Diese Verschiebung steigert sich bis hin zu einer völlig anderen Realität.

Wir wollten die Gewalt nicht explizit zeigen, sondern sie im Material selbst stattfinden lassen. Interessant war, dass auch die Bearbeitung des Papiers durch Aline Helmcke, die die Animation umgesetzt hat, sehr physisch war: Blasen an den Händen, Rückenschmerzen, eine schmerzende Schulter. Diese analoge Machart hat sich dann sehr auf die Haptik übertragen, was sich dann in der Machart des Films widerspiegelt.

Der Text basiert auf vier Erfahrungsberichten, die zu einer Geschichte verdichtet wurden. Wie lief dieser Auswahlprozess ab?

Ich stellte fest, dass alle Geschichten nach demselben Muster verliefen – in unterschiedlichen Intensitäten und Zeitdimensionen, aber in identischer Reihenfolge. Das rechtfertigte für mich die Verschmelzung, weil sie stellvertretend für viele ähnliche Verläufe steht.

Entschieden habe ich mich für die Geschichten dieser vier Frauen aufgrund der Art, wie sie Alltagssituationen beschrieben haben und welche Worte sie dafür fanden. Zudem setzten sie unterschiedliche Schwerpunkte: Bei einer war etwa das Stalking besonders gravierend, andere beschrieben das Love Bombing am Anfang sehr eindrücklich. Ausschlaggebend waren also Sprache, Perspektive und die geschilderten Situationen innerhalb der Beziehung.

Wie kamen Sie auf Sandra Hüller als Sprecherin?

Schon beim Schreiben, beim Verweben der Zitate, hatte ich Sandra Hüller im Hinterkopf. Sie besitzt eine enorme Authentizität, und ich war überzeugt, dass sie diesen Frauen ihre Stimme geben kann – ohne Überdramatisierung, sondern sehr wahrhaftig, so wie man es aus ihren Rollen kennt. Man glaubt ihr einfach.

Also schickte ich das Drehbuch an ihre Agentin und erhielt relativ schnell eine positive Rückmeldung. Die Zusammenarbeit mit Sandra war dann eine tolle Erfahrung.

Zwischen den Tanzszenen und dem gesprochenen Text kommen Expertinnen und Experten zu Wort. Wie haben Sie diese ausgewählt?

Durch meine Recherche war das gar nicht so schwer. Es gibt viele Beratungsstellen, natürlich die Polizei, die zu den Einsätzen fährt und gleichzeitig Präventionsarbeit leistet. Viele der Fachleute arbeiten seit Jahren oder Jahrzehnten in diesem Bereich und erleben täglich, wie wenig sich verändert. Entsprechend klar können sie ihren Arbeitsalltag beschreiben.

Wichtig war mir, dass sie aus unterschiedlichen Bundesländern kommen, damit das Thema nicht als regionales Problem erscheint, sondern als gesamtgesellschaftliches. Und mit Christina Clemm ist eine Rechtsanwältin dabei, die als Koryphäe gilt, mehrere Bücher veröffentlicht hat und Regierungen zu diesem Thema berät.

In Ihrer Director’s Note stellen Sie die Frage: „Ist das, was in der eigenen Wohnung passiert, wirklich Privatsache?“ Wo endet das Private?

Gewalt ist nie privat. Man muss sich einmischen, wenn Grenzen überschritten werden oder ein Machtgefälle entsteht. Auch für mich war dieses Projekt eine steile Lernkurve, weil ich zuvor wenig über die Mechanismen und Strukturen wusste. Heute habe ich sensiblere Antennen für Beziehungen, bei denen ich merke: Hier stimmt etwas nicht.

Sie waren mit dem Film auf Kinotour. Wie hat das Publikum reagiert?

Der Film zeigt Wirkung. Nach jedem Screening bekomme ich Rückmeldungen, die mich sehr berühren. Eine Frau sagte zu mir: „Dieser Film ist auch meine Geschichte“ – und bedankte sich dafür, sichtbar geworden zu sein. Ein Mann kam und fragte, was er tun könne, weil seine Tochter in einer solchen Situation sei. Eine junge Frau wollte wissen, wie sie einer Freundin in einer solchen Beziehung helfen kann, die sie blockt.

Auch Sozialarbeiterinnen meldeten sich und sagten, endlich gebe es einen Film, der ihre Arbeit sichtbar mache und wertschätze. Ein älterer Mann erklärte, er habe erst jetzt verstanden, was seiner Mutter widerfahren ist. Das sind sehr persönliche, bewegende Reaktionen. Viele beschreiben den Film als Augenöffner und sprechen von einer steilen Lernkurve – selbst Akademikerinnen und Akademiker sagen, ihnen sei nicht bewusst gewesen, wie drastisch die Realität ist. Ich habe daher das Gefühl, dass der Film bei Einzelnen tatsächlich etwas verändert.

Sie haben sich einmal als „von Grund auf optimistisch“ bezeichnet. Hat die intensive Beschäftigung mit diesem Thema daran etwas geändert?

Nein, das ist immer noch so. Wir sind von Problemen, Krisen und Gewalt umgeben; ich empfinde unsere Gesellschaft in vielerlei Hinsicht als gewaltvoll. Aber was wäre die Alternative zum Optimismus? Ich bin gerne eine Handelnde. Mir ist wichtig, dass wir miteinander ins Gespräch gehen und die Hoffnung nicht verlieren – ohne sie können wir einpacken.

Veränderung ist möglich. Uns sind nicht die Hände gebunden; jede und jeder kann Verantwortung übernehmen, Bewusstsein schaffen oder reflektieren, dass eine eigene Aussage vielleicht nicht in Ordnung war. Vielleicht braucht man Hilfe oder ein Gespräch. Auch politisch gibt es viel Spielraum. Es fehlt oft am Willen. Doch jeder kann etwas tun, wenn er nicht die Hände in den Schoß legt und denkt: So ist das nun mal.

Zum Abschluss ein Blick nach vorn: Woran arbeiten Sie derzeit?

Im April wird mein neuer Kurzfilm Unbemerkt verstorben beim Filmfest Dresden Premiere haben. Der siebenminütige Film beschäftigt sich mit einsamem Sterben. Ich habe ein Team von Tatortreinigern begleitet, das die Wohnung eines Menschen ausräumt, der einsam gestorben ist – ein ganzes Leben landet auf dem Müll. Das zeigt, wie tief unser soziales Netz teilweise hängt: Wochen- oder monatelang interessiert sich niemand für diesen Menschen, niemand bemerkt, dass er nicht mehr zum Bäcker geht oder den Briefkasten leert. So etwas passiert jeden Tag. Wir hoffen, mit dem Film eine kleine Festivaltour machen zu können.

Außerdem recherchiere ich für einen Dokumentarfilm, den ich gern fürs Kino realisieren würde, in der Region Bitterfeld-Wolfen. Dort geht es um Transformationsprozesse auf verschiedenen Ebenen. Und ich bin weiterhin als Autorin für die beiden Kurzfilm-Magazine im deutschen Fernsehen tätig – unicato vom MDR und Kurzschluss bei arte. Das macht mir großen Spaß, denn ich habe ein Herz für den Kurzfilm. Für mich ist er eine enorme Inspirationsquelle, was filmische Sprache und Formen angeht. Wer Kino machen will, sollte exzessiv Kurzfilme schauen – dort wird viel Neues ausprobiert, das sich auch auf das große Kino übertragen lässt.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Cyranek.



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