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Herbstgeschichte

Jahreszeiten Eric Rohmer
„Herbstgeschichte“ // Deutschland-Start: 4. September 2005 (Das Erste) // 26. März 2020 (DVD/Blu-ray)

Inhalt / Kritik

Die Winzerin Magali (Béatrice Romand) und die Buchhändlerin Isabelle (Marie Rivière) sind seit vielen Jahren gute Freundinnen. Sie teilen vieles miteinander, auch ihre Gedanken zu Liebesangelegenheiten. Vor der Hochzeit ihrer Tochter beschließt Isabelle, einen geeigneten Mann für ihre Freundin zu finden, und versucht, Magali dazu zu überreden, eine Kontaktanzeige aufzugeben. Magali lehnt diesen Plan jedoch entschieden ab, da sie solchen Anzeigen grundsätzlich misstraut. Parallel dazu versucht auch Rosine (Alexia Portal), die neue Freundin von Magalis Sohn Léo (Stéphane Darmon), einen Lebensgefährten für die Winzerin zu finden. Als geeigneter Kandidat schwebt ihr der Philosophie­lehrer Étienne (Didier Sandre) vor, zu dem sie ein kompliziertes Verhältnis hat. Der Plan ist nicht ganz uneigennützig, denn Rosine meint, nur so könne sie eine rein platonische Beziehung zu Étienne aufrechterhalten – was dieser stark bezweifelt. Während Rosine alles daransetzt, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen, lernt Isabelle Gérard (Alain Libolt) kennen, der ihr als ein passender Liebhaber für Magali erscheint.

Bilanz ziehen

Herbstgeschichte ist der vierte und somit letzte Film in Éric Rohmers Tetralogie Erzählungen der vier Jahreszeiten, die er 1990 mit Frühlingserzählung begann. Die Inspiration für die Komödie fand der französische Filmemacher wie so oft in einer Landschaft, in diesem Falle im Rhonetal, genauer gesagt im Département Ardèche, das er anlässlich eines Filmfestivals besuchte. Die idyllisch-romantische Landschaft dient als Kulisse für eine weitere Geschichte über die Verwirrungen der Liebe, zugleich zieht der Film aber auch eine Bilanz zu diesem Thema, wenn vor allem Menschen mittleren Alters die Hauptfiguren sind. Verträumt und verklärt erscheinen noch die Pläne der jüngeren Figuren, doch der Blick der Eltern fällt nüchterner aus, wenn sie nicht nur nach Liebe suchen, sondern zugleich nach einem Halt im Leben, der sie vor der Einsamkeit bewahrt. Wie Rohmer es schafft, eine solche Geschichte leichtfüßig und unterhaltsam zu erzählen, zeigt sein beachtliches Talent, die Balance zu wahren und stets auf hohem Niveau zu inszenieren

Wenn man über Rohmers Inszenierungsstil recherchiert, liest man sehr oft, dass er sich vor dem Konkreten scheute und die Kamera häufig laufen ließ, ohne es seinen Schauspielern mitzuteilen. Auch bei Herbstgeschichte soll dies vorgekommen sein, sodass die Darsteller erst später bemerkten, dass ihr Regisseur sie gekonnt hinters Licht geführt hatte und bereits mit den Aufnahmen begonnen hatte. Beklagt hat sich jedoch kaum jemand über Rohmers Inszenierungsstil, denn Natürlichkeit und Spontaneität sprechen für ihn. Trotz der oftmals langen Dialoge wirken viele Momente aus Herbstgeschichte wie aus dem Leben gegriffen – als hätte jemand zufällig bei einem Gespräch zweier Menschen eine Kamera auf sie gerichtet und ihre Konversation für die Ewigkeit festgehalten.

Unsicherheit und Zweifel beobachten wir bei den Jungen wie auch bei den Erwachsenen – ebenso wie Irrtümer, die Beziehungen immer wieder zu zerbrechen drohen. Manche Ideen – etwa wenn Isabelle sich als Magali ausgibt oder Rosines Vorstellung einer platonischen Beziehung – sind abenteuerlich, riskant und oft nicht durchdacht, doch derlei Irrtümer könnten von jedem von uns stammen. Rohmers Figuren verrennen sich in ihren eigenen Luftschlössern und riskieren mitunter einiges, doch der Regisseur findet die richtige Balance, die weder ins überbordend Emotionale noch ins Theatralische kippt.

Störungen in der Landschaft

Die Filme der „Vier Jahreszeiten“-Tetralogie zeichnen sich durch ihre malerischen Landschaften aus. Diese sind jedoch weitaus mehr als nur romantische Kulissen; vielmehr durchbricht Rohmer das Idyllische durch das wiederkehrende Symbol des Atomkraftwerks. Haben sich Strände, Durchgänge oder Kirchen noch mehr oder weniger harmonisch in die Landschaftsbilder der vorherigen Filme integriert, erscheint das AKW in Herbstgeschichte wie ein bewusster Stilbruch, auf den auch die verschiedenen Figuren hinweisen. Für Isabelle und Magali wirkt dessen bloße Existenz wie eine Verletzung ihres Heimatgefühls oder ihres Wohlbefindens – zumindest scheint es so, als sie zum ersten Mal darüber sprechen. Der eigentliche Bruch ist jedoch bereits früher geschehen, nämlich in ihrer Unterhaltung über die Liebe, in der sich nichts mehr von den romantischen Konzepten der Jugend findet, sondern Gefühle wie Angst und Einsamkeit sowie eine zunehmende Ernüchterung Einzug gehalten haben. In Herbstgeschichte mag die von Rohmer gewählte Symbolik sehr deutlich sein, doch einen Bruch mit der Romantik gab es in seinen Filmen schon immer.

In Herbstgeschichte steht die Frage im Raum, wie man mit diesem Neuen umgehen soll. Der Stilbruch ist da, und man muss sich ihm stellen, da man ihn nicht einfach ignorieren kann. Isabelle und Magali müssen sich damit abfinden, ebenso wie Rosine, die noch an die Möglichkeit einer platonischen Beziehung zu einem Mann glaubt, die dieser jedoch mehr als deutlich ablehnt. Die Figuren in Herbstgeschichte können sich nicht mehr nur verlaufen und umherirren – sie wollen an ein Ziel gelangen und nicht länger enttäuscht werden.

Credits

OT: „Conte d’automne“
Land: Frankreich
Jahr: 1998
Regie: Éric Rohmer
Drehbuch: Éric Rohmer
Musik: Claude Martí, Gérard Pansanel, Pierre Payras, Antonello Salis
Kamera: Diane Baratier
Besetzung: Marie Rivière, Béatrice Romand, Alain Libolt, Didier Sandre, Alexia Portal, Stéphane Darmon

Trailer

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Herbstgeschichte
fazit
„Herbstgeschichte“ ist eine Komödie über den Abschied von jugendlich-romantischen Konzepten und die Suche nach einer Verbindung fürs Leben. Éric Rohmer behandelt in seinem Film existenzielle Themen, tut dies jedoch mit einer ihm eigenen Leichtigkeit, die unterhält, ohne dabei ihre Ernsthaftigkeit zu verlieren.
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