Kritik

Wildes Denken

„Wildes Denken“ // Deutschland-Start: 18. September 2020 (DVD)

Sein ganzes Leben schon beschäftigt sich der deutsche Buchautor und Dokumentarfilmer Rüdiger Sünner mit Ethnologie, Philosophie und Kunst. Dass diese Themen in kultureller Hinsicht nicht unterschiedlicher ausfallen könnten (man betrachte nur mal die Themenlandschaft von amerikanischen und asiatischen Filmproduktionen), skizziert er in seinem neuesten Werk Wildes Denken: Europa im Dialog mit spirituellen Kulturen der Welt auf anschaulichste Weise. Wirft man jedoch ein Blick auf die europäische Geschichte, so kristallisiert sich heraus, dass auch Europa durch spirituelle Strömungen stark geprägt wurde. Wie ist es jedoch dazu gekommen, dass die meisten Menschen im heutigen Europa mit Themen wie Spiritualität, Geistern oder Wiedergeburt kaum noch etwas anfangen können, während das wilde Denken in Ländern wie Indien, China oder Afrika immer noch stark ausgeprägt ist? Dieser und vielen weiteren Fragen ist Sünner in seinem Werk nachgegangen.

Naturverbundenes Gedankengut
Als Sünner mit seinem Studium der Germanistik und Philosophie an der FU Berlin vor 50 Jahren begann, war ihm schon damals klar: Der Welt, wie wir sie erleben, fehlt es an etwas. Es mangelt am wilden Denken, einem Begriff von dem französischen Völkerkundler Claude Lévi-Strauss. Doch was ist darunter zu verstehen? Um es vereinfacht auszudrücken, umfasst das wilde Denken einen gesamtheitlichen und impressionistischen Ausdruck von Kultur. Es geht dabei um Themen wie Naturverbundenheit, den Umgang mit Tieren, Spiritualität, Meditation und Riten bis hin zu Geistern, Seelen und Göttern. Obsolet und unnötig könnte man da jetzt zwar sagen, Sünner zeigt jedoch, dass selbst in Europa das wilde Denken einer außerordentlich großen Bedeutung beigemessen werden kann. Der Umstand, dass Spiritualität im modernen Europa rar geworden ist, wohingegen es das Leben im asiatischen, ozeanischen und afrikanischen Raum seit Tausenden Jahren und selbst heute noch mitbestimmt, ist dabei einer geschichtlichen Entwicklung geschuldet, die in unterschiedlichen Aspekten aufgezeigt wird.

Die Rückbesinnung zur Natur
Sünners Werk ist in erster Linie zwar keine vollständige Bestandsaufnahme, wo man das wilde Denken heute noch finden kann, stattdessen werden exemplarisch vereinzelte Kulturen unter die Lupe genommen. Die Reise von Papua-Neuguinea über das ländliche China bis hin zu Afrika verdeutlicht dabei jedoch die Kluft zur modernen westlichen Welt. Während diese nach empirischen Erkenntnissen und technologischen Entwicklungen strebt, sind es Themen wie Meditation und der generelle Umgang sowohl mit dem Leben als auch mit dem Tod, die das Leben der Menschen dort bestimmt. Angefangen bei Tänzen über glühende Kohlen, impressionistischen Kunstwerken aus Holz, ästhetischen Wandmalereien bis hin zu spirituellen Erfahrungen, umfasst das wilde Denken dabei die unterschiedlichsten Formen. Beim dokumentarischen Festhalten der verschiedenen Ausdrucksformen kristallisiert sich dabei gleichzeitig ein Appell von Sünner heraus – Kreativität statt Logik, Idealismus statt Materialismus, schlichtweg wildes Denken statt gezähmtes Denken.

Die Welt im Wandel
Jetzt könnte man meinen, Europa ist ein Repräsentant für Fortschritt und Lebensqualität, im gleichen Atemzug wirft es aber die Frage auf, warum wir Europäer im Vergleich mit anderen Kulturen so viel wildes Denken eingebüßt haben. Das heißt jedoch nicht, dass das wilde Denken in Vergessenheit gerät, im Gegenteil. Sünner zeigt in dem Punkt auf hervorragendste Weise, dass die Welt auch in 2020 einem enormen Wandel unterliegt und dass sich das wilde Denken auch bei neuen Themen wie der Energiewende oder dem westlichen Überkonsum meldet. Es schärft dabei den Blick auf die einstige Naturverbundenheit, den Umgang mit Ressourcen, der Natur und der Tierwelt und stößt den europäischen Bürger damit direkt vor die Stirn, ob Europa und Deutschland aus kultureller Sicht wirklich so viel besser sei. Sieht man dagegen die leuchtenden Augen von Ethnologen, die in Sünners Werk über das wilde Denken der Menschen in Indien oder Papua-Neuguinea berichten, so bekommt man regelrecht Zweifel über das Leben in Europa.

Credits

OT: „Wildes Denken“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Rüdiger Sünner
Drehbuch: Rüdiger Sünner

Bilder

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Wildes Denken: Europa im Dialog mit spirituellen Kulturen der Welt        
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Wildes Denken: Europa im Dialog mit spirituellen Kulturen der Welt        
Als ein Portrait über die ethnologische Entwicklung der Welt, hält Rüdiger Sünner in seinem Dokumentarfilm die Bedeutung des wilden Denkens in der heutigen Zeit fest. Ein Must-see für Kulturinteressierte, Freidenker und Intellektuelle jeglicher Art.
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Über den Autor

Freier Autor

Ich bin freiberuflicher Autor und seit vielen Jahren leidenschaftlicher Filmfan, wobei mein Fokus den kleineren Filmperlen gilt. Und wenn ich mal gerade keinen Film schaue, kann man mich im Rudolstädter Cineplex als Ansprechpartner für jegliche Art von Kundenfragen finden. Neben meiner Mithilfe in Film- und Serienforen, plane ich zudem aktuell ein Projekt in Richtung film- und medienwissenschaftliche Analysen.

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