Kritik

Die Maske 1985

„Die Maske“ // Deutschland-Start: 31. Oktober 1985 (Kino) // 12. Juni 2020 (Mediabook)

Rocky Dennis (Eric Stoltz) hat es nicht leicht in seinem Leben: Der 16-Jährige leidet an einer seltenen Erbkrankheit, die nicht nur seine Lebenserwartung drastisch senkt, sondern auch ein deformiertes Gesicht zur Folge hat. Das macht es ihm meist schwer, Anschluss zu finden, die Leute reagieren bei seinem Anblick oft mit Furcht oder Spott. Halt findet der Jugendliche bei seiner Mutter Rusty (Cher), die alles für ihn tut, sowie bei einer Motorradgang, die von ihrem Freund Gar (Stephen Elliott) angeführt wird. Denn die betrachtet ihn als einen der ihren, gibt ihm die Normalität, die er an anderen Orten nur mühsam bekommt. Aber auch sie können ihm nicht die Einsamkeit nehmen. Doch dann begegnet er in einem Sommercamp der blinden Diane (Laura Dern) und verliebt sich in sie …

Wenn Menschen etwas begegnen, das sie nicht kennen, das ihnen fremd ist oder nicht in ihr bekanntes Weltbild passt, dann können sie mit Neugierde reagieren – oder mit Ablehnung. Das hat sich in den letzten Jahren wieder unschön gezeigt, als Kriegsflüchtlingen der blanke Hass entgegendonnerte, oft angetrieben von Leuten, die von einer solchen Hetze profitieren können. Aber es braucht keine Kriege oder Ströme von Menschen, um solche Reaktionen heraufzubeschwören. Manchmal reicht eine Krankheit, die einen anders aussehen lässt als den Rest. Ein solcher war Roy Lee Dennis, genannt Rocky, der unter einer unheilbaren Skeletterkrankung litt und dessen Leben die Grundlage für Die Maske bildete.

Kein Mitleid, bitte!
Um eine direkte Wiedererzählung handelt es sich bei dem Drama jedoch nicht, in Hollywood konnte man es sich nicht ganz verkneifen, die Geschichte etwas abzuwandeln. So will der Film-Rocky – anders als das Original, das plastische Chirurgie ablehnte – unbedingt, dass man ihm ein normales Gesicht gibt. Und auch die Defizite, die der reale Jugendliche aufgrund seiner Krankheit ertragen musste wie etwa beeinträchtigte Sinneswahrnehmungen und damit einhergehende Leseschwächen, wurden hier aus dem Buch geschrieben. Im Gegenteil: Die Maske erzählt von einem Heranwachsenden, der schlagfertig, witzig und intelligent ist und an der Schule zu einem echten Ass wird. Der es auf diese Weise auch schafft, Anschluss zu finden.

Das ist einerseits löblich, da der Film auf diese Weise verhindert, nur ein weiteres Betroffenheitsdrama zu sein, das sich ausschließlich auf die Krankheit fokussiert. Rocky ist hier eben mehr als nur eine medizinische Kuriosität, darf ein im Grunde normaler Jugendlicher sein, der sich all das wünscht, was für andere Alltag ist. Auf der anderen Seite idealisiert Die Maske den 16-Jährigen dadurch, macht ihn gewissermaßen zu einem Vorzeigeprotagonisten, der von seinem Gesicht abgesehen kaum Ecken und Mäkel hat. Da hätte das Drehbuch von Anna Hamilton Phelan durchaus noch etwas mutiger und detaillierter sein dürfen. Umso beeindruckender ist die Arbeit von Eric Stoltz, der seinen Charakter mit Leben, Witz und Charisma füllt.

Eine Mutter wie keine andere
Und dann wäre da natürlich noch Cher. Die seit den 60ern erfolgreiche Sängerin, erst mit ihrem Mann Sonny, danach solo, kam erst relativ spät zu Schauspielerei und zeigte dabei ein ungeahntes Talent. Schon für Silkwood zwei Jahre zuvor hatte sie eine Oscar-Nominierung als beste Nebendarstellerin erhalten, für Die Maske wurde sie in Cannes ausgezeichnet. Sie zeigt in dem Drama dann auch eine hervorragende Leistung in ihrer Rolle als faszinierend ambivalenten Mutter. Wo andere Filme sich mit einer aufopfernden Mutterfigur begnügt hätten, da entsteht hier ein deutlich komplexerer Charakter: Rusty ist Teil einer Motorradgang, nimmt Drogen, geht mit vielen Männern ins Bett, hat ein schwieriges Verhältnis zum Vater und darf sich auch schon mal richtig falsch verhalten, ohne dadurch gleich zu einer Rabenmutter reduziert zu werden.

Die Stärke von Die Maske ist dann auch dieser starke Fokus aufs Menschliche. Das Leiden von Rocky mag sehr speziell sein, die daraus entstehende Geschichte hat dafür eine universelle Ausrichtung. Natürlich ist die Schlussfolgerung, dass das Äußere nicht allentscheidend ist und es bei Menschen um mehr gehen sollte, irgendwo banal. Aber sie wurde selten so mitreißend gezogen wie hier. 35 Jahre später ist das Drama deshalb nach wie vor sehr sehenswert, gerade zu einer Zeit, die wieder stärker auf Konformität setzt und in der die Leute dazu gedrängt werden, sich auch selbst drängen, nicht mehr genauer hinzuschauen, sondern sich mit dem zurechtgemachten Glanz der Oberfläche zufriedenzugeben.

Credits

OT: „Mask“
Land: USA
Jahr: 1985
Regie: Peter Bogdanovich
Drehbuch: Anna Hamilton Phelan
Musik: Dennis Ricotta
Kamera: László Kovács
Besetzung: Cher, Sam Elliott, Eric Stoltz, Laura Dern, Lawrence Monoson

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Academy Awards 1986 Bestes Make-up Sieg
BAFTA Awards 1986 Bestes Make-up Nominierung
Cannes 1985 Beste Hauptdarstellerin Cher Sieg
Golden Globe Awards 1986 Beste Hauptdarstellerin Cher Nominierung
Bester Nebendarsteller Eric Stoltz Nominierung

Filmfeste

Cannes 1985
Locarno Film Festival 1985

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Die Maske (1985)
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Die Maske (1985)
„Die Maske“ erzählt die Geschichte eines Jugendlichen, der unter einer seltenen Krankheit leidet, welche zu einem deformierten Gesicht führt. Das Drama neigt dazu, den Protagonisten ein bisschen zu gut darstellen zu wollen. Doch die hervorragenden Schauspielleistungen überwiegen – gerade auch die von Cher als faszinierend ambivalenter Mutterfigur.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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