Und der Zukunft zugewandt

„Und der Zukunft zugewandt“ // Deutschland-Start: 6. September 2019 (Kino)

Voller Ideale und Enthusiasmus war Antonia Berger (Alexandra Maria Lara) als junge Frau. Damals war sie nach Russland gegangen, weil sie überzeugt vom Kommunismus war. Davon ist später nicht viel übrig geblieben, nachdem ihr Mann erschossen wurde und sie in einem Gefangenenlager schuften musste. Inzwischen ist das vorbei, sie und zwei Leidgenossinnen dürfen 1952 in die DDR einreisen. Ihnen wird sogar bei der Wohnungs- und Arbeitssuche geholfen. Es gibt nur eine Bedingung: Sie dürfen nicht darüber reden, was ihnen widerfahren ist, aus Gründen des Allgemeinwohls. Antonia erklärt sich schnell dazu bereit, will sie doch mit ihrer Tochter ein neues Leben anfangen. Als sie auch noch dem fürsorglichen Arzt Konrad (Robert Stadlober) begegnet, scheint endgültig alles gut zu werden. Doch so leicht wird sie ihre Vergangenheit nicht los, zumal auch in der Gegenwart einiges im Argen liegt …

Zum 30. Mal jährt sich bald die Öffnung der Berliner Mauer. Und auch der Solidaritätszuschlag, der unter anderem mit den Kosten der deutschen Wiedervereinigung begründet wurde, soll nun bald endlich wegfallen – was durchaus Symbolkraft hat. Dadurch rückt auch das Thema der DDR wieder verstärkt in den Mittelpunkt des Interesses, ebenso die Frage, wie der angemessene Umgang mit diesem Teil deutscher Geschichte auszusehen. Soll man sich daran erinnern und sich der Verbrechen bewusst machen? Oder ist es an der Zeit, es nun doch endlich mal gut sein zu lassen und wieder nach vorne zu schauen? An aktuellen Problemen und Aufgaben mangelt es schließlich nicht, die unsere volle Aufmerksamkeit erfordern.

Das wird schon irgendwann …
Von eben diesem Zwiespalt handelt auch Und der Zukunft zugewandt, obwohl die Geschichte vor bald 70 Jahren spielt. Damals war die DDR noch blutjung, ein Staat, der aus der Teilung Deutschlands hervorgegangen war und nun nach einem Weg suchte. Der wurde von der Sowjetunion vorgegeben, genauer von Russland, den Wegbereitern des Sozialismus. Ausgerechnet diese anzuprangern, Menschenrechte verletzt zu haben, war natürlich heikel. Die Befreier der Menschheit sollen andere eingesperrt und unterdrückt haben? Das war ein Widerspruch, der nur schwer aufzulösen war. Also tat man das in der DDR auch nicht, sondern verschwieg lieber, dass es diese Vorfälle überhaupt gegeben hat, selbst wenn man insgeheim natürlich davon wusste.

Zumindest zu Beginn des Films ist es auch nicht so, dass Regisseur und Drehbuchautor Bernd Böhlich die Verantwortlichen der DDR zu sehr verurteilen will. Sie kümmern sich um die Frauen, versuchen ihnen zumindest zu helfen. Und vielleicht haben sie selbst daran geglaubt, wenn sie sagen, dass der Staat noch zu fragil ist, um sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Antonia zumindest folgt dieser Argumentation. Sie ist nicht einfach Opportunistin, die darin die Möglichkeit sieht, wieder ein schönes Leben zu führen. Vielmehr ist sie selbst überzeugte Sozialistin, weiß natürlich, wie viel Unrecht ihr widerfahren ist, ist aber bereit, für eine bessere Gesellschaft darüber hinwegzusehen.

Die Tragik eines unerfüllten Glaubens
Die große Tragik des Films besteht darin, dass dieser Idealismus und der Glaube an eine bessere Welt nie belohnt wurde. Das Unrecht blieb bestehen, die Unterdrückung nahm weiter zu. Aber war es deshalb falsch, was Antonia getan hat? Und der Zukunft zugewandt hält sich an der Stelle dankenswerterweise zurück. So einfach es wäre, die Protagonistin im Nachhinein als verblendet und leichtgläubig abzutun, oder gar als Mittäterin, Böhlich verzichtet darauf. Er zeigt sie vielmehr als jemanden, der für seinen Irrtum mehrfach schwer bezahlen musste und dessen Leben in Folge vergeudet wurde. Jemanden, der nie wichtig genug war, um einen Unterschied zu machen, ein Wegwerfprodukt großer Träume und großer Machtkämpfe.

Das ist als Thema spannend, auch wenn der Film selbst es nur bedingt ist. Und der Zukunft zugewandt mag von einer Zukunft träumen und von Revolutionen sprechen, ist selbst aber reichlich konventionell gestaltet. Dass Antonia so stoisch an ihrer Überzeugung festhält, ist nicht zwangsweise ein charakterlicher Mangel. Der Geschichte tut die fehlende Entwicklung sowie der zwangsläufig fehlende Austausch aber nicht übermäßig gut. Zumal auch drumherum nicht wirklich viel geschieht, die meisten Figuren sehr starre Funktionen innehaben. Das Drama ist daher inhaltlich zweifellos wichtig, fordert es doch die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Es ist zudem auch gut besetzt und mit viel Zeitkolorit angereichert. Die ganz große Begeisterung löst es aber nicht aus.

Und der Zukunft zugewandt
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Und der Zukunft zugewandt
„Und der Zukunft zugewandt“ erzählt von einer deutschen Sozialistin, die unter den Russen zu leiden hatte und nun in der DDR ein neues Leben beginnt – ohne über die Vergangenheit sprechen zu dürfen. Das Drama ist ein wichtiger Beitrag zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, auch wenn die Umsetzung doch sehr konventionell ist.
6von 10

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