Die Geheimnisse des schoenen Leo

„Die Geheimnisse des schönen Leo“ // Deutschland-Start: 17. Januar 2019 (Kino)

Politik? Nee, danke, interessiert mich nicht so. In unseren Zeiten kommt es ja selten genug vor, dass Politik überhaupt noch die breite Masse erreicht – vom rechtsverfolgten Feindbild Merkel einmal abgesehen. Einen Dokumentarfilm über Politik zu drehen, das bedeutet dann automatisch immer, ein eher geringeres Publikum ansprechen zu können. Wer nicht einmal den Impuls verspürt, daheim den Fernseher oder das Internet zu bemühen, um sich zu informieren, der wird wohl kaum auch noch Geld dafür ausgeben, um im Kino mehr darüber zu erfahren.

Besonders gewagt ist es dann, jemanden zu seinem Thema zu machen, der selbst den Interessierteren des Zielpublikums nichts sagen dürfte: Leo Wagner. Historisch hatte der natürlich durchaus seine Bedeutung. Er gehörte seit der Gründung 1945 der CSU an, war einige Jahre der erste parlamentarische Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion, zählte zu den engen Vertrauten von Josef Strauß. Später fiel er jedoch in Ungnade, wurde wegen Kreditbetrugs zu einer Haftstrafe auf Bewährung verurteilt und litt auch unter psychischen Problemen. Kein Wunder, dass heute sich kaum einer mehr an ihn erinnern, geschweige denn über ihn sprechen mag.

Eine schwierige Familiengeschichte
Benedikt Schwarzer wollte das schon, aus gutem Grund auch, ist er doch der Enkel des umstrittenen Politikers. Als solcher war der Kontakt zu dem 2006 verstorbenen Wagner eher spärlich. Dass Schwarzers eigene Mutter nicht übermäßig gut auf ihren Vater zu sprechen war, tat ihr übriges. Um sich dennoch ein Bild von dem Familiengespenst zu machen, begab er sich auf eine eigene Spurensuche. Während die politischen Wegbegleiter nicht viel beizutragen haben, fand der Regisseur aber doch andere, die bereit waren, ihn auf der Reise in die Vergangenheit zu begleiten, zurück in die Zeit der Bonner Republik.

Es ist eine Reise, die es in sich hat. Während Männer in schicken Anzügen durch die Gegend spazieren und sich mit großen Reden zu übertreffen versuchen, geht es hinter den Kulissen alles andere als ehrenvoll zu. Ein großes Thema in Die Geheimnisse des schönen Leo: die Hypothese, dass Wagner einer der Abweichler war, die 1972 das Misstrauensvotum gegen Willy Brandt verhinderten und ihm damit seine Kanzlerschaft retteten. Pikanterweise soll dies aber nicht aus politischen Überzeugungen heraus geschehen sein. Vielmehr war es wohl das Geld, das ihn überzeugt hat, immerhin 50.000 Mark – so heißt es – war es der Stasi wert, damit Wagner sich bei der entscheidenden Abstimmung enthielt.

Die Abgründe hinter der schönen Fassade
Die Geheimnisse des schönen Leo, das auf dem DOK.fest München 2018 Weltpremiere feierte, liefert aber auch die Gründe für die angebliche Bestechlichkeit gleich mit: Wagner war ein Lebemann, der sich unentwegt mit schönen Frauen umgab, die ihn anhimmeln durften. Dass dies auf Dauer nicht finanzierbar war, hielt ihn offensichtlich nicht davon ab, schon mal mehr als 1000 Mark an einem Abend auszugeben. Und auch wenn Sex dabei wohl nicht die hauptsächliche Antriebsfeder war, von dem nach außen hin propagierten Sauberfamilienimage war daheim wohl nicht viel zu merken.

Manchmal hat das ein bisschen was von trashigen Nachmittagstalkshows, bei denen in aller Öffentlichkeit schmutzige Wäsche gewaschen wird. Denn schmutzig war so einiges im Hause Wagner, auch seine Frau war sicher nicht die Unschuld vom Lande. Das kann etwas unangenehm sein, leicht voyeuristisch, wenn wir hier mehr von einer Familie erfahren, als uns eigentlich zusteht. Oder eben auch spannend als Zeitdokument einer vergangenen Epoche und als Porträt eines schillernden Mannes, dessen Biederkeit reine Fassade war. Der am Ende sicher nicht so schön war, wie der Titel impliziert, sondern seinem Umfeld viel Unglück brachte.

Die Geheimnisse des schönen Leo
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Die Geheimnisse des schönen Leo
„Die Geheimnisse des schönen Leo“ versucht, den CSU-Politiker Leo Wagner zu ergründen, der Anfang der 1970er eine entscheidende Rolle beim Missbrauchsvotum gegen Willy Brandt gespielt haben soll. Dabei gibt der Dokumentarfilm auch Einblicke in dessen Privatleben und beschert dem Publikum ebenso unangenehme wie faszinierende Einblicke in die Bonner Republik.
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