(OT: „Sage Femme“, Regie: Martin Provost, Frankreich, 2017)

Ein Kuss von Beatrice DVD

„Ein Kuss von Béatrice“ ist seit 27. Oktober 2017 auf DVD und Blu-ray erhältlich

Sonderlich ruhig geht es bei Claire (Catherine Frot) derzeit ja nicht zu. Ihre Klinik steht vor dem Aus, da sie einfach nicht mehr profitabel ist. Jobangebote hat die Hebamme zwar, die wären aber in einer dieser Massenkliniken. Und das kommt für sie einfach nicht in Frage. Sonderlich viel Zeit zum Nachgrübeln hat sie aber ohnehin hin. Da wäre zum einen ihr Sohn Simon (Quentin Dolmaire), der im Begriff ist, sein Medizinstudium zu schmeißen, und darüber hinaus mit jungen Jahren schon Vater werden will. Da hat es ihr gerade noch gefehlt, dass sie von der früheren Geliebten ihres Vaters kontaktiert wird. Denn mit Béatrice (Catherine Deneuve) wollte sie nun wirklich nichts mehr zu tun haben.

Ein kleines Faible für Krankenhäuser scheint Catherine Frot ja schon zu haben. Vor einigen Jahren spielte sie in Willkommen in der Bretagne eine bodenständige, steife Pariserin, die in einem lokalen Krankenhaus als Personalleiterin für Ordnung sorgen soll. Dieses Mal stellt sie zwar nur ein kleines Rädchen im Medizinbetrieb dar, erneut kommt ihr dabei aber die Stimme der Vernunft zu. Eine derart vernünftige Stimme, die nicht raucht, trinkt und sich immer gesund ernährt, dass man schon gar nicht mehr so genau weiß, warum man ihr zuhören sollte.

Zwei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten
Das ist natürlich ziemliches Kalkül. Denn ihr an die Seite wurde die Grande Dame Deneuve (Belle de Jour – Schöne des Tages, Die Mädchen von Rochefort) gesetzt. Und die steht traditionell eher für das glamourösere Ende der Schauspielkunst. Am stärksten wirkt Ein Kuss von Béatrice dann auch, wenn diese beiden so unterschiedlichen Frauentypen aufeinanderprallen. Es knallt dann zwar nicht annähernd so stark, wie man vielleicht vermuten könnte. Es reicht aber für die eine oder andere Reiberei, bei der auch gern mal ein paar komische Funken herausspringen.

Insgesamt ist der Film aber ziemlich ernst und spricht eine Reihe von Themen an, die das ganze Spektrum zwischen Leben und Tod abdecken. Und ein bisschen Liebe darf dabei auch nicht fehlen, obwohl die Romanze mit dem gutmeinenden Nachbarn Paul (Olivier Gourmet) irgendwie ziemlich losgelöst von allem erzählt wird. Überschneidungen zu Béatrice oder Simon gibt es praktisch nicht, stattdessen spinnt Regisseur und Drehbuchautor Martin Provost drei verschiedene Handlungsfäden zusammen, ohne dass so ganz klar würde, wovon der Film denn eigentlich handeln will. Etwas verwirrend ist zudem, dass Claire gegenüber ihrer Familie als komplett nüchtern denkende Frau auftritt, in beruflicher Hinsicht aber genau das beklagt.

Das spröde Herz
Am ehesten funktioniert Ein Kuss von Béatrice als Porträt einer Frau in den 50ern, die sich gleichzeitig mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft arrangieren muss. Längst verdrängte Gespenster tauchen wieder auf, die vermeintlich sichere Berufslaufbahn verschwindet plötzlich im Nichts. Was tun also? Wirklich mitreißend ist das selten, trotz der unbestreitbaren Schauspielkunst von Madame Frot. Eine Szene im Krankenhaus geht zu Herzen, gerade auch weil sich der Film sonst eher etwas spröde gibt – da stechen emotionale Momente besonders hervor.

Dass dem Drama etwas das Leben fehlt, liegt aber auch daran, dass das Drehbuch zu brav die erwartbaren Stationen abklappert. Ob es die Annäherung von Claire und Béatrice ist oder die Nachbarschaftsromanze, es ist zu sehr Dienst nach Vorschrift. Und ein eher holpriger Dienst: Entwicklungen werden kaum gezeigt, sondern einfach vorgesetzt. Da hätte es doch noch den einen oder anderen Zwischenschritt gebraucht. Für das Aufeinandertreffen der beiden Schauspielgrößen lohnt sich der Film, auch wenn sie ihre Stärken nur eingeschränkt ausspielen können.

Ein Kuss von Béatrice
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Ein Kuss von Béatrice
Im Beruf geht nichts mehr, bei der Familie läuft es auch nicht so ganz – wohin des Weges also? „Ein Kuss von Béatrice“ ist ein prominent besetztes Drama, welches eine Frau am Scheideweg zeigt. Das ist gerade in den konfliktreicheren Momenten sehenswert. Trotz zweier Grande Dames der Schauspielkunst mangelt es aber irgendwo an Leben.
6von 10

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