(„Lügen und andere Wahrheiten“ directed by Vanessa Jopp, 2014)

Luegen und andere Wahrheiten

„Lügen und andere Wahrheiten“ ist seit 5. März auf DVD und Blu-ray erhältlich

Wenn es um ihre Hochzeit geht, da überlässt Coco (Meret Becker) nichts dem Zufall. Alles ist genau geplant, schließlich soll der Tag absolut perfekt sein. Ihr Verlobter Carlos (Thomas Heinze) hat da eher weniger was zu sagen, was ihm aber ganz recht sein dürfte. Schließlich hat er ihr auch in anderer Hinsicht so manches verschwiegen. Cocos beste Freundin Patti (Jeanette Hain) zieht es ebenfalls vor, nicht alles mit ihr zu teilen. Vor allem von ihrer Affäre mit dem Yogalehrer Andi (Florian David Fitz) soll sie besser nichts erfahren. Der wiederum hat ganz eigene Probleme, die eng mit Vera (Alina Levshin) zusammenhängen – einer früheren Angestellten von Coco.

„Ich glaub euch nicht“, platzt es Patti irgendwann heraus, als sie an ihrer Hochzeitsrede zu Ehren von Coco und Carlos arbeitet. Und damit ist sie gut beraten, denn der gesamte Film hat sich das Thema Lügen zu Eigen gemacht. Lügen vor anderen, Lügen vor sich selbst, große Lügen, kleine Lügen. Lügen zum Schutz der Mitmenschen, zum Schutz vor einem selbst, aus Nachlässigkeit, Egoismus oder Feigheit. Nun sind Lügen oft das Salz in der filmischen Suppe – egal ob Komödie, Krimi oder Drama, viele Geschichten brauchen das Spiel mit der Unwahrheit, um so die Handlung voranzutreiben. Doch Vanessa Jopp geht in Lügen und andere Wahrheiten noch etwas weiter, nutzt Lügen nicht als Mittel zum Zweck. Die Lügen selbst werden hier zum Ziel.

Der Ansatz ist sicher interessant, zumal Jopp auch formal andere Wege geht als das Gros der deutschen Liebeskomödien. Anstatt alles im Vorfeld komplett auszuformulieren, lässt sie ihren Schauspielern viel Platz für Improvisation, gibt ihnen die Szenen vor, die Dialoge müssen sie selbst entwickeln. Dass dies gut gehen kann, zeigten bereits mehrere deutsche Indiefilme wie Silvi und Love Steaks, in denen das Sprechen aus dem Bauch heraus die Authentizität der Alltagssituationen stark erhöhte. Normalerweise ist diese Vorgehensweise mit dem Risiko der Beliebigkeit verbunden, Texte so gewöhnlich werden, dass sie nahe der Inhaltsleere herumdümpeln.

Lügen und andere Wahrheiten tut das nicht. Im Gegenteil. Durchaus möglich, dass dies an der im Vergleich zur Konkurrenz deutlich prominenteren Besetzung liegt, aber hier schleicht sich oft das Gefühl ein, man wollte anderen und sich selbst etwas beweisen. Das Ergebnis sind teilweise seltsame Ausdrucksweisen und zu verkopfte Bilder, mehr Lüge denn Wahrheit. Das passt natürlich zum Grundkonzept, führt aber zusammen mit der doch sehr konstruierten Geschichte dazu, dass man der Tragikomödie nichts wirklich abnimmt. Als Versuch ist das durchaus spannend, als Film über das Leben eher weniger.

Einzelne starke Szenen gibt es aber, sei es, weil sie sich ganz ihrer Absurdität hingeben oder sie das Zwischenmenschliche ganz auf das nackte Miteinander herunterbrechen. Und über die menschliche Natur hat Lügen und andere Wahrheiten ohnehin einiges zu erzählen. Wer sich also damit abfinden kann, dass die Geschichte trotz Improvisation zu sehr nach Drehbuch riecht und beim munteren Miteinander manchmal nichts vorangeht, der darf bei dieser etwas anderen und insgesamt ruhigen Tragikomödie nach Herzenslust belügen lassen und dahinter so manche Wahrheit für sich selbst entdecken.

Lügen und andere Wahrheiten
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Lügen und andere Wahrheiten
Ich lüge, du lügst, er, sie, es lügt. In „Lügen und andere Wahrheiten“ nimmt es mit der Wahrheit niemand so genau. Das ist zusammen mit den improvisierten Dialogen streckenweise interessant, oft aber zu konstruiert, um als Film über den Alltag durchzugehen.
6von 10

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