(„Jeff Who Lives at Home“ directed by Jay Duplass and Mark Duplass, 2011)

untitledWir alle dürften diesen Gedanken schon einmal gehabt haben. Wir sind unglücklich bei der Arbeit und stolpern zufällig über eine vielversprechende Jobanzeige. Oder wir begegnen einem Menschen wieder, den wir Jahre zuvor zufällig in einem Aufzug getroffen hatten. Und wir fragen uns: War das tatsächlich Zufall? Oder vielleicht doch Vorsehung, das Wirken einer höheren kosmischen Macht? Bei Jeff (Jason Segel) sind diese Gedanken Dauerzustand, fast schon eine Religion. „Ich frag mich die ganze Zeit, was mein Schicksal ist. Meine Bestimmung.“ Dieses ständige Warten auf ein anderes, sein „richtiges“ Leben, könnte durchaus an seinen Lebensumständen liegen (30, arbeitslos, lebt im Keller seiner Mutter). Vielleicht aber auch daran, dass er ständig bekifft ist.

So oder so verwundert es nicht, dass er in alles und jedem einen höheren Zusammenhang vermutet. So auch, als ein falsch verbundener Anrufer nach einem Kevin fragt. „Was, wenn er sich nicht verwählt hat? Vielleicht ist man ja immer richtig verbunden.“ Die Aufgabe ist also klar: Er fährt durch die Stadt und sucht nach diesem Kevin. Oder zumindest nach der Bedeutung hinter dem Anruf. Dass er eigentlich Holzkleber für seine Mutter kaufen sollte, ist da schnell vergessen. Wozu seine Zeit mit dem Reparieren einer Holzlatte verschwenden, wenn das große Schicksal auf einen wartet? Was folgt ist ein turbulenter Tag, der nicht nur sein Leben, sondern auch das aller anderen durcheinander bringt.JEFF, WHO LIVES AT HOME

Ein 30-Jähriger, der Jugendlichen mit dem Shirt-Aufdruck „Kevin“ hinterherläuft, hört sich natürlich komplett lächerlich an. Dass Jeff dennoch nicht zur Witzfigur degradiert wird, dürfte neben der einfühlsamen Inszenierung auch an seinem Umfeld liegen. An Pat (Ed Helms) zum Beispiel. Pat ist Jeffs Bruder, ehrgeizig, hat einen Job und ist verheiratet. Auch Sharon (Susan Sarandon), die Mutter der beiden, führt als Witwe ein respektables, geordnetes Leben. Nur: Glücklich sind die beiden ebenso wenig wie das träge schwarze Schaf im Familienkeller. Pat kauft einen Porsche, um über seine verkorkste Ehe hinwegzusehen. Sharon wiederum trauert um all die nicht erfüllten Träume, die sie einmal hatte. Und schon ertappen wir uns beim Gedanken: Was, wenn Jeff recht hat?JEFF, WHO LIVES AT HOME

Natürlich, eine ernste Auseinandersetzung zu dem Thema kosmische Ordnung und Eigenverantwortung sollte hier keiner erwarten. Dafür sind die Figuren zu skurril, die Ereignisse zu unwahrscheinlich und die Geschichte zu flach. Dass der Film dennoch funktioniert, verdankt Jeff, der noch zu Hause lebt seinen wunderbaren Schauspielern. Jason Segel als naiver Sonderling Jeff, Ed Helms als unsympathischer Bruder, Susan Sarandon in der Rolle der frustrierten Mutter und Judy Greer, die unglückliche Ehefrau von Pat – sie hauchen ihren Figuren so viel Leben und Menschlichkeit ein, dass man ihnen alles abnimmt. Alles abnehmen will. Sogar das bewusst unglaubwürdige Ende. Da auch der – reichlich absurde – Humor nicht zu kurz kommt, ist es umso trauriger, dass der kleine Film kein größeres Publikum im Kino gefunden hat. Zwar haben die Indie-Regisseure Jay und Mark Duplass bei ihrem neusten Streifen recht offen zum Mainstream geschielt, sind letztendlich aber doch zu eigenwillig bei Figuren und Inszenierung, um ganz dort anzukommen.

Jeff, der noch zu Hause lebt ist seit 10. Januar auf DVD erhältlich

Jeff, der noch zu Hause lebt
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Jeff, der noch zu Hause lebt
Wer ein Herz für liebenswerte Versager hat, erlebt hier einen kleinen, schönen Film, bei dem sich witzige und einfühlsame Momente abwechseln. Vielleicht etwas zu eigenwillig, um ein Massenpublikum zu erreichen, punktet die Tragikomödie mit guten Schauspielern und Figuren, die einem nahe gehen. Und die einen möglicherweise dazu veranlassen, wieder selbst nach Zeichen Ausschau zu halten.
8von 10

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