(„The Panic in Needle-Park“ directed by Jerry Schatzberg, 1971)

„I ain’t no robber. I am a prostitute.“

Ein junger, aufgescheuchter Al Pacino rennt durch die Straßen New Yorks, als könne ihn nichts aufhalten. Er ist arm, ein Verbrecher und drogenabhängig. Können wir ihn dafür verurteilen oder macht ihn der Film sympathisch? Das ist die interessanteste Frage dieses Films, der, wie sich herausstellen soll, zu Unrecht ein Schattendasein in der Filmographie Pacinos fristet. Er ist Bobby, dessen einziges Ziel im Leben es zu sein scheint, stets genug Geld in der Tasche zu haben, um sich ausreichend Drogen leisten zu können. Seine Bedürfnisse müssen gestillt werden. Er schreckt nicht davor zurück, zu stehlen oder sich als Drogenkurier zu betätigen. Mehrmals landet er im Knast, einmal setzt er sich beinahe einen goldenen Schuss und nur knapp können seine Freunde ihn vor dem Tod retten.

Man könnte ihn Verlierer nennen, ihn, der im Leben nichts erreicht hat, der in einer heruntergekommenen, kleinen Wohnung haust und schlussendlich sogar die Prostitution seiner Freundin zu akzeptieren lernt. Als Gefangener seiner Süchte kommt man dennoch nicht umhin, Mitleid mit dem geschundenen Bobby zu empfinden, für den jeder Tag im Needle-Park ein weiterer Kampf bedeutet, der nur gewonnen ist, wenn er sich abends einen Schuss setzen kann. Macht ihn diese Abhängigkeit, dieses Kämpfen für ein Bedürfnis, das wir alle in anderer Form haben, sympathisch? Nicht unbedingt, aber Bobby ist kein schlechter Mensch. Man kann sich nur ausmalen, wie er sich verhalten würde, wäre er nicht in seiner Drogensucht gefangen. Denn in seinem tiefsten Inneren ist er ein sensibler, warmherziger Mensch, der sich um seine Freunde kümmert und Illoyalität verabscheut – Charakterzüge, die durch seinen Zwang der Drogen verzerrt werden.

Eines Tages verliebt er sich in Helen (Kitty Winn) und macht es sich zur Aufgabe, sie von ihrem Freund wegzuholen, auf dass sie ihr Herz an Bobby verschenke. Sein Plan funktioniert – der Kämpfer Bobby ist in all seinem Charme unwiderstehlich für die junge Frau, deren Drogensucht bald immer mehr zunimmt, was sie unweigerlich auf einen Abgrund zusteuern lässt, der sie in die Prostitution treibt. „Panik im Needle-Park“ besticht als Milieu-Schilderung weniger aus einer konsequenten Handlung, sondern als nicht immer nüchterne Beobachtung der Drogen-Szene in den 70er Jahren, zusammengehalten von einigen stark gefilmten Höhepunkten, die ausgeschöpft werden, um als Eckpfeiler diese Geschichte nicht zusammenbrechen zu lassen.

Während Helen sich mit Bobby auf einer Party über ein anscheinend nicht unwichtiges Thema unterhält, hält die Kamera konsequent auf den Vorgang des Drogenkonsums. Unnachgiebig drängt es sich in den Vordergrund, während der Dialog zwischen dem Liebespaar bald keine Rolle mehr zu spielen scheint, wenn die Nadel ihren Weg in die Vene findet, um dort mehrere Sekunden lang zu verharren, bis der Befreiungsschlag einsetzt und ein leises Lächeln auf das Gesicht des Konsumenten tritt. All das ist relativ unprätentiös gefilmt, man verzichtet auf plakative Abschreckungen, die als Horrorszenarien ihren Weg in Milieuschilderungen finden, um den Zuschauer zu warnen. Das konsequente Draufhalten auf die Gewohnheiten der Szene ist unangenehm genug.

 Der einzige Vorwurf, der leicht zu machen ist, besteht darin, dass die Liebesgeschichte zwischen Helen und Bobby erschreckend wenig emotional geschildert wird. In dieser Welt voll verlorener Werte zählt die Liebe kaum noch etwas, man ist letztlich nur Komplize bei der Befriedigung der gegenseitigen Bedürfnisse und Lust. Was dem Film bei dieser Erkenntnis zwangsläufig abhandenkommt, ist das emotionale Zentrum, das es braucht, um den Zuschauer mitleiden zu lassen. „Panik im Needle-Park“ ist ein guter Film, der mit diesem Problem zu kämpfen hat, dass seine Figuren emotionale Krüppel sind, weil sie von ihrer Sucht deformiert wurden. Das resultiert in einer kühlen Beobachtung, teilweise mit stillem Humor, teilweise in brutalen Auseinandersetzungen, die es schwer haben, das Herz des Zuschauers zu erreichen.

Liegt es daran, dass Kitty Winn als drogensüchtige Prostituierte mit ihrem schüchternen Gesicht und der zurückhaltenden Art eine krasse Fehlbesetzung markiert, oder ist diese Entscheidung, auf Rollenklischees durch die Wahl der Schauspieler zu verzichten, im Gegenteil eher begrüßenswert? Die Aussage, die in diesem Type-Casting steckt, wäre demnach so plakativ wie altklug: ein jeder kann in den Drogensumpf gelangen, niemand ist davor gefeit, niemand ist besser als der andere, weil wir alle in dem Umgang, den wir pflegen, in dieselbe Gefahr laufen!? Auch ohne diese Erleuchtung ist „Panik im Needle-Park“ schlussendlich eine angenehme Überraschung als unangenehm kühle Szene-Beobachtung mit zwei hervorragend agierenden Hauptdarstellern, die diese in den Höhepunkten expressiv gefilmte Schilderung mit ihren markanten Erscheinungen sehenswert machen.

Panik im Needle Park erscheint am 12. Jänner auf DVD

Panik im Needle Park
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Panik im Needle Park
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