Il Posto

Il Posto – Der Job

(„Il Posto“ directed by Ermanno Olmi, 1961)

Il PostoAls ich Il Posto sah, erinnerte ich mich an die Zeit, in der ich mich um einen Ausbildungsplatz bei einer Versicherungsfirma bewarb. Sechs Stunden wurde ich verhört, Tests unterzogen und dazu gezwungen, mich selbst mittels einer Präsentation vorzustellen. Und wozu all das? Um über dreißig Jahre lang hinter einem Schreibtisch sitzen zu können, den Rücken vor einem Computer krumm biegend – vielleicht 40 Jahre lang jeden Tag dieselbe Routine. Sechs Stunden wurde ich einem Seelenstriptease unterzogen, mit dem Ergebnis, das ich schließlich aus dem Raum hinaus schritt und meine Prüfer mehr über mich wussten, als ich über mich selbst. Ein paar Wochen später kam die Ablehnung per Post. Heute bin ich froh über über diese Ablehnung. Ermanno Olmi erzählt von diesen Zuständen in seinem späten neorealistischen Werk Il Posto, in dem er derartige Gegebenheiten schnörkellos und präzise abbildet – fünfzig Jahre, bevor ich die Gelegenheit dazu hatte, selbiges am eigenen Leib erfahren zu dürfen. Sein Hauptdarsteller Sandro Panseri sieht dabei aus wie Buster Keaton. Er hat ein schmales Gesicht, er lächelt nur selten und kommt aus ärmlichen Verhältnissen.

Er spielt Domenico, einen zurückhaltenden Jungen, der sich eines Morgens in Mailand um einen Job bei einer großen Firma bewirbt. Schnell muss er feststellen, dass er nicht der einzige Bewerber ist. In einem kahlen Saal warten ein Dutzend andere Männer und Frauen, die sich ihm als Konkurrenten präsentieren. Für Domenico wird es ein zäher Tag, der kein Ende nehmen will. Nach einem Wissenstest muss er ich von einem Doktor auf seine Körperfunktionen untersuchen lassen und als wäre das nicht genug, wird er unter anderem gefragt, ob er zwischen dem Alter von 8 und 14 Jahren ins Bett gemacht habe. Noch lacht Domenico darüber. In der Pause lernt er eine attraktive Mitstreiterin kennen, die er anspricht. Es beginnt als eines von jenen Gesprächen, das man eigentlich nur anfängt, um seine Nervosität zu vergessen und sich selber von seiner Angst abzulenken. Meist führen solche Gespräche zu nichts. Doch bei Antonietta (Loredana Detto) entsteht eine Sympathie für den schüchternen Jungen, der sie auf einen Kaffee einlädt. Nachdem sich die beiden wieder voneinander verabschiedet haben und es zwischen ihnen zu knistern beginnt, erhalten beide wenig später eine Zusage der Firma, bei der sie sich diversen Tests unterziehen mussten. Beide sind überglücklich, endlich eine feste Arbeit gefunden zu haben, ehe sie sich aus den Augen verlieren und Domenico die meiste Zeit in der Firma damit verbringt, seine Kollegen zu beobachten. Diese Beschäftigung macht ihn nicht nur zusehends deprimierter, sondern er wendet sich auch immer mehr von der Realität ab, die vor ihm liegt. In der Firma beginnt für ihn ein seltsamer Prozess der Entfremdung.

Il Posto ist eine zynische Satire über die Einwirkungen der Arbeit auf unser Leben. Im Gegensatz zu den meisten anderen Filmemachern, die sich dieses Themas angenommen haben, beschreibt Olmi die armen Arbeiter, die hinter ihrem Schreibtisch vor sich hinvegetieren jedoch nicht als breite Masse, bei der der Einzelne längst nicht mehr interessiert. Er zeichnet stattdessen klare Konturen eines jeden Individuums, entwirft damit Typen-Figuren, die dem Zuschauer unmittelbar bekannt vorkommen. Ohne, dass man die Personen im Film näher kennt, glaubt man, alles über sie zu wissen, weil es Charaktere aus dem wahren Leben sind und weil man nur die Entfremdung eines jeden Arbeiters zeigen kann, wenn man ihn nicht der breiten Masse zuordnet, sondern ihm ein Eigenleben gewährt.

Es sind ausnahmslos kurze Einblicke in das Leben der Anderen, die Olmi seinem Publikum gewährt, aber mehr braucht es auch nicht. In dem Zeichnen von Szenen, die ein jeder aus seinem Leben kennt, erweist sich der Italiener als wahrer Künstler, der ein Gemälde entworfen hat, das so zeitlos ist, das es einen entweder erschrecken oder beruhigen sollte. Das kommt auf den Standpunkt an. Der Film entstand 1961 und nun – 50 Jahre später – erkenne ich noch immer die kahlen Empfangsräume eines Bürokomplexes wieder, aus denen jedes Leben gewichen ist und ich erinnere mich an die überfüllten Warteräume, in denen mehrere Handvoll Menschenkinder auf ihr Schicksal warten. Durch die Augen des schüchternen Domenico fühlt sich der Regisseur in diese kalte, von Angst beherrschte Welt ein, wenn der Arbeitsuchende durch die endlosen Korridore wandert, um in naher Zukunft an einem Test teilzunehmen, der sein Leben für immer verändern könnte. Auf diesem Weg trifft man auf Gesichter, die man unter anderen Umständen nie wahrgenommen hätte, die sich nun aber einbrennen und an die man sich bei den unpassendsten Gelegenheiten erinnern kann, weil es Menschen sind, die in einer entscheidenden Stunde unseres Lebens anwesend waren. Dazu brauchen wir ihre Namen nicht kennen oder ihre Hobbys, aber trotzdem erscheinen sie uns wie Vertraute.

All diese Menschen scheinen – wie auch Domenico – nie zu lächeln um lediglich in betrunkenem Zustand auf der Neujahrsfeier ein wenig Lebensfreude zu versprühen. Das ist, wie der ganze Film, eine Momentaufnahme des Lebens, ohne Anfang und ohne ein geschlossenes Ende, als würde der Film ewig fortlaufen und unendlich sein. Als Domenico mit den Anderen zum Gebäude schreitet, in dem er an dem Test teilnehmen soll, trifft die Gruppe auf einen alten Rentner. Er fragt einen der Jungen, was sie zu dieser Stunde auf der Straße zu suchen haben. Einer von ihnen erwidert, sie würden nun an einem Test teilnehmen, um zu sehen, ob sie für den Job qualifiziert sind. Der alte Mann lacht. Ein Test, fragt er? Was komme als nächstes?

Fünfzig Jahre später haben die Tests an Umfang und Vielseitigkeit zugenommen, nicht selten werden Arbeitsuchende in einem Betrieb als Praktikanten eingestellt, um sie kostenlos arbeiten zu lassen – natürlich mit der Aussicht auf eine Anstellung, die in zu vielen Fällen nie erfolgt. Die Zustände haben sich verschlimmert und doch ist die Zeitlosigkeit von Olmis Film bemerkenswert, denn es ist ein Film, der losgelöst von Zeit und Raum zu sein scheint, bei dem es keine Rolle spielt, ob er vor einem halben Jahrhundert oder erst gestern gedreht worden ist, denn er ist von solch beeindruckender Simplizität, dass das wahre, ungeschminkte Leben voll ungeschöntem Realismus aus allen Poren tropft. Es gibt nur wenige Satiren, die das zu schaffen vermögen. Ermanno Olmi verzerrt die Realität zugunsten der Komödie nicht. Die Realität ist Satire genug.



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