(“Miracle at St. Anna” directed by Spike Lee, 2008)

James Verniere, US-Filmkritiker des Boston Herald und Mitglied der National Society of Film Critics, schrieb 2008, dass die Schauspielleistung von Mary-Kate Olsen in The Wackness schlicht und einfach „beeindruckend!“ sei. Nun ist Übertreibung für Journalisten nichts Ungewöhnliches, wir Leben quasi davon. Aber so lang Olsens gelbe Hippie Dreadlocks in dem Film waren, so lang muss auch Verniere Nase gewesen sein, als er im selben Jahr erklärte, Spike Lees neuer Film Buffalo Soldiers ´44 sei ein „Meisterwerk.“ Ein „klassisch-amerikanischer World War II Movie in der Tradition von Der längste Tag (1962) . . . Sie werden begeistert sein!“ Alles schön und gut, wenn es denn nur annähernd stimmen würde. Die Realität sieht leider anders aus: Buffalo Soldiers ´44 ist ein halbgares Kriegsepos von zähen 160 Minuten und ein schlechtes Spike Lee Werk obendrein.

Italien, Herbst 1944: Der Zweite Weltkrieg hat die Toskana erreicht. Die Wehrmacht hat ihre letzte Verteidigungslinie errichtet, um den Vormarsch der Alliierten aufzuhalten. Eine US-Infanterie-Division versucht die Stellung der Deutschen zu durchbrechen. Mit dabei sind vier afroamerikanischen Soldaten.  Cummings, Train, Bishop und Corporal Hector Negron. Während eines Angriffs werden sie von ihrer Einheit abgeschnitten und retten einen italienischen Jungen, den sie in ein nahe gelegenes Dorf bringen. Dort erfahren sie etwas, das ihnen in ihrer Heimat verwehrt wird: Gleichberechtigung, Menschlichkeit und Respekt. Gemeinsam mit Partisanen und den Einwohnern des Dorfes bereiten sie sich auf den kurz bevorstehenden Gegenangriff der Wehrmacht vor.

Auch wenn wir uns von Spike Lee keine sterile Genrearbeit wünschen, so doch wenigstens solides Handwerk. Buffalo Soldiers ´44 aber ist mühsam erzählt und verliert sich und den Zuschauer in zu vielen Charakteren und Subplots. Der Film kränkelt am minderwertigen Schnitt und der unterdurchschnittlichen Leistung der Schauspieler. Statische Detailaufnahmen von Naziemblemen und abgesprengten Armen werden abrupt ins Bild „hineingehämmert“, ohne Rücksicht auf den Bildfluss. Szene wirken zu lang oder zu kurz, so dass der Zuschauer aus der Atmosphäre der Geschichte immer wieder herausgerissen wird.

Es war also an den Hauptdarstellern, den Film zu retten. Laz Alonso, Derek Luke, Michael Ealy und Omar Benson Miller. Oder anders ausgedrückt: Patriotismus, kollegiales Pflichtgefühl, Argwohn und Gottes Werkzeug. Leider schafft es keiner der Vier, diese unterschiedlichen Perspektive hinsichtlich ihrer Situation authentisch rüberzubringen. Ihr Spiel wirkt so affektiert wie ihre Dialoge: „Nigger, this is a white man´s war!“ oder „Oh Lord, oh Lord, it´s a miracle. Halleluja!“

In den Nebenrollen ist der Film zwar stark besetzt. Doch John Turturro, Joseph Gordon-Levitt, John Hawkes und Walton Goggins ringen oft erfolglos mit klischeebesetzten Dialoge. Die gute Nachricht: Den europäischen Schauspielern um Max Malatesta, Jan Pohl und Christian Berkel, gelingt es, im Sumpf eindimensionaler Figuren den Kopf über Wasser zu halten und positive Akzente zu setzten. Alles in allem wäre James McBride, auf dessen Buch der Film basiert und der das Drehbuch schrieb, gut beraten gewesen, ein paar Nebenschauplätze wegzulassen und dafür die übrigen Figuren weiter auszuarbeiten.

Weitere negative Höhepunkte sind das schlechte Make-Up (Alonso als alter Mann hinter schimmeliger Silikonschminke), die plumpen „optischen Anker“ bei Szenewechsel und den zahlreichen Rückblenden (John Leguizamo und die Zeitung), und das willkürliche Einsetzten der immer gleichen zehn Sekunden Musik, in der ersten Kampfszene am Fluss. Ein Moment als würde man fünf Minuten auf das DVD-Menü starren während sich die Hintergrundmusik konstant wiederholt.

Was bleibt ist die thematische Daseinberechtigung des Films: Das Schicksal afroamerikanischer Soldaten (Buffalo Soldiers) im Zweiten Weltkrieg. Für ihr Land gekämpft, aber zu Hause ignoriert, und geschichtlich nur eine Randnotiz. Doch auch als sozio-politische Provokation fällt Spike Lees Film durch. Die schablonenhaften Figuren sind überladen mit Klischees und müdem Witz. Der Versuch über sie Missstände zu reflektieren wirkt künstlich.

Buffalo Soldiers ’44 vermittelt das Gefühl, als wolle sein Regisseur etwas mit der Brechstange beweisen. Lee unterbricht die Geschichte immer wieder mit Rückblenden, dessen Grundaussage sich in einem Satz zusammenfassen lassen: „Seht her, so ungerecht war es!“ Eine dieser Flashbacks spielt in einem GI-Ausbildungslager in Louisiana. Ein Amerikaner mit dem wenig subtilen Namen Herb Redneck lässt in seiner Kneipe gefangene Nazis speisen, verweigert aber den vier schwarzen Hauptdarstellern die Dienstleistung: „Nigger, wen ich bediene ist immer noch meine Sache!“ Man schreibt so etwas nicht leichtfertig, aber Aufbau und Aussage der Szene sind so aufdringlich und anspruchslos wie die Titelseite der BILD-Zeitung.

In seiner Zwanghaftigkeit erinnert der Film an Lees Rassismus-Streit mit Clint Eastwood 2008. Damals hatte er Eastwood vorgeworfen, dass in dessen Weltkriegsdramen Flags of Our Fathers und Letters from Iwo Jima keine schwarzen US-Soldaten vorkommen. Eastwood erwiderte, in beiden Filmen gehe es um ein historisches Foto und da waren nun einmal keine afroamerikanischen Soldaten dabei. Aber Lee ließ nicht locker: „Ich kenne die Geschichte Hollywoods und ihre Auslassung der eine Million afroamerikanischer Männer und Frauen, die am Zweiten Weltkrieg mitgewirkt haben“, sagte er in Richtung Eastwood. „Nicht alles war John Wayne, Baby.“

Nun mag es übertrieben sein, wegen eines missratenen Films zukünftig um Spike Lee einen Bogen zu machen, gerechtfertigt aber wäre es allemal. Buffalo Soldiers ’44 ist ein vermurkstes Kriegsepos erster Güte, das uns als Zugabe mit einem sülzigen Ende bestraft, tränenreich, an einem Sandstrand irgendwo auf den Bahamas. Der Zuschauer bleibt allein zurück, fassungslos angesichts der Fülle abgegriffener Bilder. Und fassungslos, dass der Regisseur von Do the Right Thing, Jungle Fever, oder Summer of Sam, so einen schlechten Film abliefert.

Nur ein einziges Mal in zweieinhalb Stunden blitzt Spike Lees Fähigkeit auf, Unrecht bewegend und schnörkellos zu inszenieren. Es ist das Massaker im Dorf Sant’Anna im August 1944, bei der die SS über 500 Menschen ermordete. Eine Szene, die schlicht und direkt ist, und das Leid und die Abartigkeit des Krieges fast physisch spürbar werden lässt.

Bleibt die Frage, wie Herr Verniere auf die Idee kommt, mit Buffalo Soldiers ’44 ein „Meisterwerk“ vom Kaliber solcher Klassiker wie Der Längste Tag (1962) oder The Big Red One (1980) gesehen zu haben? Der Grund ist bitter und tragisch wie das Leben einer Prostituierten: Es ist die Zitierfähigkeit von Wörtern wie „Meisterwerk“ und „Sie werden begeistert sein!“ Je übertriebener und greller der Beifall, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass eines der großen Hollywood-Studios deine „Kritik“ und deinen Namen auf der entsprechenden Filmwerbung platziert. Und Aufmerksamkeit ist Geld. Das Leben dieser Kritiker ähnelt daher in etwa dem einer Prostituierten, sie verkaufen sich. Die Kollegen von criticwatch.net (Tagline „If you can’t say something bad… “) haben ein Auge auf diese Gattung von Kritikern geworfen. Jedes Jahr wählen sie, wie sie es nennen, die dreistesten „Zitat-Huren.“ Im Jahr 2008 schaffte es Verniere dank seiner zitierfähigen Buffalo Soldiers ’44-Rezension auf Platz fünf der „Caveat emptor“-Liste, Latein für „der Käufer möge sich hüten“. In diesem Fall vor den die Lobeshymnen eines James Verniere. Wir sind gewarnt.

Buffalo Soldiers ’44 erscheint am 17. Februar auf Blu Ray und DVD

Buffalo Soldiers ’44 – Das Wunder von St. Anna
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