(„Lawman“, directed by Michael Winner, 1971)

Der britische Regisseur Michael Winner hat zwei Western gedreht – 1971 mit Lawman seinen ersten Film überhaupt in den Vereinigten Staaten, gefolgt von Chato’s Land mit Charles Bronson ein Jahr später. Um es vorweg zu sagen: der letztgenannte ist der bessere, doch auch Lawman kann sich, gemessen an dem Output des berüchtigten Regisseurs durchaus noch sehen lassen. Berüchtigt ist er daher, da er für zahlreiche Cineasten als Anwärter für den Titel „schlechtester Regisseur aller Zeiten“ gilt – wohl gleich nach Ed Wood und Uwe Boll, denn wirft man einen Blick in die Filmographie des Briten, so findet sich allerlei Kurioses und nur vereinzelt glänzen Geheimtipps aus dem Oeuvre hervor, die erwähnenswert sind.

Setzt man Lawman nun in direkten Vergleich mit unterdurchschnittlichen Werken, die Winner auf die Menschheit losließ wie etwa Won Ton Ton, der Hund der Hollywood rettete oder dem narkotisierenden Bogart-Remake Der tiefe Schlaf, so kann man zweifellos behaupten, dass es sich bei diesem Western, für den man immerhin Burt Lancaster gewinnen konnte, um einen seiner besseren Filme handelt. Den Vergleich mit dem vielfach interessanteren Chato’s Land hält er dennoch nicht stand. Leinwandlegende Lancaster spielt hier den so genannten Lawman Maddox, eine Art Sheriff, in dessen Stadt mehrere Gebäude verwüstet und ein Mann umgebracht wurde. Maddox kennt die Täter und macht sich auf die Suche nach ihnen – er findet sie schließlich in einem kleinen Dorf, dessen Sheriff der altersmüde Cotton Ryan ist (Robert Ryan).

Doch als Maddox diesen auffordert, die Täter zu verhaften und ihm auszuliefern, weigert sich Ryan mit der Begründung, die Täter wurden vom mächtigsten und reichsten Mann der Gegend (Lee J. Cobb) gedeckt und der Sheriff selbst von diesem bezahlt. Vom Sheriff im Stich gelassen, beginnt Maddox alleine den Kampf gegen die Unruhestifter, doch seine Mission wird schwieriger, als er ursprünglich dachte, denn nicht nur das gesamte Dorf ist gegen ihn, sondern zusätzlich sieht er sich mit komplexen Charakteren konfrontiert, in deren Psyche sich der Lawman vorher einarbeiten muss.

Lawman ist kein typischer Western, denn hier wird verhältnismäßig wenig geschossen, stattdessen handelt es sich hier eher um eine Charakterstudie der Protagonisten, um eine Reflexion über die Vereinbarkeit von Idealen, Verpflichtungen, Bestechlichkeit und Freundschaft. Leider geht der Film in dieser Hinsicht nicht sonderlich in die Tiefe, sondern reißt die erwähnten Themen lediglich sporadisch an, so etwa in der Schilderung der Beziehung zwischen Maddox und seiner ehemaligen Geliebten, die nun mit einem der gesuchten Verbrecher verheiratet ist. Dies wird mit einzelnen Duellen kompensiert, in denen – wenn getroffen wird – das Blut in knalligen Farben auf den staubigen Boden spritzen darf.

Nach unvermeidlichem Leone-Vorbild arbeitet Winner hier bevorzugt mit Nahaufnahmen der Gesichter der Duellisten, was zwar kein originelles Konzept ist, aber der Spannung nach wie vor zu Gute kommt, da man nicht sehen kann, wann der Erste den Revolver ziehen wird. Davon abgesehen liegt die Stärke des Films, der sein Potential nicht ausgeschöpft hat, in der Darstellung von Burt Lancester als mit sich selbst ringender Antiheld, dem eine Welle von Hass entgegenschlägt und der seinen Beruf auch eher als schwere Bürde empfindet und in der Porträtierung des Sheriffs von Robert Ryan, einer Western-Legende, die selten zuvor derart überzeugend war wie in diesem Film. Das größte Problem des Films ist jedoch, dass man 90 Minuten auf ein Highlight, ein Klimax oder eine Katastrophe wartet, welches jedoch erst im Finale eintritt, sodass sich der gesamte Mittelteil recht zäh dahinschleppt, ohne große Spannung aufkommen zu lassen, sieht man von den zahlreichen Mordversuchen gegenüber Lawman Maddox einmal ab. Zu oft hat man das Gefühl, der Film trete auf der Stelle und werde nur durch einige interessante Kameraeinstellungen interessant.

Lawman ist in der Tat ein zäher Western, der viel Geduld erfordert, denn er ist langsam und Winner nimmt sich viel Zeit für seine Charaktere, in deren Seelenleben er einzufühlen versucht. Dies zwar nicht in der Tiefe wie er es wenig später in seinem besten Werk Chato’s Land getan hat, doch immerhin tief genug, um Interesse an den Charakteren selbst wecken zu können. Zusätzlich wartet der Streifen mit einem sehr überraschenden Ende auf, das zwar viele Fragezeichen aufwerfen mag, doch gerade deshalb zum intensiven Nachdenken anregt. Wäre der Spannungsbogen konsequenter, würden zweifellos auch eingefleischte Westernfans hier voll auf ihre Kosten kommen. So bleibt Lawman ein nicht ganz uninteressantes und hervorragend gespieltes Porträt eines einsamen Gerechten, der mit all der Abneigung, die ihm entgegenschlägt, umzugehen versucht – durchbrochen von einigen hellen Momenten der Zweisamkeit und Freundschaft. All das auf leidlich unterhaltsamem Niveau.

Lawman
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Lawman
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