Hip Hop-eration
© Rise And Shine Cinema

Hip Hop-eration

(„Hip Hop-eration“ directed by Bryn Evans, 2014)

Hip Hop-eration
„Hip Hop-eration“ läuft ab 1. Oktober im Kino

Sie haben sie jetzt älter gemacht“, fühlt sich Billie Jordan gezwungen, den sie interviewenden Journalisten zu korrigieren. „Sie ist nicht 100 Jahre, sondern 96.“ Damit gebührt ihr dennoch die Seniorenkrone innerhalb der Gruppe, rund 30 Mann und Frau stark, Mindestalter 70 Lenze. Eine derart geballte Ansammlung von Menschenjahren, das riecht nach Kaffeefahrt, Fernsehberieselung, wehmütiger Schlagermusik. Mit all dem können die neuseeländischen Rentner jedoch wenig anfangen: Anstatt sich dem Siechtum hinzugeben, gründen sie lieber die älteste Tanzgruppe der Welt, geben sich den Namen „Hip Op-eration“ – eine Anspielung sowohl auf Hip-Hop wie auch auf die Anzahl künstlicher Hüften in ihrer Gruppe – und trainieren fleißig auf das Ziel hin, bei der internationalen Hip-Hop-Weltmeisterschaft in Las Vegas teilzunehmen.

Absurd? Natürlich. Wo andere Hip-Hopper Saltos in der Luft schlagen oder sich auf dem Boden wälzen, sind die greisenhaften Kollegen auf Gehhilfen oder Rollstühle angewiesen. Aber darauf kam es hier eben auch nicht an, das Ensemble trat nicht mit dem Anspruch an, alle anderen von der Bühne zu tanzen, sondern aus Respekt. Respekt vor der Jugendbewegung und ihres künstlerischen Ausdrucks. Aber eben auch aus Respekt vor sich selbst, davor dass man diesen auch im Alter verdient. Ihn zumindest verdienen kann, solange man sich selbst nicht aufgegeben hat. Hip Hop-eration, das bedeutet eine Liebeserklärung an das Leben selbst, auch wenn dieses einem mit der Zeit immer übler mitspielt.

Einige Monate lang ist Dokumentarfilmer Bryn Evans seinen älteren Protagonisten gefolgt, hat sie bei den Vorbereitungen auf Las Vegas gefilmt, bei ihren ersten Tanzschritten, den überraschenden Erfolgen. Und den Niederlagen. Der Ton ist insgesamt heiter und optimistisch, spart aber auch die ernsten Themen nicht aus: körperlicher und geistiger Verfall, Einsamkeit, Armut, Tod. Sie wisse nicht, ob sie zu dem Zeitpunkt der Meisterschaft noch lebe, erzählt Billie von einer ihrer Schützlingen. Sie wünsche sich aber nicht mehr als das.

Zwischen den Gruppenaufnahmen gibt es immer wieder derart persönliche Momente, in denen wir mehr über einzelne der Senioren-Hi-Hopper erfahren. Dass die meisten einem eher fremd bleiben ist klar, anderthalb Stunden ist nun mal nicht genug, um einem Leben tatsächlich gerecht zu werden – geschweige denn 30. Es sind deshalb nicht mehr als Schnappschüsse, die wir zu sehen bekommen, die oft humorvoll sind, manchmal traurig, aber auch beeindruckend, wenn sich hinter den gebrechlichen Hüllen Schicksale entfalten, die Jahrzehnte zuvor mit Leidenschaft für den Weltfrieden gekämpft haben.

Wenn es einem Dokumentarfilm in der letzten Zeit gelungen ist, einen als Zuschauer zu inspirieren und gut fühlen zu lassen, dann ist es Hip Hop-eration. Natürlich ist es irgendwo drollig, die Nachwuchs-Hip-Hopper auf der Bühne zu sehen. Erfahrung hat hier schließlich keiner, auch Billie nicht, die selbst von sich sagt, der für die Aufgabe unqualifizierteste Mensch auf der Welt zu sein. Aber es ist eben auch sehr schön und berührend, wie die ungläubigen Blicke des Publikums Begeisterung und frenetischem Beifall Platz machen, was am Ende nicht nur für einen Eintrag im Guinness Buch der Rekorde reicht, sondern vor allem auch im Herzen derjenigen, die sie sehen. Oder um es mit den Worten einer der jugendlichen Kollegen zu sagen, der die Bekanntschaft der Truppe gemacht hat: „Die Jungs waren alle ganz begeistert. Ich glaube in der Woche haben alle ihre Omas besucht.“



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Man ist doch nie zu alt zum Tanzen! „Hip Hop-eration“ erzählt mit viel Humor, aber auch mit entwaffnender Ehrlichkeit, wie eine Gruppe Rentner im Alter an den internationalen Hip-Hop-Meisterschaften teilnehmen will. Das mag teilweise ein drolliger Anblick sein, gleichzeitig aber so lebensbejahend und inspirierend, dass man sich im Anschluss kaum das Lächeln auf dem Gesicht verkneifen kann.