Kommentare zu: Tapie https://www.film-rezensionen.de/2023/09/tapie/ Popcornkino und Independent Fri, 08 Aug 2025 16:40:24 +0000 hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.9 Von: Louis de la Sarre https://www.film-rezensionen.de/2023/09/tapie/comment-page-1/#comment-1510868 Fri, 08 Aug 2025 16:40:24 +0000 https://www.film-rezensionen.de/?p=270751#comment-1510868 Zwischen Glanz und Verzerrung
Eine Kritik zur Netflix-Serie „Tapie“

Die Netflix-Miniserie Tapie (international: Class Act) ist, ohne Zweifel, ein beeindruckendes Stück Fernsehkunst. Laurent Lafitte liefert in der Hauptrolle eine schauspielerische Glanzleistung, die zwischen Charisma, Größenwahn und Verzweiflung vibriert. Regie und Drehbuch schaffen es, aus dem Leben des Bernard Tapie eine packende Dramaturgie zu formen – visuell opulent, rhythmisch pointiert, handwerklich überragend.

Aber gerade weil die Serie so fesselnd ist, entfaltet sie eine Wirkung, die kaum minder problematisch ist: Sie schreibt eine Biografie um. Und zwar nicht in Nuancen – sondern mit einer solchen Wucht an Abweichungen, dass man sich am Ende fragt, ob hier noch Fiktion oder schon Revisionsfantasie betrieben wird.

Systematische Verfälschung der Chronologie
Schon in den ersten beiden Folgen wird die Biografie radikal umgeschrieben: Bernard Tapie wird angeblich in den frühen 1970er Jahren mit einem Unternehmungsverbot belegt – dabei fand seine Insolvenz samt juristischen Konsequenzen erst 1994/95 statt. Seine frühen unternehmerischen Erfolge (u. a. der lukrative Verkauf eigener Firmen) werden zur Niederlage umgedeutet. Statt eines strategisch denkenden Sanierers, der bankrotte Betriebe wie Terraillon oder Look übernahm und gewinnbringend restrukturierte, wird ein impulsiver Mann mit Bauchladen-Ideen inszeniert – etwa mit der frei erfundenen Episode eines „Herz-Notdiensts“, den Tapie nie entwickelte, geschweige denn betrieb.

Auch die Idee, „Firmen für einen Franc“ zu kaufen, wird in der Serie zur spontanen Eingebung bei einem symbolischen Anwaltstermin. In Wahrheit war dieses Modell ein durchdachtes Geschäftsmodell, das Tapie bereits Ende der 70er Jahre verfolgte – nicht erst nach einem angeblichen „Berufsverbot“.

Erfundene Konflikte, verdrehte Karrieren
Die Serie vermischt reale Marken wie Le Coq Sportif mit der visuell markanteren Ästhetik von Lacoste, einschließlich Krokodillogo – ein absichtsvoller Transfer, der der Wiedererkennung dient, aber zu Lasten der faktischen Genauigkeit geht. Auch die Darstellung des Adidas-Kaufs 1990 ist stark vereinfacht: Der komplexe, über Jahrzehnte andauernde Adidas-Schiedsgerichtsfall wird ignoriert, zugunsten einer Erzählung, die Tapies Verkauf als finalen Absturz inszeniert.

Noch gravierender ist der dramaturgische Kniff, Robert Louis-Dreyfus – der Adidas später übernahm – schon in den 1980er Jahren als direkten Gegenspieler einzuführen, obwohl dieser erst 1996 ins Spiel kam, drei Jahre nach Tapies Rückzug.

Warum diese massiven Abweichungen?
Natürlich ist die Serie kein Dokumentarfilm. Und ja: Künstlerische Verdichtung ist legitim – besonders in fiktionalisierten Biopics. Doch Tapie geht darüber weit hinaus. Die Serie inszeniert eine alternative Realität, in der Biografie, Wirtschaftsgeschichte und politische Vorgänge verzerrt, umgedeutet oder ganz neu erfunden werden.

Die Frage, die sich aufdrängt: Warum?
Ist es nur dramaturgische Bequemlichkeit – oder steckt mehr dahinter? Will man ein kohärentes Narrativ vom Aufstieg und Fall eines Mannes erzählen, auch wenn dafür die historischen Daten geopfert werden müssen? Oder passt das reale Leben eines Bernard Tapie schlicht nicht in das aktuelle Erzählbedürfnis nach Helden mit Widersprüchen?

Ein falsches Bild, das bleibt
Das Ergebnis ist zwiespältig. Tapie ist fesselndes Fernsehen, aber auch ein Werk mit hoher Suggestivkraft. Für viele Zuschauer – vor allem außerhalb Frankreichs – wird es der erste und vielleicht einzige Zugang zur Biografie Bernard Tapies sein. Was bleibt, ist ein Bild, das zwar unterhaltsam ist, aber mit der dokumentierten Realität oft wenig zu tun hat.

Und das ist gefährlich. Denn wenn eine Serie dieser Qualität – mit so viel handwerklicher Brillanz und darstellerischer Kraft – ein Bild vermittelt, das in zentralen Punkten falsch ist, dann ist es nicht mehr bloß Fiktion. Dann ist es – unbeabsichtigt oder nicht – Geschichtsklitterung im Hochglanzformat.

]]>