Kommentare zu: Abschied von der Nacht https://www.film-rezensionen.de/2022/02/abschied-von-der-nacht/ Popcornkino und Independent Thu, 17 Feb 2022 15:00:42 +0000 hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.9 Von: Martin Zopick https://www.film-rezensionen.de/2022/02/abschied-von-der-nacht/comment-page-1/#comment-737226 Thu, 17 Feb 2022 15:00:42 +0000 https://www.film-rezensionen.de/?p=204537#comment-737226 Vorsicht Spoiler!

Der Altmeister André Téchiné hat ein brisantes Thema aufgegriffen und mit dem euphemistischen Titel gleich deutlich gemacht, wie realitätsfern junge Leute sind, wenn sie sich blauäugig dem Islamismus anschließen. Damit erschöpft sich aber schon Kritik am Islam.
Großmutter Muriel (Catherine Deneuve) bekommt von ihrem Enkel Alex (Kasey Mottet Klein) einen Abschiedsbesuch. Der will angeblich nach Kanada, ist aber inzwischen zum Islam konvertiert und wird nun mit seiner Freundin Lila (Oulaya Amamra) nach Syrien fahren. Dieses Geheimnis wird vom Drehbuch scheibchenweise gelüftet. Muriel, die ihren Enkel sehr liebhat, will die Gründe verstehen. Doch Alex schweigt. Als die Kids sie um 6000,-€ beklauen, was für Islamisten legal ist, weil man das Geld ja von Ungläubigen nimmt, wird Muriel hellhörig. Regisseur Téchiné hält sie und die Zuschauer auf dem gleichen Wissensstand. Ihr und uns fällt auf, Alex geht nicht zur Wahl, trinkt und raucht nicht, fälscht Omas Unterschrift, was ja ebenfalls legal ist.
Muriel trifft Fouad (Kamel Labroudi) einen Freund von Alex, der eine Fußfessel tragen muss. Fouad versucht ihr die Gedankenwelt ihres Enkels verständlich zu machen. Er selbst gehört längst nicht mehr dazu. Andererseits wird Alex außer von Freundin Lila noch vom Prediger Bilal (Stéphane Bak) gedanklich bearbeitet. Als Muriel erkennt, dass sie ihn nicht von seinem Plan abbringen kann, sperrt sie Alex im Pferdestall ein.
Er ist nach seinen eigenen Worten auf ‘dem Weg von der Dunkelheit zum Licht‘ (Titel!). Das Pärchen kann entkommen. Auf dem Weg zum Flughafen werden sie von der Polizei verhaftet. Muriel hat einen Nervenzusammenbruch.
Von den Beweggründen für das Verhalten von Alex gibt es nur vage Andeutungen auf Kindheit und Elternhaus. Der Zuschauer wird alleingelassen und findet auch im Film keinerlei Hinweise für Erklärungen oder Lösungsmöglichkeiten. Der letzte Ratschlag der Polizei lautet ‘Schreiben sie ihm doch einen Brief.‘ Damit wird das Problem völlig verkannt, bestenfalls verharmlost. Téchiné scheute offenbar Konsequenzen oder allenfalls einen Ausblick. Hat er etwa kalte Füße bekommen und schreckt vor seiner eigenen Courage zurück? Schade. Da war mehr drin.

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