Kommentare zu: Die Verschwiegene https://www.film-rezensionen.de/2021/06/die-verschwiegene/ Popcornkino und Independent Mon, 21 Jun 2021 22:16:21 +0000 hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.9.4 Von: Hendrik Baumgarten https://www.film-rezensionen.de/2021/06/die-verschwiegene/comment-page-1/#comment-598412 Mon, 21 Jun 2021 22:16:21 +0000 https://www.film-rezensionen.de/?p=180026#comment-598412 Tut mir Leid, aber diese Rezension unterschreitet den Anspruch dieses Films. Wie kann man derartig vorbeischreiben an der Melancholie, der feinsinnigen und intellektuellen Subtilität Luchinis, dessen poetische Aura mit großen Film-Legenden wie Roberto Benigni oder Pierre Richard mithält? Seine Figur Antoine erlaubt sich die Autorität der eigenen, stets persönlichen und nach eigenem Ermessen mal reservierten, mal exaltierten Sicht der Dinge. Sein diabolischer Plan, sich aus verletzter Eitelkeit an einer beliebigen Frau zu rächen und ihre Begegnungen literarisch ausbeuten zu wollen, kollabiert peu à peu mit der Faszination, die die Fremde für ihn entwickelt. Eine dramatische Konstellation, in der gerade die Unverblümtheit, mit der Antoine und sein Freund, der Verleger, alles vorausberechnen, herrlich kontrastiert mit der tatsächlichen Entwicklung der Ereignisse. Und es ist ein Film, der von Luchini selbst geschrieben scheint, auf ihn maßgeschneidert, mit einer Empfindsamkeit und einem Gespür für Gesten und Emotionen, dass jede Sekunde zum Genuss wird. Der präsentierte Chauvinismus ist vollkommen nachrangig und übrigens auch ironisch gebrochen, da Antoine ausreichend häufig die Entlarvung seiner selbst ins Spiel bringt. In einer Szene, bevor Antonie sich die „Le Monde“ kauft, lugt er für einen Sekundenbruchteil voyeuristisch in die Zeitung eines Passanten. Als er zurückkommt ins Café, haben sich die beiden Frauen, die sich zuvor in seiner Gegenwart noch belauerten, urplötzlich solidarisiert. Solche subtilen und auf den ersten Anschein irrelevant wirkenden Details würde heutzutage kaum ein Regisseur wagen, weil sie die „klaren Verhältnisse“ und Identifikation mit der Hauptfigur unterminieren. Oder dass Antoine bei einem ungelegenen Besuch des Verlegers verstohlen an der Tür lauscht. Diese Einsprengsel formieren sich wie kleine Unterhöhlungen der selbstverliebten Arroganz der Hauptfigur, und ändern das Planvolle um zu einer bloß formalen Sicherheit; das Leben selbst lässt sich mit Ränkespiel und Vorausberechnung nicht einholen. Ohne das Ende verraten zu wollen: Dieser Film ist ein herrliches Plädoyer für die poetische Unberechenbarkeit und Evidenz dessen, was wir Leben nennen. Manche Schnitte und Überblendungen scheinen von einem geradezu katharsischen Schwarz. Ein wunderbares, verblüffend stimmiges Werk, das mit seiner schauspielerischer Brillanz und feinsinnigen Details Luchinis Ruhm begründet.

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