Inhalt/Kritik

Wächter der Galaxis

„Wächter der Galaxis“ // Deutschland-Start: 5. Februar 2021 (DVD/Blu-ray)

Auf der Erde war die Lage auch schon mal besser. Im Jahr 2070 muss sich die Menschheit nicht nur mit Wetterkatastrophen herumplagen, sondern auch einem zerstörten Mond und Nahrungsknappheit. Die meisten leben in bitterer Armut. Dafür bekommen sie aber anderweitig etwas geboten: Cosmoball! Die rasante Sportart, die in einem speziellen, oberhalb der Erde schwebenden Stadium ausgeübt wird, erfreut sich bei Menschen wie Außerirdischen großer Beliebtheit und lenkt sie ein wenig von den alltäglichen Sorgen ab. Lediglich Anton (Evgeny Romantsov) ist hierfür so gar nicht empfänglich, ist er doch viel zu sehr damit beschäftigt, sich um seine kranke Mutter zu kümmern. Das ändert sich, als er eines Tages ins Team der Erde berufen wird und dabei feststellt, dass der Sport neben der Unterhaltung noch einen anderen Zweck verfolgt, welcher der Bevölkerung bislang verschwiegen wurde …

Russland im Sci-Fi-Rausch

Russland will hoch hinaus: Das gilt nicht nur geo- und realpolitisch. Auch in filmischer Hinsicht ist der Blick in der letzten Zeit auffallend oft auf den Horizont und weiter gerichtet. Ob nun der Bewusstseinsalptraum Coma, der Alien-Horror Sputnik oder Attraction über eine extraterrestrische Begegnung der romantischen Art, da wurden schon recht viele Science-Fiction-Vertreter produziert. Und das sogar mit einigem Aufwand. Auch wenn man sich über die inhaltliche Qualität der Filme streiten kann, offensichtlich haben dortige Filmschaffende Gefallen daran gefunden, mithilfe komplexer Computerarbeiten fremde oder futuristische Welten zu erschaffen.

Mit Wächter der Galaxis steht nun der nächste Versuch an, russische Effektschlachten bei uns zu etablieren. Der Titel erinnert dabei sicher nicht ganz zufällig an den Marvel-Superhit Guardians of the Galaxy. Aber es ist nicht der einzige Vergleich, den der Film provoziert. Beim Cosmoball-Spiel, welches dem Film seinen internationalen Titel gegeben hat, werden Erinnerungen an Rollerball wach. Das Prinzip, die Menschheit mit einem Spiel von der Not abzulenken, kennen wir von Die Tribute von Panem – The Hunger Games und Konsorten. Und das sind nur ein paar der Gemeinsamkeiten. Wer will, kann sich knapp zwei Stunden lang nur damit beschäftigen, die diversen Originale wiederzuentdecken, die Regisseur Dzhanik Fayziev und seine vier weiteren Drehbuch-Mitschreibenden eingebaut haben.

Ein unsinniger Mix

Das hört sich nach einem schrecklich generischen Film an, den man bereits vergessen hat, noch bevor man ihn sich ansieht. Das stimmt jedoch nur zum Teil. Auch wenn einem natürlich sehr viel bekannt vorkommt, die dreist geklauten Designs der Aliens zum Langweiligsten zählen, was man in den letzten Jahren sehen musste, so ist Wächter der Galaxis letztendlich ein doch irgendwie seltsamer Genrevertreter. „Besser gut geklaut als schlecht erfunden“, heißt es immer mal wieder. „Gut geklaut“ ist das hier jedoch nicht. Vielmehr wurde so wahllos die Filmtruhe geplündert, dass am Ende kaum etwas mehr zusammenpasst.

Tatsächlich bleibt bei Wächter der Galaxis lange offen, worum es überhaupt gehen soll. Auch wenn der Titel bereits den späteren Twist vorwegnimmt, so richtig vorstellen kann man sich schwer, worauf das hinauslaufen soll. Lässt Fayziev dann erst einmal die Katze aus dem Sack, ist wahlweise die Verwunderung, das Gelächter oder der Ärger groß. Denn eines muss man dem Drehbuchteam lassen: Das ist so ziemlich die bescheuertste Idee, die man wohl hat finden können. Schade ist dabei, dass das Ganze nicht wirklich konsequent verfolgt wird. Anstatt gleich ganz eine Komödie aus dem Stoff zu machen, versuchte das Team, Humor und Ernst im Gleichgewicht zu halten, wohl auch weil zwischendurch auf ein jüngeres Publikum geschielt wurde – siehe die knuffigen Wesen, die später eine Rolle spielen werden und größeres Merchandising-Potenzial haben.

Bilderwelten aus dem Computer

Aber auch wenn der Film unentschlossen ist, eine völlig unsinnige Geschichte erzählt, vollgestopft ist mit Klischees und bei der Aufgabe versagt, das Gefühl von Bedrohung zu erzeugen: Wächter der Galaxis hat was. So sind die Bilder beispielsweise reizvoll. Klar können sie es nicht mit denen aus Hollywood aufnehmen, dafür reichte das Budget nicht. Man sieht in jeder Einstellung, dass da Computer am Werk waren. Und bei den Aliens hätte man sich wie oben bereits gesagt mehr Mühe geben können. Doch die knallbunte Inszenierung einer zerstörten Welt hat eine so unwirkliche Atmosphäre, dass es fast schon egal ist, was sich vor diesen Kulissen abspielt. Zusammen mit dem geballten Blödsinn lenkt der Film daher schon ganz gut von der realen Welt ab, was manchmal auch nicht ganz verkehrt ist.

Credits

OT: „Vratar galaktiki“
IT: „Cosmoball“
Land: Russland
Jahr: 2020
Regie: Dzhanik Fayziev
Drehbuch: Dzhanik Fayziev, Twister Murchison, Drew Row, Andrey Rubanov, Anastasiya Safronova
Musik: Tony Neiman
Kamera: Maksim Osadchiy-Korytkovskiy
Besetzung: Evgeny Romantsov, Mariya Lisovaya, Victoria Agalakova, Ivan Ivanovich, Elizaveta Taychenacheva

Bilder

Trailer

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Wächter der Galaxis
In „Wächter der Galaxis“ geht es mal wieder um eine kaputte Erde, um fiese Aliens … und um Sport. Der russische Science-Fiction-Film klaut schamlos Inhalte und Designs von der Hollywood-Konkurrenz und verknüpft damit den wohl blödsinnigsten Twist, den das Genre in den letzten Jahren gesehen hat. Gleichzeitig ist dieser wahllose Unfug zusammen mit den sehr künstlichen Bildern auch wieder auf seine Art reizvoll.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

6 Responses

  1. lili

    immer auf der höhe der zeit…was updates von filmen angeht…..vielen dank für die tollen reviews.
    bookmark ———–> filmrezensionen

    lg
    lili

    Antworten
  2. Kevin

    Der Film kommt mir an einigen Passagen durchaus etwas Gesellschaftskritisch rüber. Gerade gegen Ende mit (in der deutschen Übersetzung) den Worten „so macht das die Polizei in Moskow“. Auch die Sequenz zum Aufbruch der Bürger gegen einen Feind den sie nicht besiegen können lässt dort durchaus etwas Spielraum in der Interpretation. Möglicherweise deute ich das aber auch nur falsch?!
    Grüße

    Antworten
  3. Satyrer

    Der Vergleich der hier zu Panem angeregt wird, halte ich für unzutreffend, da die Szenerie eine vollkommen andere ist. Panem hat eine düstere vom Krieg gezeichnete Welt, mit wenig Möglichkeiten. Bei „Wächter der Galaxis“ haben wir eine vollkommen andere Gesellschaftsstruktur.

    Mir würde hier eher ein Vergleich zu Valerian statt zu Guardians of the Galaxy einfallen. Besonders in Bezug der Zusammenarbeit des „Senats“, klar gibt es in dem Film an sich viele Vergleiche oder Überschneidungen zu anderen Filmen. Ich würde beispielsweise Cosmoball eher mit Quiditsch vergleichen statt mit Rollerball, geschweige denn mit Hunger Games. Hunger Games mag zwar den Charakter der Verteidigung haben, jedoch ist dieser nicht freiwillig, wie hier in „Wächter der Galaxis“.

    Die Welt aus dem Film hat mich an eine bevölkerte Welt ähnlich wie in „2067“, oder dem Spiel „Horizon Zero Dawn“ erinnert. Der Aspekt der mir besonders gefallen hat ist, das der Fokus nicht wie Hollywood üblich auf der älteren Schicht liegt sondern hier explizit auf die Jüngeren gelegt wird. Dadurch werden Wertvorstellungen, das die Familie das wichtigste letztendlich sei in den Vordergrund gerückt.

    Der Film schafft es eine faszinierende tiefgründige Welt zu schaffen, welche gesellschaftliche Interessen in den Vordergrund rückt. Der Film zeigt wie Migration in kleineren Gruppen gut funktioniert, Vergleich dazu die verschiedenen Spielerteams und der Umgang der Generationen. Aufgrund dieser Ausführungen finde ich das der Film unterbewertet wurde und einfach abgestempelt wird, aufgrund der Tatsache das er aus Russland kommt.

    Daher lässt sich zusammenfassen das der Film sehr wohl etwas eigenes erschafft. Er ist ein besonderes Beispiel dafür, wie Computeranimationen und Effekte in Filmen eingesetzt werden sollten.

    Vergleiche dafür das Filme aus nicht Hollywood Produktionen unterbewertet sind findet man zu Haufe. vergleichbare Filme dazu sind unter anderem Coma, Attraktion 1+2, Osiris Child, Pandemie, wobei hervorzuheben ist das gerade Russland im Vergleich zu Australien und China besonders schlechte Bewertungen bekommt.

    Mit freundlichem Gruß
    Satyrer

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