Kritik

Was wir wollten Elyas M’Barek Netflix

„Was wir wollten“ // Deutschland-Start: 11. November 2020 (Netflix)

Eigentlich haben Niklas (Elyas M’Barek) und Alice (Lavinia Wilson) nicht wirklich Grund zur Klage. Sie sind gesund, finanziell gut abgesichert, auch in der Beziehung des Paares läuft es. Wäre da nicht ein Faktor, der beiden schwer auf der Seele liegt: der unerfüllte Kinderwunsch. Viele Male haben sie bereits versucht schwanger zu werden, erst auf eine natürliche Weise, später mittels künstlicher Befruchtung. Doch jeder Versuch ist gescheitert. Um einmal auf andere Gedanken zu kommen, beschließen sie nach Sardinien zu fahren und erst einmal Urlaub zu machen. Zu ihrem Pech wohnen direkt nebenan aber Christl (Anna Unterberger) und Romed (Lukas Spisser) mit ihren beiden Kindern, welche sie ständig daran erinnern, was ihnen selbst fehlt …

Elyas M’Barek ist dank einer Reihe von Komödien, die er mit Bora Dagtekin gedreht hat, zu einem der erfolgreichsten deutschsprachigen Schauspieler der Gegenwart geworden: Ob nun Türkisch für Anfänger, die Trilogie um Fack ju Göhte oder zuletzt Das perfekte Geheimnis, das Duo sorgte für pralle Kassen. Dann und wann zeigt der Österreicher jedoch, dass er mehr will als einfache Unterhaltung für die Massen. Die Ausbeute war jedoch eher mager. Dieses bescheuerte Herz und Der Fall Collini waren zwar kommerziell durchaus ertragreich, gingen dafür aber schon sehr auf Nummer sicher, waren so sehr um das Image von M’Barek herumgestrickt, dass das Ergebnis am Ende langweilig war.

Das leise Ende der Partnerschaft
So richtig groß waren die Erwartungen daher nicht, als bekannt wurde, dass der neueste Film mit ihm direkt auf Netflix landen würde. Wobei Was wir wollten zumindest in Österreich lange fürs Kino geplant war, dort wurde das Drama auch produziert. Umso größer und willkommener ist die Überraschung. M’Barek spielt hier mal nicht den Helden mit den goldenen Herzen, der sich in schwierigen Situationen beweist. Er tritt auch nicht als schlagfertiger Frauenschwarm auf. Stattdessen ist er ein ruhiger Normalo, der vielen kaum auffallen würde. Der selbst auch nicht wirklich auffallen will. Von anecken ganz zu schweigen: Niklas geht ebenso wie Alice einer direkten Konfrontation aus dem Weg.

Ulrike Kofler, die bislang als Editorin gearbeitet hat und hier ihr Langfilmdebüt als Regisseurin und Drehbuchautorin gibt, erzählt gleich von zwei Paaren, die nicht mehr wirklich als solche funktionieren. In beiden Fällen geht es dabei um Kinder: Die einen wollen unbedingt eins, können aber keins bekommen, die anderen haben welche, sind von diesen aber genervt. Das ist als Gegensatz schon ein wenig plakativ, die Frage nach dem, was Glück ausmacht, wird durch die Gegenüberstellung zweier Extreme gestellt. Zum Ende gibt es auch eine recht unbeholfene dramatische Zuspitzung, die immer wieder gern herangezogen wird, um Wendepunkte zu markieren.

Sprachloses (Un-)Glück
Dafür zeigt Kofler an anderen Stellen ihr Talent fürs Geschichtenerzählen. Die stärksten Momente von Was wir wollten sind diejenigen, wenn der Film ganz leise ist und sich auf zwischenmenschliche Detailaufnahmen konzentriert. An diesen Stellen zeigt sie sich als genaue Beobachterin, die gerade in der Sprachlosigkeit große Ausdruckskraft findet. Beide Paare haben es verlernt, miteinander zu reden und sich wirklich auszutauschen. Sie sind aneinandergekettet, durch einen gemeinsamen Wunsch oder eine gemeinsame Vergangenheit, ohne dass dabei deutlich würde, was genau sie aneinander fanden. Nur selten gibt es Beispiele der Zuneigung oder Anziehungskraft. Sogar der Vorwurf einer Zweckgemeinschaft fliegt irgendwann durch den Raum.

Letzteres bleibt aber die Ausnahme. Wer von einem solchen Beziehungsdrama Schlammschlachten erhofft, für den ist das hier nichts. Auch die aufdringliche musikalische Manipulation, die bei solchen Filmen immer zu befürchten ist, bleibt aus. Stattdessen gibt es schöne Aufnahmen eines Urlaubsparadieses, das die Kulisse für lauter unglückliche Menschen liefert. Ein weiter Horizont, der die innerliche Leere von Figuren spiegelt, die in ihrem Leben feststecken, für die dieser Urlaub aber auch der Anlass ist, über alles einmal nachzudenken. Wer bin ich? Was will ich von diesem Leben, von einer Partnerschaft? Und kann ich trotzdem glücklich werden, obwohl alles ganz anders gekommen ist? Auch wenn das Thema Schwangerschaft und Kinder im Mittelpunkt steht, so ist die Geschichte um Partnerschaft und die Suche nach dem Glück doch universell genug, um losgelöst vom Szenario zu funktionieren. Auch die Leistungen von Wilson und M’Barek überzeugen.

Credits

OT: „Was wir wollten“
Land: Österreich
Jahr: 2020
Regie: Ulrike Kofler
Drehbuch: Ulrike Kofler, Sandra Bohle, Marie Kreutzer
Vorlage: Peter Stamm
Kamera: Robert Oberrainer
Besetzung: Lavinia Wilson, Elyas M’Barek, Anna Unterberger, Lukas Spisser

Bilder

Trailer

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Was wir wollten
In „Was wir wollten“ zerbricht ein Paar zunehmend daran, dass es keine Kinder bekommen kann. An manchen Stellen ist das Drama etwas plakativ, gerade durch den Gegensatz mit einem anderen Paar. Insgesamt überzeugt es aber, gerade in den leisen Momenten, in denen das Auseinanderdriften und die Sprachlosigkeit vorgeführt wird.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

6 Responses

  1. Maike

    wer nicht einschlafen kann, dieser Film hilft bestimmt dabei. Elias MBarek spielt unerwartet gut und überzeugend, das reisst es aber leider nicht raus. Seine Filmfrau wirkt freudlos, unattraktiv, steif und spröde. Der Film ohne wirklichen roten Faden oder Handlungsstränge. Am Ende fragt man sich… was sollte das ganze? Reine Zeitverschwendung.

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  2. Aloe Vera

    Vielleicht sollte der Autor peter Stamm erwähnt werden, dessen Erzählungen Lauf der Dinge als Vorlageür den Film dient. Die stimmung, die p. Stamm in seinen romanen, Erzählungen erzeugt, davon ist der Filmwelt entfernt. Und wer die Protagonistin Alice als freudlos beschreibt, hat den Film nicht vertstanden. Peter Stamm ist nicht Main Stream und sollte vielleicht nicht mitm. Bären besteht werden. Ist schade, aber er ist als wominzer, Herzensbrecher für diese Peter Stamm Figuren vielleicht noch nicht authentisch in dieser Rolle.

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    • Nelli

      Eine Message hats auf jeden Fall gegeben, die vom David. Es ist wichtig dass Eltern nach ihren Kindern schauen und sie diese nicht vernachlässigen. Es ist heutzutage nicht selten geworden dass Kinder depressiv werden.

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  3. Birkner

    Wenn man das Thema selbst durchgemacht hat, ist der Film absolute Realität, und man ist dankbar, dass es endlich mal so aufgegriffen und dargestellt wird. Ja, das Leben kann auch innerliche Leere, Sprachlosigkeit, Starre und Enttäuschung sein. Danke für diesen Film. Mir hat er sehr geholfen.

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