Kritik

Die Ferien des Monsieur Hulot Les Vacances de Monsieur Hulot

„Die Ferien des Monsieur Hulot“ // Deutschland-Start: 26. August 1955 (Kino) // 15. Oktober 2015 (DVD/Blu-ray)

Endlich, Urlaub! Als Monsieur Hulot (Jacques Tati) das kleine Ferienhotel betritt, das malerisch an einem Strand gelegen ist, ist er voller Freude auf das, was ihn erwartet. Die Sonne! Das Wasser! Die vielen sportlichen Aktivitäten, die er sich so vorgenommen hat! Wobei er die folgenden Tage feststellen muss, dass nicht so wahnsinnig viel in seinem Urlaub nach Plan funktioniert. Immer wieder passieren ihm kleine Missgeschicke, gerade auch im Zusammenhang mit den anderen Gästen, deren Wege sich regelmäßig mit seinen kreuzen. Aber davon lässt er sich nicht aus der Ruhe bringen …

Obwohl das Gesamtwerk von Jacques Tati alles andere als umfangreich ist, so gilt er doch als einer der großen Komödianten des 20. Jahrhunderts. Vor allem die Figur des Monsieur Hulot war es, die den Franzosen berühmt machte. Jener schlaksige Mann, der oft in Mänteln, zu kurzen Hosen und einem Schlapphut gekleidet war. Wobei sein erster Auftritt Die Ferien des Monsieur Hulot zumindest kleidungstechnisch etwas anders ausfällt. Logisch, am Strand braucht man nicht unbedingt Regenequipment. Ansonsten nimmt der Film aber schon vieles vorweg, was Tati auch in den folgenden Filmen erfolgreich einsetzte und zu seinem Markenzeichen machte.

Ein Urlaubshotel als Mikrokosmos
Wobei Die Ferien des Monsieur Hulot natürlich auch die konsequente Weiterentwicklung von Tatis Schützenfest ist, dem Spielfilmdebüt des Regisseurs. In beiden Fällen trat Tati als Hauptdarsteller in einem räumlich eng begrenzten Schauplatz auf, fuhr bzw. lief durch die Gegend, während um ihn herum vieles im Chaos endet. War es beim ersten Film noch das dörfliche Leben, welches wir im Brennglas des Komödianten in all seinen Details erkunden durften, so ist es hier eben das Hotel und der anliegende Strand, der zum Treffpunkt der unterschiedlichsten Leute wird. Leute, deren einzige Gemeinsamkeit die ist, dass sie sich einen schönen Urlaub gönnen wollen.

Dieser eng gestreckte räumliche Rahmen erlaubt es Tati, stärker mit wiederkehrenden Elementen zu arbeiten, gerade auch im Vergleich zu seinen späteren Werken. Das betrifft einerseits diverse Running Gags, darunter ein Plattenspieler, der so laut ist, dass er Reaktionen der anderen provoziert. Es betrifft aber vor allem die anderen Gäste, denen Hulot immer mal wieder über den Weg läuft, wie es nun einmal in einer solchen Urlaubsanlage der Fall ist. Wer die genau sind, erfahren wir dabei nicht. Die Ferien des Monsieur Hulot verrät ja selbst über seine Hauptfigur so gut wie nichts. Doch das bedeutet hier kein Manko. Vielmehr wird der Zuschauer auf diese Weise zu einem weiteren Gast, der herumschlendert und die anderen bei ihrem Alltag betrachtet, sich manchmal wundernd, oft amüsiert.

Der ganz normale, verrückte Alltag
Der Humor kommt dabei nahezu ohne Sprache aus. Es wird zwar noch mehr geredet als in anderen Filmen Tatis. Die Sprache dient aber selten einer Informationsvermittlung, wird lediglich zu einem von mehreren Hintergrundgeräuschen, wie dem Rauschen des Wassers, der Musik oder den aufkommenden Tennisbällen, die sich zu einem Klangteppich zusammenfügen. Das hat noch nicht ganz die surreale Kunstfertigkeit wie in Tatis Meisterwerk Playtime – Tatis herrliche Zeiten. Dafür ist die Komödie stärker am Leben dran, zeigt Menschen im normalen Miteinander, anstatt sich mit den Auswüchsen der modernen Gesellschaft auseinanderzusetzen. Hier wirkt niemand fremd oder isoliert, selbst dann nicht, wenn die unglaublichsten Dinge geschehen.

Dieses Nebeneinander von banalem Alltag und komischen Ereignissen ist weniger dazu gedacht, das Publikum zu einem Dauerlachen zu bewegen. Man schmunzelt mehr, als dass man grölt. Wobei die Einfälle durchaus witzig sind. Ein Höhepunkt ist Monsieur Hulots Betreten des Hotels, was für jede Menge Wind sorgt – wortwörtlich – und zahlreiche kleine Auswirkungen, die sich daraus ergeben. Gleichzeitig ist der Film von Wärme geprägt, von einem Verständnis für die Menschen und ihre kleinen täglichen Wünsche und Probleme. Von einer Nostalgie auch, die Erinnerung an einen Urlaub, in dem dauernd etwas schief geht, an den man aber voller Wehmut zurückdenkt. Tati hat hier eine Komödie geschaffen, die schon damals zeitlos war und in ihrer scheinbaren Belanglosigkeit das Menschliche entdeckt.

Credits

OT: „Les Vacances de Monsieur Hulot“
Land: Frankreich
Jahr: 1953
Regie: Jacques Tati
Drehbuch: Jacques Tati, Henri Marquet, Pierre Aubert, Jacques Lagrange
Musik: Alain Romans
Kamera: Jacques Mercaton, Jean Mousselle
Besetzung: Jacques Tati, Nathalie Pascaud, Michele Rolla

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Academy Awards 1956 Bestes Drehbuch Jacques Tati, Henri Marquet Nominierung

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Die Ferien des Monsieur Hulot
„Die Ferien des Monsieur Hulot“ war der erste Film des großen Regisseurs Jacques Tati, in dem er seine berühmte Figur Monsieur Hulot spielte. In der Komödie geschieht dauernd etwas, gleichzeitig aber nicht. Die Kunst des Filmemachers ist die Detailarbeit, gekoppelt an ein großes Einfühlungsvermögen, welches die skurrilen Urlaubsmissgeschicke zu einem zeitlos-nostalgischen Vergnügen macht.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Eine Antwort

  1. David

    Ein Klassiker, den immer mal wieder anzuschauen lohnt. Liebenswürdig, amüsant, an ein paar Stellen dann auch mal zum Brüllen komisch. Sehr hübsch aktuell die Hommage im Tatort mit „Die Ferien des Monsieur Murot“.

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