Fantasy made in Germany, das hat Seltenheitswert. Mit Die Wolf-Gäng (Kinostart 23. Januar 2020) steht einer dieser seltenen Vertreter und erzählt eine Geschichte, die gleichzeitig bekannt und doch irgendwie anders sind. Basierend auf einer Romanreihe von Wolfgang Hohlbein nimmt uns Tim Trageser mit in ein abgelegenes Dorf voller magischer Wesen, in dem eine Elfe, ein Vampir und ein Werwolf die Welt retten müssen – trotz diverser kurioser Handicaps. Wir haben uns mit dem Regisseur getroffen und ihn zu seinen Erfahrungen befragt und welche Herausforderungen er selbst zu überwinden hatte, um seinen Kinder- und Jugendfilm umsetzen zu können.

Können Sie uns ein wenig zur Entstehungsgeschichte des Films erzählen?
Ich habe mit Christian Becker von Rat Pack an der Filmhochschule zusammen studiert und wir haben uns schon bei den Kurzfilmen unterstützt. So eine Bande, die du an der Filmhochschule knüpfst, die ist unersetzbar. Es gab danach immer wieder Berührungspunkte, dass wir zusammen einen Film machen wollten, aber das hat aus verschiedenen Gründen nie geklappt. 2012 hat er mir erzählt, dass er die Rechte an der Wolf-Gäng-Reihe von Wolfgang Hohlbein hat und fragte mich, ob ich Interesse hätte. Ich fand den Pitch toll: Der Vampir, der klein Blut sehen kann, der Werwolf mit Tierhaarallergie und die Elfe mit Flugangst. Das war einfach spitze. Es hat dann erst mal lange gedauert, weil alle mit anderen Projekten beschäftigt waren und wir uns auch wirklich die Zeit nehmen wollten, um ein schönes Drehbuch zu entwickeln. Es gab ja keinen Zeitdruck für uns.

Und wie war das mit der Finanzierung?
Das war schon deutlich schwieriger, ja. Das größere Problem war: Das Projekt war einfach zu teuer. In Deutschland sind die Budgets viel niedriger als in den USA. Für den Preis von einem Harry Potter-Film kann ich 25 Teile von Die Wolf-Gäng drehen. Gleichzeitig sind die Ansprüche und Sehgewohnheiten beim Kinopublikum so hoch, dass von dir erwartet wird, eben das Niveau abzuliefern, das sie von anderen Filmen gewohnt sind. Da musst du dich einerseits von freimachen können, gleichzeitig aber auch gewisse Sehgewohnheiten bedienen, damit die Kinder nicht sagen: Das interessiert mich nicht. Das merke ich an meinem Sohn. Der ist elf und hat echte Ansprüche, wie etwas auszusehen hat.

Welche Herausforderungen gab es sonst noch beim Dreh?
Wir mussten eine echt schwierige Balance halten. Einerseits war es uns wichtig, eine Freigabe ab sechs Jahren zu erhalten, damit der Film von möglichst vielen gesehen werden kann. Gleichzeitig sollte er aber auch so spannend und actionreich sein, dass die 12-Jährigen reingehen. Denn zwischen 6-Jährigen und 12-Jährigen liegen natürlich Welten, da ist die Spanne bei der Altersfreigabe von Filmen schon sehr groß. Wenn du zu gruselig wirst, bereitest du den Kindern noch Albträume, was ja keiner will. Zu zimperlich darf man dann auch nicht sein, die Kinder wollen ja trotzdem auch den Thrill im Kino haben, wie wir Erwachsenen.

Wie ist Crailsfelden entstanden?
Auch da gab es einen gewissen Spagat. Wir wollten einerseits, dass der Film in der heutigen Zeit spielt, die Kinder z.B. Handys haben. Gleichzeitig wollten wir, dass in Crailsfelden die Zeit stehen geblieben ist, in einem Look der 50ern und 60er, also in der Zeit, als die Hammer Studios ihre Blütezeit mit Frankrensteins Fluch und Dracula hatten. Deshalb haben die Geschäfte bei uns alle Marquisen, die Leute fahren VW Käfer, die Männer tragen Hüte und die Frauen Röcke. Alleine schon moderne Autos im Bild hätten viel kaputt gemacht. Da kann man viel von englischen Filmen lernen, egal ob nun Harry Potter oder auch Paddington. Und auch bei den Monstern haben wir uns an den alten Filmen der 50er/60er orientiert. Wir zeigen Monster, wie sie die Kinder kennen und lieben, aus der Filmreihe Hotel Transilvanien oder wie sie sich an Fasching verkleiden.

Das tut man ja auch, weil man sich als Kind gern vorstellt, selbst ein Fantasy-Wesen zu sein. Wenn Sie es sich aussuchen könnten, welches Wesen wären Sie gerne?
Ich wäre glaube ich am liebsten die Elfe bzw. ein Elf, weil Fliegen für mich das Größte wäre. Ich habe auch als Erwachsener immer mal wieder den Traum, dass ich fliegen kann. Aber den haben glaube ich viele. Andere zu heilen, wäre natürlich auch toll.

Kannten Sie die Bücher eigentlich vorher?
Nein. Ich habe mir dann den ersten Roman durchgelesen. Und es gibt ja auch Hörspiele dazu. Ich habe dabei schnell gemerkt, dass das zwar eine sehr charmante Grundidee ist, aber so nicht auf einen Kinofilm übertragbar, weil die Geschichten zu episodisch waren. Es fehlte der klassische Überbau. Außerdem hatte die Reihe das Glück, sich viel Zeit lassen zu können. In einem Kinofilm musst du dann aber doch mehr Gas geben, weswegen wir einiges geändert haben.

War Herr Hohlbein dabei involviert?
Er war auf dem Laufenden, hat uns aber immer vollen Freiraum gegeben. Er wusste, dass es da einen großen Unterschied gibt zwischen Film und Buch.

Welche Bücher haben Sie selbst damals als Kind gelesen?
Die rote Zora und Tom Sawyer. Verschiedene Bücher von Paul Maar. Christine Nöstlinger, Peter Härtling. Und natürlich Momo, Die unendliche Geschichte und Jim Knopf von Michael Ende. Als ich noch jünger war Pumuckl. Die Bücher habe ich geliebt und sie jetzt auch meinen eigenen Kindern nahegebracht. Das sind wahnsinnig schöne Geschichten, weil Pumuckl unglaublich frech ist und immer wieder Fehler macht, aber immer etwas daraus lernt.

Die Wolf-Gäng

Eine Elfe mit Flugangst, ein Vampir, der kein Blut sehen kann, und ein Werwolf mit Tierhaarallergie: In „Die Wolf-Gäng“ müssen drei ungewöhnliche Helden die Welt retten (© 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH)

Was können wir von Die Wolf-Gäng lernen?
Ich denke, dass wir von den drei magischen Schülern, die Handicaps haben und von den anderen gemobbt werden, lernen können, dass man ist, wie man ist. Dass man seine Schwächen überwinden kann.

Wenn man sich Ihre Filmografie anschaut, dann sind da einige Dramen dabei, viele Krimis … und jetzt plötzlich zwei Kinderfilme in Folge. War dieser Wandel so geplant?
Ich habe das schon immer gewollt, mal einen Kinderfilm zu machen. Es gab auch verschiedene Projekte, die dann aber doch nicht geklappt haben. Wir hätten Die Wolf-Gäng auch schon ein Jahr früher drehen können. Das haben wir dann aber verschoben, damit ich Hilfe, ich habe meine Eltern geschrumpft machen konnte. Der war dann eine große Chance mich bei einem Kinderfilm zu beweisen. Das wiederum hat mir dann bei Die Wolf-Gäng geholfen, zum Beispiel bei der Finanzierung. Denn wie Sie schon sagen, ich war eigentlich für andere Arten von Filmen bekannt, nicht für Kinderfilme. Aber ich genieße das sehr, da ich jetzt für meine Kinder Filme machen kann. Wenn ich einen Tatort drehe, dann können die den ja nicht sehen.

Hilft es denn, als Regisseur von Kinderfilmen selbst Kinder zu haben?
Ich würde natürlich nie einem kinderlosen Regisseur absprechen, dass er das nicht auch kann. Du musst als Schauspieler ja auch kein Mörder sein, um einen spielen zu können. Aber es hilft bestimmt schon bei dem Umgang mit Kindern. Man versteht die vielleicht einen Tick noch mal anders. Außerdem erfährt man immer in Gesprächen, was die cool finden und was nicht. Und das hilft schon bei der Konzeption von so einem Film. Wobei du deine Kinder aber nicht als alleinigen Maßstab nehmen solltest.

In Die Wolf-Gäng kommt das Thema der Ausgrenzung gleich doppelt vor. Zum einen werden die drei Kinder von den anderen an der Schule ausgegrenzt. Gleichzeitig grenzt sich das ganze Dorf von der Außenwelt ab. Warum tun die das? Schützen sie sich vor den Menschen oder schützen sie die Menschen vor sich?
In Crailsfelden leben nur magischen Wesen, die sich nicht mehr vor den Menschen verstecken wollen, wenn sie unter ihnen leben. Es ist ja sehr anstrengend, seine wahre Identität verbergen zu müssen. Das ist wie wenn jemand sich nicht outen kann oder möchte, weil die Umgebung schwierig ist und das anfeindet. Die Menschenwelt ist wahrscheinlich noch nicht so weit, dass sie Vampire, Werwölfe und Zombies unter sich akzeptieren würde. Sollte es zu einer Fortsetzung kommen, würde ich aber gerne den umgekehrten Weg gehen, dass die Wolf-Gäng ins Reich der Menschen geht. Das könnte ich mir sehr gut wie in Men in Black vorstellen, dass unter den Menschen lauter magische Wesen leben, von denen niemand etwas weiß. Eine weitere Möglichkeit wäre aber auch, zu anderen Dörfern in magischen Wäldern zu gehen, die im Film erwähnt werden.

Ausgrenzung gibt es ja auch unter den Menschen genügend, wie zuletzt wieder deutlich wurde. Wird die Welt in Ihren Augen derzeit toleranter oder intoleranter?
Das ist schwierig zu beantworten. Ich bin ein optimistischer Mensch, für mich ist das Glas immer halb voll und nicht halb leer. Man muss das auch langfristiger betrachten. Kurzfristig kann man natürlich schon den Eindruck haben, dass es schwieriger wird, sich alles immer mehr polarisiert und die Welt intoleranter wird. Ich denke aber, dass wir uns insgesamt in die richtige Richtung bewegen. Wenn ich mit meinem Sohn über Homosexualität oder Diversität spreche, dann merke ich, wie aufgeschlossen er damit umgeht, und seine Freunde auch. Das war während meiner Jugend in den 80ern noch anders. Da war „Schwul“ ein Schimpfwort.Da hat sich viel gebessert, die Welt wird langfristig besser und ich hoffe, dass die derzeitigen intoleranten Strömungen wieder vergehen werden. Das heißt aber nicht, dass wir nichts tun müssen und einfach auf eine bessere Welt hoffen. Ich finde beispielsweise die „Fridays for Future“ Bewegung sehr wichtig.

Tim Trageser Wolf-Gäng Interview

© 2020 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH / Thomas Lohnes / Getty Images für Sony Pictures

Zur Person
Tim Trageser wurde am 28. November 1969 in Frankfurt am Main geboren. Von 1991 bis 1994 studierte er Publizistik und Theaterwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und arbeitete als freier Reporter. Nach diversen Kurzfilmen folgte 2001 sein Spielfilmdebüt Clowns, eine Mischung aus Krimikomödie und Liebesfilm. Später blieb er gerade dem Krimi treu und inszenierte zahlreiche Filme fürs Fernsehen.



(Anzeige)

Tim Trageser [Interview]
3.85 (76.92%) 13 Artikel bewerten

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Eine Antwort

Hinterlasse eine Antwort für Filmforum Bremen » Das Bloggen der Anderen (20-01-20) Antwort abbrechen

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.