Kommentare zu: Ein verborgenes Leben https://www.film-rezensionen.de/2019/12/ein-verborgenes-leben/ Popcornkino und Independent Thu, 23 May 2024 06:25:02 +0000 hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.9.4 Von: Erich Fischer https://www.film-rezensionen.de/2019/12/ein-verborgenes-leben/comment-page-1/#comment-1341829 Thu, 23 May 2024 06:25:02 +0000 https://www.film-rezensionen.de/?p=128989#comment-1341829 Technisch und schauspielerisch ist dieser Film ziemlich perfekt, aber:
Nach dem Krieg wurde Franz Jägerstätter von den Behörden nicht als Widerstandskämpfer anerkannt, mit der Begründung: Seine Überzeugung nicht für Hitler zu kämpfen, entsprang nicht einem Abwehrwillen gegen den Nationalsozialismus für ein freies Österreich, sondern aus Gründen seiner Religionsanschauung. Das trifft auch meine Ansicht, denn im Gegensatz zu einem wirklichen Widerstandskämpfer hat er nur seinen religiösen Wahn befriedigt, wollte dafür letztendlich bewusst ein Jesus gleicher Märtyrer werden, hat mit seiner selbstherrlichen Abgehobenheit aber nichts anderes erreicht, als seine Familie ins Unglück zu stürzen (wobei seine Frau allerdings offenbar auch tief religiös war und ihn nicht umstimmen konnte oder wollte), hingegen dem Naziregime im Unterschied zu einem echten Widerstandskämpfer nicht den geringsten Schaden zugefügt. Was im Film seine Schwägerin als Egoismus rügt, nämlich als für die Familie schädlichen Stolz und Hochmut, einzig auf sein eigenes Seelenheil bedacht. Eine Verbohrtheit, die sich auch darin zeigt, dass er in seiner religiösen Verblendung mehrfach den Kompromiss ablehnte, als Sanitätssoldat einen Kriegsdienst ohne Waffe zu leisten (scheiß auf den Eid auf den Führer, das sind doch nur belanglose Worte!), wo doch die Rettung oder Versorgung von Verwundeten wohl auch in einem unrechtmäßigen Krieg human, wahrscheinlich sogar gottgefällig ist.
2007 wurde Franz Jägerstätter, über den sich früher nicht nur katholische Laien, sondern auch geistliche Würdenträger durchaus ambivalent geäußert hatten, schließlich als Märtyrer seliggesprochen, womit er sein Ziel spät aber doch erreicht hatte. Das hat aber in Zeiten, wo der katholischen Kirche die Gläubigen und gar die Heiligen zunehmend abhanden kommen, nicht viel zu sagen, schließlich wurde schon 2004 sogar Kaiser Karl, 1916-1918 Kriegsherr u.a. mit Giftgaseinsatz, der nicht einmal einen Märtyrertod, sondern 1922 im Exil auf Madeira an einer Lungenentzündung gestorben ist, seliggesprochen, weil er im Jahr 1960 posthum eine Ordensschwester, die ihn anrief, von ihren Krampfadern geheilt haben soll (= ein Wunder)…
Die quälende Überlänge des Films hat nur mein Mitleid mit der gepiesackten armen Familie Jägerstätters verstärkt, aber kein Verständnis für Franz Jägerstätter selbst erbracht, welches ich nur für echte Widerstandskämpfer habe, die für eine bessere Zukunft ihres Landes und ihrer Familie mit effizienten Gegenschlägen gegen Nazieinrichtungen, Bonzen oder Besatzer tatsächlich aktiv wurden.
Wie schaut’s heutzutage mit Wehrdienstverweigerung aus: Gemäß Artikel 4 der Europäischen Menschenrechtskonvention darf zwar niemand zu Zwangs- oder Pflichtarbeit gezwungen werden, sehr wohl aber im Rahmen einer allgemeinen Wehrpflicht zu Wehrdienst bzw. – sofern wie z.B. in Österreich vorgesehen – alternativ zu zivilem Wehrersatzdienst. Verweigerung wird bestraft, allerdings sehr milde.

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Von: Martin Zopick https://www.film-rezensionen.de/2019/12/ein-verborgenes-leben/comment-page-1/#comment-1341589 Tue, 21 May 2024 09:36:31 +0000 https://www.film-rezensionen.de/?p=128989#comment-1341589 Terence Malick hat auf die ihm eigene Art einen sehr menschlichen Film über den ‘Widerstandkämpfer‘ Franz Jägerstätter (August Diehl) gemacht. Das Familienleben des dreifachen Vaters und liebenden Ehemannes steht im Zentrum der Handlung. Den philosophisch getragenen Dialogen wird breiter Raum gegeben. Und wenn man das Ende kennt, nimmt es kaum Wunder, dass der Film nicht unbedingt spannend ist. Selbst die Nazis verbreiten wenig Angst und Schrecken; sind halt a bisserl brutal. Der Regie sind offenbar die Reaktionen des Umfeldes viel wichtiger. Die der Dörfler und die in Berlin.
Das geht von Missachtung (Bespucken) bis zu Handgreiflichkeiten. Dessen ungeachtet spielt die menschliche Seite eine wichtige Rolle selbst im philosophischen Disput, neben den Selbstreflektionen von Franz.
Malick hat ein lange Promiriege eingesetzt – zu lang um sie aufzuzählen. Jeder von ihnen spielt seinen Part brav runter. Die etwas abgehobene Sprache – teilweise aus dem Off – schafft eine gewisse Distanz zum Publikum. Enthält aber auch Allgemein Platituden wie z.B. Das Gewissen macht Feiglinge aus uns allen. oder: ein finales Zitat von George Elliott ‘Wir werden das Land wieder aufbauen.‘ Ehefrau Franziska (Valerie Pachner) ruft ihrem Mann nach ‘Franz wir sehen uns.‘ Das löst Verwunderung aus und passt zu den Bildern wie der Berg zum Tal. Das malerische Ambiente ist ein passender Rahmen für das Familienidyll. Malick ist bemüht dem Eidverweigerer Franz aus Gewissengründen gerecht zu werden. Der Zuschauer verfolgt das wie er einen emotionalen Zeitungsbericht zur Kenntnis nimmt. Und der Titel hilft da auch nicht weiter, vergrößert höchstens die Ratlosigkeit.

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