„Varda par Agnès“ // Deutschland-Start: 6. Februar 2020 (Kino)

Mit 89 Jahren das erste Mal für einen Oscar nominiert zu werden, das muss man erst einmal hinbekommen. Natürlich hatte Agnès Varda zu dem Zeitpunkt aber schon eine goldene Statue zu Hause, einen Ehren-Oscar für ihr Lebenswerk. Und in Europa wurde sie ohnehin schon früher gewürdigt, erhielt die Goldene Palme in Cannes, ebenfalls für ihr Lebenswerk, einen Ehren-César, den Ehren-Leopard von Locarno, dazu den Goldene Löwe von Venedig – dieses Mal regulär. Das ist viel überfällige Ehrerbietung für eine Frau, die das europäische Kino des 20. Jahrhunderts entscheidend mitgeprägt hat, ohne dabei nennenswerte kommerzielle Erfolge gefeiert zu haben.

Im März 2019 ist die Großmutter der Nouvelle Vague gestorben, mit 90 Jahren. Nicht aber, ohne zuvor noch einen weiteren, letzten Film zu drehen. Passenderweise ist Varda par Agnès ein Rückblick geworden, ein Abschluss für eine lange Karriere. Sichtlich gezeichnet von den körperlichen Beschwerden sprühte die Regielegende aber bis zuletzt vor Leben, trat nach wie vor öffentlich auf, um mit anderen über ihre Filme zu reden. Eben solche Diskussionen und Vorträge hat sie hier zusammengetragen und mit einigen anderen Aufnahmen verbunden, die sich ebenfalls mit ihrem künstlerischen Schaffen auseinandersetzen.

Schaut, was ich gemacht habe!
Anders als etwa Die Strände von Agnès, in dem sie sich von ihrer persönlichen Seite zeigte, ist der neue Dokumentarfilm ihrer Arbeit gewidmet. Den Löwenanteil machen dabei ihre Filme aus, beispielsweise Cleo – Mittwoch zwischen 5 und 7 und Vogelfrei, zwei ihrer wichtigsten Titel. In diesen Passagen erinnert sie sich mal allein, mal in Begleitung, wie sie ihre Filme drehte und welche Entscheidungsprozesse dahinterstanden. Das ist spannend, zumindest für diejenigen, die bislang nur wenig über Varda wussten. Aber auch wer sich bereits mit dem Oeuvre der Grande Dame auskennt, bekommt die eine oder andere Anekdote, die zuvor vielleicht unbekannt war – auch zu den weniger beachteten Filmen.

Mindestens ebenso interessant sind aber die Ausführungen zu ihren Videoinstellationen, denen gegen Ende ein bisschen Raum zugestanden wird. Die sehr persönliche Aktion rund um 14 Witwen lässt die Menschen hinter den Bildern hervortreten, auf eine erstaunlich universell zu verstehende Weise. Kurioser ist da schon der Abschied von ihrer Katze, die einen ganz besonderen Ort für ihre letzte Ruhe bekommen hat. Kurios, aber auch warmherzig, eine Kombination, die Varda in dem zusammen mit JR gedrehten Augenblicke: Gesichter einer Reise bereits demonstriert hat.

Ein alter Körper voller Charme und Wärme
Ohnehin, die Stärke von Varda par Agnès sind gar nicht mal unbedingt die Werke des in Belgien geborenen Urgesteins des französischen Kinos. Es ist das Urgestein selbst. Wenn sie Erinnerungen an das Publikum verschenkt, auch mal selbstironische Bemerkungen mit den Zuhörern und Zuhörerinnen teilt, dann hört man ihr gebannt zu, ob nun Filmfan oder nicht, ob als Kenner oder zufällig Anwesender. Mit Humor und scharfem Blick ging sie auf die Welt zu, wollte alles genau festhalten. Sie war nicht an Glamour oder Stars interessiert, auch wenn sie sich freute, mit diesen mal zu verkehren. Bei ihr kamen die Nobodys zu Wort: Bäcker, Straßenkünstler, Fischer.

Lange bevor sich Varda komplett dem Dokumentarfilm verschrieb, griff sie immer wieder auf Elemente und Techniken desselben zurück. Grenzen wurden dabei gerne mal ignoriert, naturalistische Momente und filmische Experimente waren für sie kein Widerspruch. Varda par Agnès, das auf der Berlinale 2019 Premiere hatte, feiert diese Widersprüche mit einem schelmischen Lächeln aber auch einer leisen Melancholie, die ein solcher Rückblick mit sich bringt. Das mag dann nicht ganz den Unterhaltungsfaktor und die Verspieltheit von Vardas vorangegangenem Augenblicke: Gesichter einer Reise haben, ist aber ein würdiger und schöner Abschied von einer der charismatischsten und lebendigsten Stimmen, die das europäische Kino hervorgebracht hat.



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Varda par Agnès
In „Varda par Agnès“ blickt die französische Filmikone Agnès Varda auf ihr künstlerisches Schaffen zurück und teilt mit dem Publikum viele Einblicke und Anekdoten. Das letzte Werk zeigt das Urgestein charismatisch wie eh und je, die dokumentarische Nabelschau ist ein würdiger Abschied von einer wichtigen Stimme des europäischen Kinos.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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