(OT: „Das System Milch“, Regie: Andreas Pichler, Deutschland/Italien, 2017)

Das System Milch

„Das System Milch“ läuft ab 21. September 2017 im Kino

Man solle nicht über verschüttete Milch weinen, heißt ein bekanntes Sprichwort. Damit soll zum Ausdruck gebracht werden, dass es sich nicht rentiert, sich zu sehr mit Vergangenem aufzuhalten. Es bringt aber auch gleichzeitig zum Ausdruck, wie wenig wichtig Milch heute noch genommen wird. Warum auch? Es gibt mehr als genug davon, der tierische Rohstoff ist so billig, dass es kein großer Verlust ist, wenn davon etwas verlorengeht. Zumindest nicht für den Konsumenten. Aber was bedeutet diese geringe Wertschätzung eigentlich für die Bauern? Die Menschen, die damit ihr Geld verdienen?

Eine ganze Reihe von ihnen lässt Andreas Pichler zu Wort kommen, der schon in Das Venedig Prinzip seine Vorliebe für nüchterne Titel und Themen des Untergangs zeigte. Milchbauern vor Ort, in Skandinavien, selbst im fernen Afrika. Die Bedingungen sind natürlich unterschiedlich, gerade zwischen den verschiedenen Kontinenten. Eines eint aber alle Interviewten: Wer mit Milch handelt, der steht immer kurz vorm Existenzaus. Ohne die vielen Subventionen aus Brüssel würde zum Beispiel in Deutschland keiner mehr davon leben können.

Milch ist zu billig
Also endlich mal ein Grund, der Europäischen Union dankbar zu sein? Nicht, wenn es nach Das System Milch geht. Die Kernaussage der Doku ist einfach: Milch ist heute viel zu billig, die Subventionen verzerren den Markt. Sieben Cent müsste der Liter mehr kosten, damit die Branche wieder nachhaltig arbeiten könnte. Sieben Cent, das ist für den einzelnen nicht viel, in der Summe aber gewaltig. Und doch ist es ein Politikum, wie Pichler und seine Interviewpartner erzählen. Der niedrige Preis ist kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis knallharter Vorgaben der mächtigen Molkereien. Denn die, so der Film, haben am Ende das Sagen.

Den Bauern bleibt nichts anderes übrig, als sich dem Druck zu unterwerfen und möglichst effizient zu arbeiten. Effizient hört sich gut an, wird von wirtschaftsfreundlichen Menschen immer wieder erfordert. Im Bereich Milch sind die Folgen jedoch eher befremdlich, wenn nicht gar furchterregend. Kühe werden so sehr auf Hochleistung hin gezüchtet, dass ihre Lebenserwartung nur ein Viertel der natürlichen beträgt. Männliche Nachkommen werden, vergleichbar zu männlichen Küken, schnell entsorgt. Denn die geben ja keine Milch, eine Haltung von Bullen ist nicht kostendeckend. Und auch in der Masse hat sich etwas getan. Wo früher noch Betriebe mit 35 Kühen ein alltäglicher Anblick waren, braucht es heute schon mehrere Hundert, um irgendwie mithalten zu können.

Zaghafte Versuche und wenig Macht
Versuche sich gegen das herrschende System zu stellen gibt es immer mal wieder welche. In Afrika beispielsweise, wo besagte Bauern einen Zusammenschluss suchen, um sich gegen die europäischen Dumpingpreise zu wehren. In Europa, wo Bio-Betriebe zumindest auf regionales Futter setzen, anstatt Billigimporte zu verwenden. Gleichzeitig bewegt sich auch in Asien etwas, wenngleich nicht so wie erwartet: In China trinken sie Milch, viel Milch, um groß und stark zu werden. Die einst an europäische Bauern versprochene Belohnung ist jedoch ausgeblieben. China produziert lieber selbst, beherrscht das Spiel mit riesigen und billig produzierenden Höfen schließlich so gut wie kaum ein anderer. Was also tun? Das System Milch weiß selbst keine Antwort, keine naheliegende Lösung. Zumindest stellt der Film aber die Fragen, zwingt uns damit auseinanderzusetzen, was es bedeutet, wenn wir unsere Milch verschüttet haben und sie schulterzuckend wiederaufwischen. Wie viel uns unser tägliches Molkereiprodukt wert ist. Wie viel es uns wert sein sollte.

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Milch kostet heute praktisch nichts, das ist für die Konsumenten toll! Oder doch nicht? „Das System Milch“ wirft einen ernüchternden Blick auf eine Branche, die aufgrund mächtiger Interessenverbände gar nicht nachhaltig arbeiten kann. Wirkliche Lösungen bietet die Doku auch nicht an, regt aber doch zum Nachdenken und dem bewussten Umgang mit einer wenig wertgeschätzten Ressource an.
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