(„Die Hölle – Inferno“ directed by Stefan Ruzowitzky, 2016)

„Die Hölle – Inferno“ läuft ab 19. Januar im Kino

Die türkischstämmige Österreicherin Özge (Violetta Schurawlow) lässt sich so leicht von niemandem etwas sagen: In Ihrem Kickbox-Club prügelt sie schon mal andere ins Krankenhaus, auch Familienpatriarch Samir (Robert Palfrader) bekommt immer wieder ihre Widerspenstigkeit zu spüren. Als die Taxifahrerin eines Nachts aber einen grausamen Mord an einer Prostituierten beobachtet, bekommt sie es doch mit der Angst zu tun. Was wenn der Täter sie erkannt hat? Ihre schlimmsten Befürchtungen scheinen sich zu erfüllen, als der Unbekannte ihre Cousine ermordet und nun auch sie im Visier hat. Hilfe findet sie dabei zwar bei Ermittler Christian Steiner (Tobias Moretti), aber auch der kann nicht verhindern, dass der Mörder ihr dicht auf den Fersen ist.

Mit bösartigen Filmen kennt man sich ja durchaus aus bei unseren südlichen Nachbarn, ob es nun Michael Haneke (Funny Games) ist, Ulrich Seidl (Im Keller) oder das Duo Veronika Franz/Severin Fiala (Ich seh, ich seh), die Österreicher schauen doch ganz gerne in die menschlichen Abgründe. Insofern dürfte es eigentlich auch niemanden überraschen, wenn Stefan Ruzowitzky seine Figuren durch eine blutig-irrwitzige Jagd durch Wien schickt. Eine Jagd, die so gar nichts mit dem zu tun hat, was wir sonst aus deutschsprachigen Genrevertretern gewohnt sind, und auch daraus ihre Kraft schöpft.

Stylisch und dreckig zugleich ist es, was der seinerzeit für Die Fälscher mit einem Oscar als bester fremdsprachiger Film ausgezeichnete Regisseur hier auf die Leinwand zaubert. Ein Film, der sich in Dreck und Blut suhlt, in dem Frauen die Kehlen aufgeschnitten werden, der gleichzeitig aber auch neonhell beleuchtet wird. Visuell ist das beeindruckend, zumal es mit einem Affentempo einhergeht, wenn der Mörder Özge durch die ganze Stadt jagt, ihr sowohl privat wie auch beruflich immer wieder auflauert. Man mag hier gar nicht glauben, dass es wirklich Österreich ist, das wir hier sehen, vielmehr fühlt man sich an selige Giallo-Zeiten erinnert.

Nur dass hier eben eine türkischstämmige Familie im Mittelpunkt steht, von Steiner einmal abgesehen wir in einen Mikrokosmos eintauchen, der völlig unabhängig von dem Setting existiert. Özges Kampf gegen den Mörder ist daher gleichzeitig auch der Kampf gegen ein sehr von Traditionen geprägtes, frauenfeindliches Wertesystem. Das ist auf der einen Seite erfrischend, denn eine derart unabhängige, selbstbewusste Protagonistin sieht man in einem Thriller auch 2017 nur selten. Die Idee, eine sehr konventionelle Verbrecher-verfolgt-Zeuge-Geschichte mit Aspekten zu kombinieren, die Konventionen leidenschaftlich, geradezu manisch in Stücke reißen, die ist durchaus interessant. Aber leider nicht immer geglückt.

So künstlich die schnell geschnittenen, hypnotisch funkelnden Bilder sind, so künstlich ist auch der Inhalt. Von der Motivation des Täters über die Art und Weise, wie er Özge verfolgt, bis hin zu seinem eigenen unvermeidlichen Ende, es ist eine Mischung von Klischees, Zufälligkeiten und Reißbrettkonstrukten, die mehr Funktion als Ausdruck ist. Die gute Absicht ist Die Hölle – Inferno anzurechnen, aber es ist eben nur wenig subtil, wie das Ganze hier zusammengehämmert wurde. Ein Film, der mehr sein will als eben „nur“ ein Thriller, noch etwas Gesellschaftskritik und Romantik einzubauen versucht, damit aber übers Ziel hinausschießt und die anfangs so beeindruckende Energie verpuffen lässt.

Die Hölle – Inferno
4.18 (83.53%) 17 Artikel bewerten

Die Hölle – Inferno
Wenn hier ein Serienmörder eine türkischstämmige Wienerin jagt, dann ist das ebenso temporeich wie blutig, hypnotisch wie beeindruckend. Die Geschichte kommt dabei aber kaum hinterher, ist an der einen Stelle zu konventionell, an der anderen zu ambitioniert, bei ihren noblen Absichten insgesamt dann doch zu plump.
6von 10

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